Dunkelgrün

19 06 2012

„Und die Energiewende, die machen wir dann rückgängig?“ „Wir halten sie erstmal auf.“ „Gut, aber den Truppenabzug aus Afghanistan.“ „Der wird sich bestimmt nicht realisieren lassen im dazu ausgearbeiteten Zeitrahmen.“ „Bleiben noch die Hartz-IV-Sätze.“ „Die heben wir etwas unter dem Inflationsausgleich an.“ „Und dann klappt das?“ „Merkel wird sich freuen. Das wird ein weiterer Schritt zur Regierungsbeteiligung der Grünen.“

„Das Projekt steht?“ „Von unserer Seite aus ja.“ „Dann müsste die Kanzlerin nur noch überzeugt werden, dass sie sich einen starken, verlässlichen Partner sucht.“ „Und wenn sie wieder die SPD nimmt?“ „Die hat sie doch schon kaputtgespielt.“ „Also bleibt ihr nur noch Dunkelgrün.“ „Wenn die FDP nicht plötzlich ihr Führungspersonal an die Laterne hängt und das Gegenteil dessen tut, was sie bisher propagiert hatte, sind nur noch wir da.“ „Und wie wahrscheinlich ist es, dass Merkel ausgerechnet mit uns koalieren wird?“ „Wie wahrscheinlich ist es, dass Gysi der nächste Außenminister wird?“

„Wir müssten noch mal über den Fiskalpakt reden. Und über den Stabilitätsmechanismus.“ „Die sind ja verfassungsrechtlich ziemlich umstritten.“ „Weiß ich.“ „Und wir haben dann auch keine Möglichkeit mehr zum Gegensteuern, wenn die Sache in die Hose geht.“ „Weiß ich.“ „Und sie wird in die Hose gehen.“ „Weiß ich.“ „Und damit werden Griechenland und die anderen Verlierer noch mehr geschädigt.“ „Weiß ich.“ „Also einfach mitmachen?“ „Das wäre ein klarer Punktsieg. Mit so einer Aktion hätten wir die Kanzlerin ganz klar auf unserer Seite – die FDP kann völlig unsinnige Aktionen nur in Regierungsverantwortung stützen, wir wären die ersten, die sogar in der Opposition hirnverbrannte neoliberale Klientelpolitik gegen die eigenen Überzeugungen mitmachen würde. Wenn wir das durchziehen, vergiftet Rösler seinen ganzen Haufen mit Zyankali.“

„Den Ökobonus, den behalten wir aber?“ „Das wäre noch zu klären.“ „Sie meinen, Merkel will den ganz für sich selbst beanspruchen?“ „Ach was, wir müssen nur die Strategie ändern. Schauen Sie, Urlaubsflüge, Autos, Elektrogeräte, das kostet ja alles Geld.“ „Verstehe – je mehr wir eine gesunde Prekarisierung in Deutschland fördern können, desto weniger Kohlendioxid stoßen wir aus.“

„Und die klare Distanz zu den Piraten müssten wir noch hinkriegen.“ „Damit Merkel uns glaubt, dass wir keine Koalition mit denen eingehen würden?“ „In erster Linie geht es darum, dass wir vollkommen reformunfähig erscheinen. Also die Bürgerversicherung statt Grundeinkommen, oder was die Parteibasis da gerne hätte.“ „Das war als politisches Signal gedacht?“ „Allerdings, was die Sozen machen, das können wir schon lange.“ „Mit der Bürgerversicherung würde sich definitiv nichts ändern.“ „Und die Putzfrau bezahlt wegen der Bemessungsgrenze für Ihren Chef mit.“ „Super! Und damit haben wir die Piraten weg?“ „Wir haben da schon mal etwas vorbereitet. Im Innenausschuss unterstützen wir die Vorratsdatenspeicherung.“ „Die ist auch nicht verfassungskonform.“ „Eben.“

