Die Kunst der Deduktion

20 06 2012

„Sie werden erwartet.“ Der Diener öffnete die Flügeltüren und deutete eine Verbeugung an. Der Raum lag im Halbdunkel; schwere Vorhänge aus weinrotem Samt hielten das Tageslicht ab. Mit unbewegter Miene saß der Gastgeber hinter seinem Schreibtisch, das Kinn spitz in die Luft gereckt, die Fingerspitzen aneinandergelegt. Ich erkannte ihn sofort. Es war Sherlock.

„Sie gehen keiner geregelten Tätigkeit nach“, eröffnete er unvermittelt das Gespräch, „außerdem sind Sie ein Hundenarr.“ Ich lächelte. „Sie werden mir sicher verraten, woran Sie das erkannt haben.“ „Nichts leichter als das!“ Holmes setzte sich auf. „Sie sind nicht mit dem üblichen Zehn-Uhr-Zug gekommen, denn sonst wären Sie sicher eine Viertelstunde früher eingetroffen. Wenn Sie aber länger schlafen können, sind Sie niemandem Rechenschaft schuldig.“ „Richtig“, antwortete ich, „allerdings hatte ich auf der Anfahrt das Bedürfnis, bereits in Regent’s Park auszusteigen und ein paar Schritte zu Fuß zu gehen. Eine ältere Dame bat mich, ihr die Reisetasche aus dem Kofferraum zu heben, und einem Touristen, der mich mit einem Einheimischen verwechselt hatte, musste ich den Weg zur Devonshire Street erklären. Übrigens bin ich um acht gekommen, der Zug hatte nur reichlich Verspätung. Bliebe der Hund.“ „Sie werden die blonden Haare an Ihren Hosenbeinen sicher nicht absichtlich angebracht haben“, grummelte er. „Sie stammen von einem mittelgroßen, stämmigen Hund.“ „Das entspräche so weit den Tatsachen“, bestätigte ich, „allerdings handelte es sich um ein Tier, das im Zug mitfuhr. Wäre ich ein Hundenarr, ich hätte mich sicherlich heruntergebeugt, um seine Flanken zu streicheln, und mir dabei ein paar Haare auf den Ärmeln zugezogen. Das wird Ihnen doch wohl nicht entgangen sein?“

Er nippte an seinem Tee. „Wie Sie soeben selbst erlebt haben, ist die Methode der Deduktion stets mit einer gewissen Fehleranfälligkeit behaftet. Man erkennt die wahren Gründe immer erst auf den zweiten Blick.“ Belustigt beugte ich mich über den Tisch. „Und das von Ihnen, Meister – Sie sind doch sonst unfehlbar.“ Ich hatte mit kaustischer Ironie gerechnet, mit einem kurzen, harten Zornausbruch, doch Sherlock schwieg. Bedächtig stellte er die Tasse ab und griff hinter sich, wo der persische Pantoffel auf dem Kaminsims lag. Der Detektiv stopfte sorgfältig seine Pfeife, bevor er mich musterte. „Sie sind vielleicht in der Lage, meine Schlussfolgerungen als fehlerhaft zu erkennen, da Sie selbst die Tatsachen wissen. Aber wir haben nun einmal nicht jederzeit Zugang zu den Fakten und müssen ohne sie entscheiden, was uns wahrscheinlich ist, so wenig es auch glaubwürdig ist. Sie wissen, dass ich in diese missliche Lage geraten bin?“ Ich nickte. „Die Metropolitan Police hat sich gebrüstet, einen der brillantesten Ermittler im Kampf gegen den Terror in ihren Reihen begrüßen zu dürfen.“ Verärgert klopfte Sherlock auf die Lehne. Sie haben nicht einmal angefragt. Ich habe es aus der Zeitung erfahren!“

Videoprints langen ausgebreitet auf dem Tisch, Gesichter, Menschenmengen, Ströme. „Sie erwarten von Ihnen, dass Sie die Verbrecher erkennen?“ Er nickte amüsiert. „Der da sieht aus, als hätte er sich gerade empfindlich gestoßen, aber das Gesicht kann man auch ziehen, wenn man eine Portion Chips zu schnell heruntergewürgt hat. Und dieser hier, höchst verdächtig – man erkennt überhaupt nichts.“ „Es wird also Ihre Aufgabe sein, auf allen diesen Bildern nach mutmaßlichen Terroristen zu suchen, die die Olympischen Spiele zum Anlass nehmen, einen Terroranschlag auszuführen?“ Holmes massierte sich nachlässig die Knöchel. „Es erinnert ein wenig an Lavaters Hokuspokus, Diebe an der zu kurzen Nase zu erkennen. Heute heißt das Biometrie und ist ein einleuchtendes Fundament, wenn man sich mit Rassehygiene beschäftigt.“

