Egoland

28 06 2012

„Das hatte ich jetzt richtig verstanden? Solange sie lebt?“ „Womit es wieder einmal bewiesen wäre: diese Kanzlerin fährt auf Sicht.“

„Scheinbar ist die Guteste im Fußballfieber?“ „Weil sie sich selbst Mut macht, nachdem sie endlich begriffen hat, dass sie nach der nächsten Niederlage raus ist?“ „An sich meinte ich nur diese Affinität zu Eigentoren.“ „Versuchen wir es lieber mit dem klassischen Autofahrergleichnis. Das ist die einzige Metapher, die der Deutsche akzeptiert.“ „Danach wird sie dem Gegenverkehr aus Prinzip nicht ausweichen.“ „Wie sich das eben für eine Geisterfahrerin gehört.“

„Merkel widerspricht sich selbst doch selbst.“ „Das wäre noch zu hinterfragen, vor allem vom Ende aus gesehen – entscheidend ist ja, was hinten rauskommt.“ „Nach einer Laufzeitverlängerung um jeden Preis, der Beibehaltung der Wehrpflicht und der Weigerung, auch nur einen Cent an Griechenland zu zahlen, könnte man die Haltung der Bundeskanzlerin als dialektisch erfolgsorientiert ansehen.“ „Und dann wäre ein Einknicken in der Frage der Schuldenverteilung anständig.“ „Der Punkt ist, dass sie ihr Versagen nicht einmal mit machtpolitischen Phrase verkaufen kann.“ „Glaube ich nicht. Der Punkt wird sein, dass sie das Versagen der Regierung nicht wird wegmoderieren können.“ „Weil sie sich zu oft geirrt hat?“ „Weil sie es keinem Minister in die Schuhe schieben kann.“

„Warum macht man so eine Erklärung?“ „Als kleinen, sympathischen Aussetzer?“ „Sie meinen so wie damals, als sie sich ganz christlich über die völkerrechtswidrige Ermordung von bin Laden freute?“ „Wäre denkbar. Allerdings muss man dabei beachten, dass die Kanzlerin von Wirtschafts- und Finanzpolitik spricht.“ „Angie gegen den Rest der Welt?“ „Verkehrs- und Sozial- und Kultur- und Innenpolitik ist doch für die FDJlerin dasselbe: Machterhalt.“ „Sie war für das bisschen Vakuum, das Sarkozy hinterlassen hat, offensichtlich nicht schnell genug.“ „Und Hollande scheint zu wissen, was gespielt wird. Der Luftraum für weitere Eskalationen wird langsam knapp.“ „Ich begreife es trotzdem nicht: sie lügt entweder mit dem Rücken an der Wand oder sie hat längst jede Bodenhaftung verloren und lebt ihre Wolkenkuckucksträume im Egoland aus, wo man sich die Wirklichkeit aus kleinen Klötzchen zurechtbastelt.“ „Sie passt sich dem Niveau ihres Koalitionspartners an.“ „Es scheint der Masterplan der Kanzlerin zu sein, dass sie eine nicht demokratisch legitimierte Finanzjury als Ersatzregierung installieren will und kurz zuvor noch verkündet, gegen die Ziele der Zentralisten angehen zu wollen. Ein Besoffener, der seine Schuhe nach dem Mond schmeißt, um das Licht auszuknipsen, könnte nicht glaubwürdiger sein.“ „Sie müssen das mit dem christlichen Dualismus immer im Hinterkopf behalten. Merkel weiß zwar, dass sie die Axt an die Demokratie legt, aber sie macht ihre Bedenken vorher noch transparent.“ „Dann ist es das neoliberale Erfolgsmodell: wenn alle sich im Rahmen der unabänderlichen Möglichkeiten um Konkurrenzfähigkeit auf den demokratiekonformen Märkten bemühen, dann werden nach der Theorie am Ende auch alle Sieger im Wettbewerb, weil alle Exportweltmeister sind und bei allen anderen Guthaben besitzen, so dass es überhaupt keine Schulden gibt.“ „Sie rauchen das Zeug von Westerwelle, oder?“

„Keinem ist es aufgefallen: diese Kanzlerin warnt vor Scheinlösungen und Augenwischerei.“ „Lustig, dann hat sie zur Kenntnis genommen, dass die Euro-Krise nichts ist als eine Refinanzierung von Spekulationsverlusten? Welches Kasino würde einem, der sich an der Roulette um Kopf und Kragen spielt und von der Bank den Einsatz erpressen will, freundlicherweise die Kohle wieder in die Hand drücken? Nebst Zinsen?“ „Sie hat in ihrem moralischen Eifer sicher Bonds mit Boni verwechselt.“ „Den Unterschied hat ihr Ackermann erklärt?“ „Das ist die Logik aus dem Kinderland der bunten Klötzchen: wenn Merkel rechtzeitig einen Schuldigen für die Insolvenz der Bundesrepublik benannt hat, dann sind die anderen Verursacher aus dem Schneider.“ „Da werden sich die Zocker aber mal freuen, dass ihre Handpuppe so viel Macht demonstriert hat.“ „Das sieht schließlich nach Verantwortungsbewusstsein aus und verdient tiefen Respekt.“ „Irrtum ausgeschlossen?“ „So sicher, wie die Mauer in hundert Jahren noch steht.“

„War das eine etwas verfrühte Eröffnung des Wahlkampfes?“ „Bestimmt nicht. Dazu hätte sie ja wissen müssen, wovon sie spricht.“ „Im Leben nicht!“ „Eben. Und vielleicht identifiziert sie sich auch inzwischen so sehr mit dem Euro, dass Sie dessen Exitus für sich selbst in Anspruch nimmt.“ „Sie wird uns sicher nicht verlassen, ohne uns an den größten Geheimnissen teilhaben zu lassen.“ „Als da wären?“ „Wie man durch Sparen die Wirtschaft ankurbelt. Und wie Exportwirtschaft ohne Kapitaltransfer funktioniert. Der Nobelpreis dürfte ihr sicher sein.“

„Meinen Sie, irgendjemand würde noch einmal mit Nachsicht über diese Kanzlerin urteilen?“ „Nur über ihre Leiche.“