Gernulf Olzheimer kommentiert (CLV): Jugendherbergen

22 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Womit nicht findet sich der Mensch ab, zumal dann, wenn er heimatfernes Gelände erkundet. Die billigste Kaschemme ist ihm malerisch, schmierige Ungezieferzuchtanlagen nimmt er als Imbissbude mit Lokalkolorit in Kauf, 360-Grad-Bewässerung mit mangelndem Lärmschutz preist er als Freiheit, die nur der Campingplatz verspricht – noch eine Null-Sterne-Grabkammer mit Originalmistkäfern und historischem Deckenmodder macht ihn zum begeisterten Freizeitägyptologen. Klaglos duldet er Frühstücksbüfetts, die als Mülldeponie ernsthafte Chancen hätten, vor der Asse zu laden. Kein Personal ist ihm peinlich. Seltsame Blüten treibt diese Anpassungsfähigkeit an die Widrigkeit der Lebensumstände, denn der Beknackte wurde so früh wie nachhaltig sozialisiert. Er durchlief in seiner Schulzeit die Jugendherberge.

In die Landschaft geklotzte Störversuche aus Waschbeton und Besenginster laden den auf der Durchreise gestrandeten Zaungast zum Betreten: wer sich innen aufhält, muss das Elend wenigstens nicht von draußen ansehen. Muff quillt aus den Fugen, sobald man die Eingangstür hinter sich gelassen hat – farbig markierte Gänge, für Deppen im Vollsuff geeignete Zimmersuchsysteme im rustikalen Charme einer geschlossenen Anstalt und die visuelle Anmutung eines Holzverschnittlagers prägen das Erscheinungsbild der Bettenburg. Ihren Zweck impft sie sofort ein, wem dieser Anblick einmal zuteil wurde: wer das sieht, flieht. Alles ekelt gezielt durch in Gelsenkirchener Spätbarock plastinierte Tristesse den zahlenden Gast aus dem Haus, damit die Angestellten ihrer ordnenden Pflicht nicht nachzukommen brauchen. Und genau so ist es in heimischen Hotels, wo um halb neun der Reisende rüde vor die Tür getreten wird, um in Wanderstiefeln und Gebirgshütlein die Museen der Metropole zu erkunden, Hauptsache weg und raus und nicht mehr im Zimmer, wo kommen wir denn da hin. Dass in der Zwischenzeit der vertraglich festgelegte Nassfeudelvorgang nur auf dem Papier stattfindet, ist ein Zeichen besonderer Tradition.

Zahlreiche Kriege haben diesen Kontinent verwüstet, aus irgendeinem muss immer irgendein Doppelstockbett samt Spindwand und Spiegel übrig geblieben sein, wie er die Kasernenästhetik der Herberge prägt. Depressives Braun, Schimmelgrau, Verwesungstöne schwiemeln sich in die Netzhaut, wo keine Hoffnung schimmert, dass ein Blick aus dem Fenster den Aufenthalt irgendwie erträglicher gestalten könnte. Und doch birgt dieser Raum die Erfüllung, spiegelt er doch zutiefst die Sehnsucht aller Zwangsreisenden wider, die Suche nach einer miefigen Heimat, der man doch gerade erst mit knapper Not entkommen war. So mag uns noch die hinterletzte Pension ein Zuhause vortäuschen, wir sehen es in der ästhetisch zweifelhaftesten Variante.

Der Aufenthaltsraum, meist mit einer maroden Tischtennisplatte ohne Netz samt Stapelstühlen und einem Fernsehempfangsgerät ausgestattet, treibt die Insassen pfeilschnell wieder auf die Flure, deren Bodenbelag für paläoanthropologische Seminare ein gefundenes Objekt darstellte. Durchgelegene Matratzen, staubiges Mobiliar, Vorhänge im Wehrmachtsdesign, nichts lässt den Behämmerten süßer in Melancholie verfallen als der Gedanke an die hospizähnlichen Mahlzeiten. Bröselndes Graubrot, körperwarmer Hibiskustee, Kunsthonig sowie zu Wurstscheiben geronnenes Restspeckfett verdecken die Resopal gewordene Bitterkeit des Speisesaals mit dürftigen Mitteln. Hier wurde die pappige Nudel erfunden, von der Küchenhilfe aus der Therme in den Servierkübel gespachtelt. Die Hauptzutaten haben Bismarck noch persönlich gekannt, inzwischen ein Studium der Soziologie und Kunstgeschichte absolviert und züchten Mais auf dem Fensterbrett. Der Verschickte drückt sich die Analogkäsesemmel hinters Zäpfchen und leiert im Sinne der großen Touristikkonzerne sein Feingefühl aus – später wird der Urlauber mit Lust nur da meckern, wo ihm die dreistöckige Schokoladentorte eine Spur zu langsam serviert wird; er will auf hohem Niveau schlechte Laune verbreiten, sonst nähme man ihm, dem Socken-und-Sandalenträger, seine weltläufige Nonchalance ja nie richtig ab. Natürlich hätte man ihn auch gleich in den Knast stecken können, doch trotz Freigang und Aussicht auf zügige Rückkehr nimmt der Jugendliche in seiner sensiblen Phase die Prägung schneller an; wo es nicht primär Strafe ist, erkennt der Bescheuerte leichter die Lust an der Unterordnung an, wie sie ihm ein despotisches Ferienlager oder ein Bootcamp reinwürgt. Um zehn werden die Türen verrammelt, um halb elf das Licht gelöscht, nachts belfern Bluthunde im Vorhof, damit nicht aus Versehen jemand aus dem Fenster stiege, die Landschaft zu erkunden. Man erträgt das nicht nur, weil man sowieso freiwillig dort ist, man fühlt sich nur um so freier, weil man eigentlich gehen könnte. Sofort. Wenn man nur diese verdammte Tür von innen aufbekäme.

Eines Tages wird es soweit sein. Dann hat die Krise das Land zerstört, der Chinese hat noch einmal den Hobel angesetzt, die Oberschicht prahlt mit Monatslöhnen knapp an der Armutsgrenze, und die anderen richten sich in den Sammelunterkünften ein, wo sie in der Ausschussware der für Taiwan produzierten Schlichtmöbel schichtweise hausen und Fensterkitt lutschen, um sich für den großen Krieg zu rüsten. Alle werden sie vergeblich darauf hoffen, dass wenigstens die Weihnachtsansprache der Kanzlerin abgeschafft wird, aber alle werden sie doch froh bekennen, so übel wie seinerzeit in der Jugendherberge ist es noch nicht.