Vor meinem Auge erschienen endlose Ströme von Zugpassagieren, die an den Kameras vorbei glitten, auf einer Konserve landeten und vielleicht Jahrzehnte später aus musealem Interesse begafft wurden. Sinnlose Bilder, eine vollkommen sinnlose Maßnahme, schon weil niemand recht wusste, wonach sie eigentlich suchen sollten. „Die Attentäter werden einige Minuten zuvor am Embankment ausgestiegen sein, oder sie fahren gleich mit dem Rad.“ „Und wie werden Sie sich in der Sache verhalten?“ Resolut legte er die Pfeife in den Zinnteller. „Gar nicht. Wie Sie wissen, handelt es sich bei einer Vielzahl von Verdachtsfällen gar nicht um Verbrechen. Die Metropolitan Police braucht bloß etwas, um sich wichtig zu machen. Und Sie wissen nun, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Solange man nicht weiß, was die Tatsachen sind, muss man die Wirklichkeit auch nicht entdecken wollen.“ Mit dem ausgebrannten Zündholz kratzte Sherlock vorsichtig den Pfeifenkopf aus. „Außerdem haben Sie Ihren Mantel in der Garderobe gelassen“, kicherte er vergnügt, „Sie haben den Hund doch gestreichelt.“





Dunkelgrün

19 06 2012

„Und die Energiewende, die machen wir dann rückgängig?“ „Wir halten sie erstmal auf.“ „Gut, aber den Truppenabzug aus Afghanistan.“ „Der wird sich bestimmt nicht realisieren lassen im dazu ausgearbeiteten Zeitrahmen.“ „Bleiben noch die Hartz-IV-Sätze.“ „Die heben wir etwas unter dem Inflationsausgleich an.“ „Und dann klappt das?“ „Merkel wird sich freuen. Das wird ein weiterer Schritt zur Regierungsbeteiligung der Grünen.“

„Das Projekt steht?“ „Von unserer Seite aus ja.“ „Dann müsste die Kanzlerin nur noch überzeugt werden, dass sie sich einen starken, verlässlichen Partner sucht.“ „Und wenn sie wieder die SPD nimmt?“ „Die hat sie doch schon kaputtgespielt.“ „Also bleibt ihr nur noch Dunkelgrün.“ „Wenn die FDP nicht plötzlich ihr Führungspersonal an die Laterne hängt und das Gegenteil dessen tut, was sie bisher propagiert hatte, sind nur noch wir da.“ „Und wie wahrscheinlich ist es, dass Merkel ausgerechnet mit uns koalieren wird?“ „Wie wahrscheinlich ist es, dass Gysi der nächste Außenminister wird?“

„Wir müssten noch mal über den Fiskalpakt reden. Und über den Stabilitätsmechanismus.“ „Die sind ja verfassungsrechtlich ziemlich umstritten.“ „Weiß ich.“ „Und wir haben dann auch keine Möglichkeit mehr zum Gegensteuern, wenn die Sache in die Hose geht.“ „Weiß ich.“ „Und sie wird in die Hose gehen.“ „Weiß ich.“ „Und damit werden Griechenland und die anderen Verlierer noch mehr geschädigt.“ „Weiß ich.“ „Also einfach mitmachen?“ „Das wäre ein klarer Punktsieg. Mit so einer Aktion hätten wir die Kanzlerin ganz klar auf unserer Seite – die FDP kann völlig unsinnige Aktionen nur in Regierungsverantwortung stützen, wir wären die ersten, die sogar in der Opposition hirnverbrannte neoliberale Klientelpolitik gegen die eigenen Überzeugungen mitmachen würde. Wenn wir das durchziehen, vergiftet Rösler seinen ganzen Haufen mit Zyankali.“

„Den Ökobonus, den behalten wir aber?“ „Das wäre noch zu klären.“ „Sie meinen, Merkel will den ganz für sich selbst beanspruchen?“ „Ach was, wir müssen nur die Strategie ändern. Schauen Sie, Urlaubsflüge, Autos, Elektrogeräte, das kostet ja alles Geld.“ „Verstehe – je mehr wir eine gesunde Prekarisierung in Deutschland fördern können, desto weniger Kohlendioxid stoßen wir aus.“

