Die Kunst der Deduktion

20 06 2012

„Sie werden erwartet.“ Der Diener öffnete die Flügeltüren und deutete eine Verbeugung an. Der Raum lag im Halbdunkel; schwere Vorhänge aus weinrotem Samt hielten das Tageslicht ab. Mit unbewegter Miene saß der Gastgeber hinter seinem Schreibtisch, das Kinn spitz in die Luft gereckt, die Fingerspitzen aneinandergelegt. Ich erkannte ihn sofort. Es war Sherlock.

„Sie gehen keiner geregelten Tätigkeit nach“, eröffnete er unvermittelt das Gespräch, „außerdem sind Sie ein Hundenarr.“ Ich lächelte. „Sie werden mir sicher verraten, woran Sie das erkannt haben.“ „Nichts leichter als das!“ Holmes setzte sich auf. „Sie sind nicht mit dem üblichen Zehn-Uhr-Zug gekommen, denn sonst wären Sie sicher eine Viertelstunde früher eingetroffen. Wenn Sie aber länger schlafen können, sind Sie niemandem Rechenschaft schuldig.“ „Richtig“, antwortete ich, „allerdings hatte ich auf der Anfahrt das Bedürfnis, bereits in Regent’s Park auszusteigen und ein paar Schritte zu Fuß zu gehen. Eine ältere Dame bat mich, ihr die Reisetasche aus dem Kofferraum zu heben, und einem Touristen, der mich mit einem Einheimischen verwechselt hatte, musste ich den Weg zur Devonshire Street erklären. Übrigens bin ich um acht gekommen, der Zug hatte nur reichlich Verspätung. Bliebe der Hund.“ „Sie werden die blonden Haare an Ihren Hosenbeinen sicher nicht absichtlich angebracht haben“, grummelte er. „Sie stammen von einem mittelgroßen, stämmigen Hund.“ „Das entspräche so weit den Tatsachen“, bestätigte ich, „allerdings handelte es sich um ein Tier, das im Zug mitfuhr. Wäre ich ein Hundenarr, ich hätte mich sicherlich heruntergebeugt, um seine Flanken zu streicheln, und mir dabei ein paar Haare auf den Ärmeln zugezogen. Das wird Ihnen doch wohl nicht entgangen sein?“

Er nippte an seinem Tee. „Wie Sie soeben selbst erlebt haben, ist die Methode der Deduktion stets mit einer gewissen Fehleranfälligkeit behaftet. Man erkennt die wahren Gründe immer erst auf den zweiten Blick.“ Belustigt beugte ich mich über den Tisch. „Und das von Ihnen, Meister – Sie sind doch sonst unfehlbar.“ Ich hatte mit kaustischer Ironie gerechnet, mit einem kurzen, harten Zornausbruch, doch Sherlock schwieg. Bedächtig stellte er die Tasse ab und griff hinter sich, wo der persische Pantoffel auf dem Kaminsims lag. Der Detektiv stopfte sorgfältig seine Pfeife, bevor er mich musterte. „Sie sind vielleicht in der Lage, meine Schlussfolgerungen als fehlerhaft zu erkennen, da Sie selbst die Tatsachen wissen. Aber wir haben nun einmal nicht jederzeit Zugang zu den Fakten und müssen ohne sie entscheiden, was uns wahrscheinlich ist, so wenig es auch glaubwürdig ist. Sie wissen, dass ich in diese missliche Lage geraten bin?“ Ich nickte. „Die Metropolitan Police hat sich gebrüstet, einen der brillantesten Ermittler im Kampf gegen den Terror in ihren Reihen begrüßen zu dürfen.“ Verärgert klopfte Sherlock auf die Lehne. Sie haben nicht einmal angefragt. Ich habe es aus der Zeitung erfahren!“

Videoprints langen ausgebreitet auf dem Tisch, Gesichter, Menschenmengen, Ströme. „Sie erwarten von Ihnen, dass Sie die Verbrecher erkennen?“ Er nickte amüsiert. „Der da sieht aus, als hätte er sich gerade empfindlich gestoßen, aber das Gesicht kann man auch ziehen, wenn man eine Portion Chips zu schnell heruntergewürgt hat. Und dieser hier, höchst verdächtig – man erkennt überhaupt nichts.“ „Es wird also Ihre Aufgabe sein, auf allen diesen Bildern nach mutmaßlichen Terroristen zu suchen, die die Olympischen Spiele zum Anlass nehmen, einen Terroranschlag auszuführen?“ Holmes massierte sich nachlässig die Knöchel. „Es erinnert ein wenig an Lavaters Hokuspokus, Diebe an der zu kurzen Nase zu erkennen. Heute heißt das Biometrie und ist ein einleuchtendes Fundament, wenn man sich mit Rassehygiene beschäftigt.“

Vor meinem Auge erschienen endlose Ströme von Zugpassagieren, die an den Kameras vorbei glitten, auf einer Konserve landeten und vielleicht Jahrzehnte später aus musealem Interesse begafft wurden. Sinnlose Bilder, eine vollkommen sinnlose Maßnahme, schon weil niemand recht wusste, wonach sie eigentlich suchen sollten. „Die Attentäter werden einige Minuten zuvor am Embankment ausgestiegen sein, oder sie fahren gleich mit dem Rad.“ „Und wie werden Sie sich in der Sache verhalten?“ Resolut legte er die Pfeife in den Zinnteller. „Gar nicht. Wie Sie wissen, handelt es sich bei einer Vielzahl von Verdachtsfällen gar nicht um Verbrechen. Die Metropolitan Police braucht bloß etwas, um sich wichtig zu machen. Und Sie wissen nun, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Solange man nicht weiß, was die Tatsachen sind, muss man die Wirklichkeit auch nicht entdecken wollen.“ Mit dem ausgebrannten Zündholz kratzte Sherlock vorsichtig den Pfeifenkopf aus. „Außerdem haben Sie Ihren Mantel in der Garderobe gelassen“, kicherte er vergnügt, „Sie haben den Hund doch gestreichelt.“


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2 responses

20 06 2012
lamiacucina

Demnac wäre Holmes gar nicht in den Reichenbachfällen bei Meiringen zu Tode gestürzt ? Also verlängert Pfeifenrauchen das Leben ! Unglaubwürdig, aber logisch.

20 06 2012
bee

Vollkommen richtig. Wer sich vornimmt, am nächsten Tag noch eine Pfeife zu rauchen, hat gar keine Möglichkeit, das Zeitliche zu segnen 😉

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