Der Widerspenstigen Zähmung

14 06 2012

„Die Schwestern sind alle drinne.“ Gründlich, aber langsam feudelte die Putzfrau die Treppenstufen am Eingang. Eine dickliche Dame im Pepitakostüm krähte aus dem Park herauf. „Das geht so nicht, das müssen Sie immer von rechts nach links, das geht doch sonst nicht!“ Ich blickte auf die ordentlich geschnittenen Hecken und die Blumenwiese. Ja, hier war ich richtig. Hier war das Zentrum des Widerstandes.

Herr Holtzer war ein besonders kritischer Fall. „Offenbar hat er eine schwere Aversion gegen vernünftiges Denken.“ Schwester Reinhild schob ihm ein Paar braungrauer Filzpantoffel hinüber, da der Lesesaal nicht mit Straßenschuhen betreten werden durfte. „Will keine Pantoffeln“, maulte er. „Will nicht anziehen! Keine Pantoffeln, die sind mir viel zu teuer!“ „Herr Holtzer“, redete die Pflegerin auf ihn ein, „die brauchen Sie gar nicht…“ Der Alte blieb stur; mit einem Ruck trat er die Latschen von sich. „Die sind mir zu teuer! Bezahlen Sie die? Ich kaufe mir keine Pantoffeln!“ Nicht einmal davon, dass die Hausschuhe kostenlos seien, ließ er sich beruhigen. Schwester Reinhild warf mir einen vielsagenden Blick zu. Und ich begriff sofort. „Sie dürfen mir das gar nicht vorschreiben! Ich werde mich bei der Anstaltsleitung beschweren, jawohl! Über Sie werde ich mich beschweren, weil Sie mir nämlich gar nichts zu befehlen haben!“ Resolut schob Schwester Reinhild ihm die Schuhe vor die Füße und herrschte ihn an. „Ich bin Ihre Oberschwester, ich handle im Auftrag der Anstaltsleitung, und wenn Sie nicht auf der Stelle Ihre Pantoffel anziehen, werden Sie den Lesesaal nicht betreten!“ Zitternd vor Wut streifte Herr Holtzer die Schuhe über und schlurfte davon. „Das ist wohl fortgeschrittenes Stadium“, sagte ich mitfühlend, „man merkt ihm die Demenz recht deutlich an – die Persönlichkeit zersetzt sich langsam, die Manieren lassen nach…“ Schwester Reinhild pruschte. „Quatsch, der war nur vierzig Jahre lang im mittleren Management.“

Wir sahen den Besuchern des Sanatoriums zu, wie sie unter der Leitung von Frau Doktor Dübel Pfirsiche aßen, denn eigentlich aß keiner von ihnen Pfirsiche. „Es passt doch jetzt gar nicht“, klagte die eine, während eine andere sich beschwerte, dass sie überhaupt keine Zeit habe, einen Pfirsich zu essen. „Immer dasselbe“, klagte Schwester Reinhild, „sie sind einfach unverbesserlich. Das waren einmal die Stützen der Gesellschaft.“ „Es ist diese mangelnde Entscheidungsfreude“, mutmaßte ich. Sie lächelte, aber es sah müde aus. „Sie finden für alles eine Entschuldigung, um nichts verändern zu müssen. Sie wollen im drei Uhr keinen Pfirsich essen, weil es zu früh ist, und gleich darauf ist es zu spät. Wenn man sie fragt, wann sie denn ihren Pfirsich essen möchten, sagen sie: wir haben gar keine Zeit dazu. Und wenn man sie danach befragt…“ „… dann beschweren sie sich, weil man ihnen keine Pfirsiche gibt, richtig?“ Sie nickte resigniert.

Ein junger Pfleger brachte mit viel Geschick den ehemaligen Augenarzt Plöttgemeier dazu, auch bei regnerischem Wetter einen hellen Anzug zu tragen (es handelte sich um einen Sommeranzug mit Leinen, aber Plöttgemeier verließ das Haus so gut wie nie), während sein Nachbar Riemenschmitt schon auf das Anlegen einer nicht gestreiften Krawatte mit äußerster Angriffslust reagierte. „Ich hatte schon mal eine“, zischte der Oberinspektor, „die wurde mir aber aus der Umkleidekabine im Freibad gestohlen. Ich trage seither ausschließlich die gestreiften.“ „Vor einem Monat hatte er uns noch erzählt, er sei zu beschäftigt, um sich eine einfarbige auszusuchen.“ Der Pfleger legte die Schlipse zusammen und verstaute sie in einer Tasche. „Außerdem wusste er, dass er nur einen schwarzen würde tragen wollen.“ Ich stutzte. „Den trägt man doch sonst nur…“ Er ahnte wohl, worauf ich hinaus wollte. „Nein, das ist nicht das Problem. Er hat das wohl bewusst ausgewählt, damit er sich nicht zwischen den verschiedenen Schwarztönen entscheiden kann.“

In der Eingangshalle spielten unterdessen eine Lehrerin und eine ehemalige Ministerin Karten, vielmehr: sie unternahmen den untauglichen Versuch, denn sie warfen einander ständig neue Gründe vor, sich nicht auf ein Spiel einigen zu müssen. Es war anfangs nicht ganz unlustig, verlor jedoch nach einer halben Stunde etwas an Reiz.

„Vielleicht“, schlug ich Frau Doktor Dübel vor, „sollten Sie Ihre Methoden einmal überdenken. Es geht bei Ihnen doch recht eintönig zu.“ „Was denken denn Sie“, schnappte die Dame zurück. „Wozu müssen wir unsere Methoden ändern? Wieso wir und nicht die Patienten? Bis jetzt lief doch immer alles gut?“ „Das kann auch täuschen“, bohrte ich weiter, „motivieren Sie Ihre Herrschaften denn auch ausreichend? Setzen Sie ihnen Anreize, mit Ihrem Personal effektiv zusammenzuarbeiten?“ Schwester Reinhild schwieg betreten. „Wir könnten höchstens einmal eine Arbeitsgruppe bilden“, murmelte die Ärztin, „und dann müssten wir natürlich auch noch die gesamte Anstaltsleitung überzeugen. Und den Aufsichtsrat. Und die Gremien, verstehen Sie? die Gremien!“ „Und Sie denken nicht, dass Sie selbst ein gewisses Maß an Widerspenstigkeit besitzen? Handelt es sich nicht um eine klassische Gegenübertragung?“ Sie drehte sich wortlos um und schritt wütend in den Lesesaal. „Wir haben alles versucht“, seufzte Schwester Reinhild, „aber wir hätten doch nicht mit ihr reden können. Oder?“