„Und die klare Distanz zu den Piraten müssten wir noch hinkriegen.“ „Damit Merkel uns glaubt, dass wir keine Koalition mit denen eingehen würden?“ „In erster Linie geht es darum, dass wir vollkommen reformunfähig erscheinen. Also die Bürgerversicherung statt Grundeinkommen, oder was die Parteibasis da gerne hätte.“ „Das war als politisches Signal gedacht?“ „Allerdings, was die Sozen machen, das können wir schon lange.“ „Mit der Bürgerversicherung würde sich definitiv nichts ändern.“ „Und die Putzfrau bezahlt wegen der Bemessungsgrenze für Ihren Chef mit.“ „Super! Und damit haben wir die Piraten weg?“ „Wir haben da schon mal etwas vorbereitet. Im Innenausschuss unterstützen wir die Vorratsdatenspeicherung.“ „Die ist auch nicht verfassungskonform.“ „Eben.“

„Hier, Mindestlohn?“ „Kann man machen. Macht ja Merkel vermutlich auch irgendwann, um die SPD noch schnell vor der Wahl auszubooten.“ „Das könnte gefährlich werden.“ „Wie soll das denn gefährlich werden?“ „Wenn Merkel jetzt wegen der SPD Mindestlohn will…“ „… und wir wegen Merkel…“ „… dann könnte rein theoretisch der Eindruck entstehen, dass wir den Mindestlohn wollten, weil wir in Wirklichkeit mit der SPD regieren möchten, wie wir es versprochen hatten.“ „Zwickmühle.“ „Man müsste vielleicht parteiintern kommunizieren, dass der Mindestlohn keine Arbeitsplätze schafft und für Arbeitslose auch nichts bringt.“ „Aber die SPD will ihn trotzdem?“ „Die will ihn gerade deswegen.“

„Das mit dem Spitzensteuersatz ist noch nicht so ganz ausgewogen.“ „Die SPD will ja ab 100.000 Euro alles spitzenbesteuern. Da wird Merkel sicher nicht mitmachen.“ „Also koalieren wir mit einem, der keinen höheren Satz will…“ „… oder mit einem, der den Spitzensatz für 0,6% der Steuerpflichtigen etwas anhebt.“ „Und am Ende zahlen von denen noch nicht mal alle Steuern, weil sie keine Lust haben.“ „Aber wir können schön dagegen sein.“ „Und Merkel nimmt uns das ab?“ „Sie weiß doch, wie egal das ist.“ „Uns?“ „Und überhaupt.“ „Und wenn wir bei den Koalitionsverhandlungen umfallen?“ „Dann wird sie sich über unser Zugeständnis freuen.“ „Gut so!“

„Könnten wir nicht einen kleinen Vorschuss gewähren?“ „Wie, Vorschuss?“ „An Vertrauen. So, dass die Kanzlerin merkt, auf ihre Grünen kann sie sich jederzeit verlassen.“ „Was schwebt Ihnen vor? Staatsballett zum CDU-Bundesparteitag?“ „Wir könnten beim nächsten Mal für das Betreuungsgeld stimmen.“ „Hm, klingt gut. Zumal wir dann nicht mehr das Problem hätten, dass die SPD sich mit uns Chancen ausrechnen würde.“ „Und vielleicht macht die Kanzlerin dann auch vorzeitig den Weg für Neuwahlen frei, weil sie mit unserer Haltung mehr anfangen kann als mit der FDP.“ „Und für den konservativen Flügel?“ „Jetzt wollen wir mal nicht übertreiben. Schließlich haben wir den Stuttgarter Schlosspark mit abgeholzt. Das wird man uns ganz bestimmt nicht als Zeichen zu guten Willens vorwerfen.“

„Und wenn es schiefgeht?“ „Wird es nicht. Da ist die CSU vor.“ „Die Quartalsirren?“ „Die haben aber ein sehr schön soziales Programm.“ „Damit können wir nicht konkurrieren.“ „Eben. Wir sichern Merkel den Arschlochfaktor.“ „Den was!?“ „Wir sind für die ganzen zwielichtigen Sachen zuständig. Hotelfrühstück, Steuererleichterungen für Korrupte, Ausleiern der Verfassung.“ „Das macht doch bisher die FDP?“ „Noch gibt’s die ja. Aber das wird dann eben unser Job.“ „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber das wird uns gewaltig Sympathie kosten.“ „Logisch.“ „Das nehmen Sie einfach so hin?“ „Das betrifft die Partei.“ „Also Sie und mich.“ „Lieber Kollege, nach vier Jahren sitzen wir beide warm und trocken im Vorstand eines Energiekonzerns und stellen fest, dass wir neue Kernkraftwerke brauchen in Deutschland, und zwar sofort und alternativlos. Wovor haben Sie Angst?“ „Sie und Ihr Zynismus, verdammt – zweifeln Sie denn gar nicht?“ „Doch. Manchmal liege ich nachts wach und habe große Sorgen.“ „Wovor?“ „Dass es nur für Rot-Grün reicht. Dann haben wir ein Problem. Dann müssen wir Politik machen.“ „Dann sind wir verloren.“ „Wem sagen Sie das!“





