Gernulf Olzheimer kommentiert (CLVI): Der Nazivergleich

29 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wie viele Dinge gibt es nicht, in denen jeder Anfänger, einschließlich des kompletten Ignoranten sowie des von jeder Sachkenntnis ungetrübten Großmauls, sich bereits als Meister wähnt: Fußball, Kraftfahrzeuge, ja selbst Unangenehmes wie Politik bleibt nicht von der Hybris des Banausen verschont. Am wenigsten verzeiht der Dünkel den Vorwitz im weiten Feld der Rhetorik – wer keine tauglichen Gründe gefunden hat, muss noch nicht fähig sein, sie ins Gefecht zu führen. Früher oder später tappt jeder in die Falle, die ihn grinsend erwartet mit dem Rotzfleckchen unter der Nase, der Nazivergleich.

Der durchschnittliche Nazivergleich trifft alles und jeden, die Bedienung im Gartenlokal wie den beschränkten, aber harmlosen Provinzpolitiker. Wo immer der intellektuelle Luftraum sich dem Vakuum nähert, werden der Bettnässer aus Braunau samt seiner Helfer aus der Jokerschublade gezerrt, dürfen gegen Außenpolitik, Menschenrechte oder den Bierpreis antreten und verschwinden klein und stinkend wieder im Modder des Irrationalen. Was da plötzlich alles wie Hitler ist – drittklassiges Ministermaterial, inkompetente Bankster, Richter und Staatsanwälte, geistliche Vorturner diverser Weltanschauungsvereine, kurz: jeder – und wie Hitler spricht und Sachen macht, die Hitler entweder getan hat, getan hätte, hätte tun können, sicher getan haben wird, auch wenn man es ihm beim besten Willen nicht nachzuweisen vermag. Der Bibliotheksdirektor, der ohne Vorwarnung die Benutzer von Mobiltelefonen aus seinen Haus werfen lässt, ist mindestens so hitler (die Benutzung als Adjektiv greift ja inzwischen Raum) wie was auch immer. Und so soll es ja auch sein.

Der Depp im Braunrausch ist nicht einmal Nazi, auch wenn er von Geschichte im Allgemeinen nicht viel und vom Zeitalter des Faschismus meist noch weniger Ahnung hätte (was mit einer NS-Tapete im Schädelinneren bestens zusammengeht), er popelt nur gerne alles und jeden aus dem historischen Kontext heraus und wählt die auf dem kognitiven Abenteuerspielplatz einfachste Methode, den Superlativ. Wie der Jugendliche seinen Sturm und Drang mit echt, voll und total vor der milderen Wirklichkeit schirmt, so lässt der Pseudogebildete gerne den Wort-Führer komparierend aufmarschieren ad usum Adolphini, und er drückt die ganz dicke Tube dazu, weil er sonst hinten nicht mehr hochkäme. Ein Totschlagargument, das den Weg frei räumen soll, jedoch einen eingebauten Bumerang besitzt. Mit der Nazikeule semmelt sich vor allem der Träger eins in die Gesichtsreste.

Abgesehen davon, dass Nazivergleiche meist aus der Rede derer stammen, die sich für politisch begabt und korrekt ausdrucksfähig halten, sind sie in zweierlei Hinsicht zweifelhaft verschwiemelter Verbalmüll, der lediglich die Fanalität des Blöden unterstreicht. Er ist nur ein sinnloses Aufpusten minderwertiger Schwurbelei, dem das laute Entweichen folgt, begleitet von Faulgerüchen und Knallgas. Wer sich als hampelnde Beilage am Bühnenrand wohlfühlt, während die Eier fliegen, wird diese Situation schätzen. Denn mit tödlicher Sicherheit folgt im öffentlichen Wettbewerb um Aufmerksamkeit im Getöse der reinen Vernunft, die schmachvolle Entzauberung durch den Skandal, der die Verhältnisse ohne Rücksicht wieder ordnet. Noch keiner hat diese Niederungen ohne freigiebige Nasenblutspende verlassen, meist mit der doppelten Blöße, für den Eigenseich auch noch peinlich um Entschuldigung bitten zu müssen, was eine weitere Schwäche der rhetorischen Position darstellt. Andererseits reiht sich mit der historischen Niedervoltleistung der Verbreiter der Botschaft freiwillig ein in eine Riege der Vorbelasteten, alle mit dem Mal versehen, den Lebensunterhalt mit dümmlichem Gerümpel zu fristen und für höhere Aufgaben nicht wirklich geeignet zu sein.

Ist der Nazivergleich noch Warnmeldung der klar Sehenden? Selten bis gar nicht verwenden die geistig Zurechnungsfähigen das zur Tranfunzel verkommene Lichtschwert des politischen Rhetors, da sie um die Abnutzungseffekte im Diskurs wissen und sich nicht mit dem populistischen Geplärr von Schiefmündern und Rollklumpfüßen gemein zu machen suchen. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein lebender Diskutant seinen Zuhörern noch vom Wiedererstarken der alten Kräfte erzählen konnte, der postmoderne Vergleicher will ausschließlich den Popanz, um ihn mit wie auch immer gearteten Moralfragen behängen zu können: Babycaust, Iran, Parteispenden. Der politisch korrekte Impetus, wie er nach 1945 berechtigt gewesen sein mag und notwendig war, verkehrt sich ins Gegenteil.

Nur manchmal, ganz manchmal, wenn die Stille die Druckfehler in den Folianten knistern lässt, dann entpuppt sich ein Hitlervergleich als wahr. Saddam, die Marionette der Industrienationen? Ein drittklassiger Diktator, den man drohen und rüsten lässt, dem man seine kleinen Privatkriege vor der Haustür erlaubt, wenn er dafür nur die Befreiung durch den Kommunismus zurückdrängt? Ein schnauzbärtiger Psychopath, den man erst in die Schranken weist, wenn er sich nicht mehr an die Abmachungen hält? Seien wir vorsichtig, wen dieser Vergleich träfe. Er sollte wenigstens Hunde mögen. Oder in München gelebt haben. Aber da soll’s ja noch andere gegeben haben.