Gernulf Olzheimer kommentiert (CLIV): Modekrankheiten

15 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Krankheit wohnt etwas Mystisches inne; war im Frühstadium der Hominisation, als der Genomzonk mit den Frontallappen-Update gerade seine Sterblichkeit zu thematisieren begann, jedes Schnüpfchen schon ein Eingriff der Dämonen in die rationale Welt – der männliche Teil der heutigen Zivilisation bewahrt diesen Atavismus liebevoll und traditionsbewusst – so wandelte sich mit dem Aufkommen des Schamanen, der über den Status des Medizinmannes schließlich einen eigenen elitär ausgerichteten Berufszweig erfand, das Verhältnis von Erkrankung und Heil grundlegend. Wer die Versuche des Therapeuten lebend überstand, der war auch fit genug für den Rest der Existenz. Ein ums andere Geschlecht wuchs heran, die Lebenserwartung stieg, die Krankheit verlor ihren existenziellen Schrecken. Doch sie wandelte sich, und wie alles Nutzlose gebar sie eine eigene Mode. Die Modekrankheit war geboren,

Ist der Beknackte wirklich unpässlich, so greift er zur angesagten Krankheit – Fußpilz kann jeder, und wer sich erkältet, zeigt schon qua Virus, dass er sich zu oft und zu eng mit dem Pöbel abgibt. Exklusiv muss das Leiden sein, möglichst mit einem gewissen edlen Touch, der auf gehobenem Lifestyle basiert, und dabei doch noch nicht einen Heroismus fordern, wie ihn Arthrose oder das Usher-Syndrom erzwingen. Plattfüße? zu vulgär. Migräne macht einen auch gleich so krank. Dann lieber eine der Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie sie zahlreich und zu unscharf für eine saubere Differenzialdiagnose durch die Wartezimmer der höheren Gesellschaft diffundieren.

Von einigem Interesse ist doch, dass das hippe Siechtum sich als Qualitätsaccessoire behauptet in einer Zeit, die vor fingerdick aufgetragener Unverwundbarkeit, Leistungsbereitschaft und obszön hervorgeprotzter Jugendlichkeit nur so brüllt. Wer würde freiwillig mit seinem Rheuma, Alzheimer oder Magengeschwür prahlen? wer sich der Schweißfüße bezichtigen oder mit Mundgeruch angeben? Es schwingt doch der bornierte Urmensch noch an seiner fernen Liane mit, wenn der magisch denkende Jetztzeitler die Krankheiten bar jeder medizinisch vernünftigen Genese kategorisiert und mit einem eigenen Coolness-Faktor aufwertet. Verschleiß kommt nicht in die Tüte, degenerative Erscheinungen noch viel weniger – war wäre ein Trendlemming, müsste er sich mit einem veritablen Bandscheibenvorfall vom Meeting zum Clubhaus schleppen und dabei mit zusammengebissenen Zähnen allzeit Golfbereitschaft zischen. Schlimmer noch, was wäre ein Schnösel mit schwerer Impotenz, am besten noch das Gefäßgebrösel durch jahrelanges Saugen an der Lulle selbst in die Wege geleitet? Eine Null, nicht nur krankheitstechnisch. Dazu noch Schuppen und Karies, und das sozial verträgliche Frühableben wäre der einfachere Weg.

Der Mensch an der Schwelle zur Moderne wählte die geheimnisvolle Neurasthenie, die alles und nichts für den geneigten Hypochonder bot, um sich sein eigenes Symptombündel zu schwiemeln. Schlaflosigkeit, Nervosität, Stimmungs- und Blutdruckschwankungen, alles das hätte auch aus sitzender Tätigkeit mit intermittierendem Vollsuff kommen können, aber das esoterische Seelenaua passt dem dekorativen Gehirngestrüpp doch gleich viel besser in den Kram. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Volkskrankheiten, mit Burnout und Pollenallergie, Laktoseintoleranz, Neurodermitis und dem üblichen Pauschalgesabber, das einem bei zu langer Lektüre eines Gesundheitslexikons am Kopf erwischt. Der Krankheitsgewinn steht im Mittelpunkt – weniger Mitleid als respektvoller Distinktionsgewinn. Denn welcher Kesselschweißer oder Kuli hätte ernsthaft Zeit, sich über einen Tennisarm zu beschweren, zumal die gesellschaftliche Basis mit den Zipperlein des Überbaus nur einen einzigen Tag im Bett bleiben müsste, um sich hinterher einen neuen Job suchen zu dürfen. Der lustvoll zelebrierte Haarausfall samt Wässerchen und Shampoo aus der zu diesem Behufe aus dem Boden gestampften Industrien macht eben in der Oberschicht mehr her und passt in das Milieu wie die Ess-Brech-Sucht zum Supermodel und der Alkoholabusus zum Chefarzt.

Zum Schluss werden die Bekloppten alle glücklich und zufrieden sein; sie werden sich Schnitzel hinters Zäpfchen pfropfen und sie sofort wieder ins Porzellan lachen, depressiv, von Haltungsschäden und Nickelallergie gezeichnet, aber tief im Inneren gewiss, es geschafft zu haben. Eingewachsene Nägel hat höchstens ihr Personal. Und wenn sie sich auch nicht verständlich machen können, dass eine von Weichspülern induzierte Oberhautunverträglichkeit durch das sekundäre Gefühl der sozialen Ausgeschlossenheit ihnen mehr zu schaffen macht als manchem Leukämiepatienten im Endstadium, die wenigstens noch barmherzige Duldung finden für die Schicksalhaftigkeit ihres Leidens, so hat die Krankheit ihren Zweck erfüllt, denn letztlich sind wir mit ihr immer allein. Es ist, wie gesagt, ein Mysterium.