Schrott zum Gruße

18 06 2012

„Nee, wir nehmen auch nicht alles. Sind ja nicht die Brockensammlung. Was wollen Sie mir hier anschleppen? ’ne Bundesregierung? Gebraucht? Modell Merkel? Mann, Sie haben wohl Nachtfrost abgekriegt!?

Das ist ja lächerlich, die Mühle kriegen Sie hier nicht einmal auf den Hof rauf. Getriebe quasi ab Werk schrottreif. Der würgt sich selbsttätig ab. Das ist schon eine Leistung. Und wenn Sie sich beim Hersteller beschweren, kassieren Sie noch einen Spruch: Beim Schieben kommt man auch ins Ziel. Den können Sie so oft neu starten, wie sie wollen, der läuft nur bergab. Ungebremst.

Bis wann hat das Ding da noch TÜV? 2013? Und so wollen Sie noch ein Jahr fahren!? Also mal unter uns, damit sind Sie doch ein rollendes Verkehrshindernis. Zu Hause auf dem Standstreifen.

Sieben Jahre sind ja so gerade eben über die Grenze. Da haben Sie nichts als Ärger. Abgewarzt, aber total. Lenkung im Eimer, das Ding lässt sich so gut wie nicht mehr steuern, Kupplung hinüber, der Lack ist ab. Für den Laien sieht es natürlich noch so aus, als sei die Karre fahrtüchtig, und das ist sie ja eigentlich auch – aber mehr als auf dem Schrottplatz die Wände anbumsen ist nicht drin. Verkehrstauglich kriegen Sie so einen Gammel nicht mehr. Ich weiß, wovon ich rede. Mir haben sie eine SPD angedreht, Modell 2010. Was für ein verdammter Mist!

Verstehe, die Werkstatt ist schuld. Weil Sie die Rechnung nicht bezahlt haben, ist die Werkstatt schuld. Immer auf die anderen. Höchst originell. Lassen Sie mich raten: weil Sie auch in Zukunft nicht vorhaben, Ihre Rechnungen zu zahlen, dürfen wir alle den Gürtel enger schnallen?

In Zahlung nehmen? Sie sind witzig – dieses Ding hat uns schon genug gekostet, und Sie wollen noch mal extra Kohle sehen? Den können Sie ja nicht mal versehentlich im Wald stehen lassen. Wenn das einer raus findet, dass der mal Ihnen gehört hat – da sind Sie jedenfalls unten durch!

Sonderausstattung? Rallyestreifen schwarz-gelb? Lautsprecheranlage Gröhe Spezial? Dafür kann ich mir auch nichts kaufen. Der Motor taugt auch nur noch für Standgas. Und dann der Turbo. Läuft in entgegengesetzter Richtung. Großartige Konstruktion. Wer sich diesen Quatsch ausgedacht hat, soll gefälligst selbst darin fahren!

Hier, Stoßdämpfer – alles kaputt. Da ruckeln die Bayern, hier die Liberalen, Stoßstange verbogen. Kein Wunder, so oft, wie der die Mauer gestreift hat. Scheinwerfer kaputt. Damit können Sie, wenn überhaupt, nur noch auf Sicht fahren. Aber das tun Sie ja sowieso schon.

Sie könnten den höchstens als Ersatzteillager nehmen. Zum Ausschlachten, Sie wissen doch: als Einzelteile bringt so ein alter Haufen Schrott immer noch mehr ein als im Originalzustand. Zum Beispiel, wenn Sie den ganzen Kram nach Brüssel verklappen. Da stecken sowieso schon eine Menge gebrauchter Teile drin. Wobei Sie den Schäuble hätten runderneuern lassen sollen. Ist ja das reinste Sicherheitsrisiko.