„Hier, Mindestlohn?“ „Kann man machen. Macht ja Merkel vermutlich auch irgendwann, um die SPD noch schnell vor der Wahl auszubooten.“ „Das könnte gefährlich werden.“ „Wie soll das denn gefährlich werden?“ „Wenn Merkel jetzt wegen der SPD Mindestlohn will…“ „… und wir wegen Merkel…“ „… dann könnte rein theoretisch der Eindruck entstehen, dass wir den Mindestlohn wollten, weil wir in Wirklichkeit mit der SPD regieren möchten, wie wir es versprochen hatten.“ „Zwickmühle.“ „Man müsste vielleicht parteiintern kommunizieren, dass der Mindestlohn keine Arbeitsplätze schafft und für Arbeitslose auch nichts bringt.“ „Aber die SPD will ihn trotzdem?“ „Die will ihn gerade deswegen.“

„Das mit dem Spitzensteuersatz ist noch nicht so ganz ausgewogen.“ „Die SPD will ja ab 100.000 Euro alles spitzenbesteuern. Da wird Merkel sicher nicht mitmachen.“ „Also koalieren wir mit einem, der keinen höheren Satz will…“ „… oder mit einem, der den Spitzensatz für 0,6% der Steuerpflichtigen etwas anhebt.“ „Und am Ende zahlen von denen noch nicht mal alle Steuern, weil sie keine Lust haben.“ „Aber wir können schön dagegen sein.“ „Und Merkel nimmt uns das ab?“ „Sie weiß doch, wie egal das ist.“ „Uns?“ „Und überhaupt.“ „Und wenn wir bei den Koalitionsverhandlungen umfallen?“ „Dann wird sie sich über unser Zugeständnis freuen.“ „Gut so!“

„Könnten wir nicht einen kleinen Vorschuss gewähren?“ „Wie, Vorschuss?“ „An Vertrauen. So, dass die Kanzlerin merkt, auf ihre Grünen kann sie sich jederzeit verlassen.“ „Was schwebt Ihnen vor? Staatsballett zum CDU-Bundesparteitag?“ „Wir könnten beim nächsten Mal für das Betreuungsgeld stimmen.“ „Hm, klingt gut. Zumal wir dann nicht mehr das Problem hätten, dass die SPD sich mit uns Chancen ausrechnen würde.“ „Und vielleicht macht die Kanzlerin dann auch vorzeitig den Weg für Neuwahlen frei, weil sie mit unserer Haltung mehr anfangen kann als mit der FDP.“ „Und für den konservativen Flügel?“ „Jetzt wollen wir mal nicht übertreiben. Schließlich haben wir den Stuttgarter Schlosspark mit abgeholzt. Das wird man uns ganz bestimmt nicht als Zeichen zu guten Willens vorwerfen.“

„Und wenn es schiefgeht?“ „Wird es nicht. Da ist die CSU vor.“ „Die Quartalsirren?“ „Die haben aber ein sehr schön soziales Programm.“ „Damit können wir nicht konkurrieren.“ „Eben. Wir sichern Merkel den Arschlochfaktor.“ „Den was!?“ „Wir sind für die ganzen zwielichtigen Sachen zuständig. Hotelfrühstück, Steuererleichterungen für Korrupte, Ausleiern der Verfassung.“ „Das macht doch bisher die FDP?“ „Noch gibt’s die ja. Aber das wird dann eben unser Job.“ „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber das wird uns gewaltig Sympathie kosten.“ „Logisch.“ „Das nehmen Sie einfach so hin?“ „Das betrifft die Partei.“ „Also Sie und mich.“ „Lieber Kollege, nach vier Jahren sitzen wir beide warm und trocken im Vorstand eines Energiekonzerns und stellen fest, dass wir neue Kernkraftwerke brauchen in Deutschland, und zwar sofort und alternativlos. Wovor haben Sie Angst?“ „Sie und Ihr Zynismus, verdammt – zweifeln Sie denn gar nicht?“ „Doch. Manchmal liege ich nachts wach und habe große Sorgen.“ „Wovor?“ „Dass es nur für Rot-Grün reicht. Dann haben wir ein Problem. Dann müssen wir Politik machen.“ „Dann sind wir verloren.“ „Wem sagen Sie das!“


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