Das Navigationsgerät hat auch nur eine Route. Ab in die Irre. Eigentlich ein Wunder, dass der Blinker noch funktioniert. Inzwischen interessiert es doch keinen mehr, wo die Reise hingeht. Und wenn Sie ehrlich sind, Sie interessiert es auch nicht.

Aber wenigstens funktionieren bei Ihnen die Bremsen noch. Atomausstieg, Energiewende, Mindestlohn, alles sauber ausgebremst. Und die Handbremse erst – gelb, aber formschön. Als würde man den ganzen Tag rückwärts bergauf fahren.

Das wird teuer. Nein, wirklich! Wenn Sie mich fragen, fahren Sie den Blechhaufen doch einfach gleich in die Presse.“





Cacatum non est pictum

17 06 2012

für Heinrich Heine

Es bleibt, was es auch grunze, stets ein Schwein.
Dem Spießer ist die Freiheit, es zu achten,
hochheilig. Er fällt gerne darauf rein:
das Schwein, es wisse alles übers Schlachten.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (XCVI)

16 06 2012

Es nächtigt Kwabena in Tafo
im Trocknen gemütlich auf Schlafstroh,
doch ist dies, ganz ehrlich,
nicht so ungefährlich:
dies Häuschen beherbergt den Trafo.

Van Lynden, der radelt von Niel
ganz querfeldein ohne ein Ziel.
Er fährt, wenn er fort ist,
hält an, wo ein Ort ist,
und sucht sich dort ein Fußballspiel.

Frau Tschülcher, die plagt sich in Eschen
mit Bunt-, Koch-, Hand- und feinen Wäschen.
Ihr Mann hasst Maschinen,
gleichwohl sie ihm dienen.
So muss sie’s von Hand kräftig dreschen.

Es lässt Bruder Anton in Putte
zu Hause Sandalen und Kutte.
Ganz weltlich besucht er
als edel Betuchter
die Oper für Così fan tutte.

Juan montiert in Puerto Montt
ein Brett, worauf er sich dann sonnt.
Cecilias Entrüstung,
dass über die Brüstung
das Ding ragt, zeigt, es war gekonnt.

Herr Goossens erfand sich in Wellen
die Klingel, die, anstatt zu schellen
Hausierer verjagte
und manche Verzagte
durch täuschendes Wachhundebellen.

Francesco weckt in Cicerale
den schlafenden Gast viele Male.
Der Chef, der’s bemerkte,
ihn darin bestärkte,
wenn er jedes Mal neu bezahle.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLIV): Modekrankheiten

15 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Krankheit wohnt etwas Mystisches inne; war im Frühstadium der Hominisation, als der Genomzonk mit den Frontallappen-Update gerade seine Sterblichkeit zu thematisieren begann, jedes Schnüpfchen schon ein Eingriff der Dämonen in die rationale Welt – der männliche Teil der heutigen Zivilisation bewahrt diesen Atavismus liebevoll und traditionsbewusst – so wandelte sich mit dem Aufkommen des Schamanen, der über den Status des Medizinmannes schließlich einen eigenen elitär ausgerichteten Berufszweig erfand, das Verhältnis von Erkrankung und Heil grundlegend. Wer die Versuche des Therapeuten lebend überstand, der war auch fit genug für den Rest der Existenz. Ein ums andere Geschlecht wuchs heran, die Lebenserwartung stieg, die Krankheit verlor ihren existenziellen Schrecken. Doch sie wandelte sich, und wie alles Nutzlose gebar sie eine eigene Mode. Die Modekrankheit war geboren,

Ist der Beknackte wirklich unpässlich, so greift er zur angesagten Krankheit – Fußpilz kann jeder, und wer sich erkältet, zeigt schon qua Virus, dass er sich zu oft und zu eng mit dem Pöbel abgibt. Exklusiv muss das Leiden sein, möglichst mit einem gewissen edlen Touch, der auf gehobenem Lifestyle basiert, und dabei doch noch nicht einen Heroismus fordern, wie ihn Arthrose oder das Usher-Syndrom erzwingen. Plattfüße? zu vulgär. Migräne macht einen auch gleich so krank. Dann lieber eine der Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie sie zahlreich und zu unscharf für eine saubere Differenzialdiagnose durch die Wartezimmer der höheren Gesellschaft diffundieren.

Von einigem Interesse ist doch, dass das hippe Siechtum sich als Qualitätsaccessoire behauptet in einer Zeit, die vor fingerdick aufgetragener Unverwundbarkeit, Leistungsbereitschaft und obszön hervorgeprotzter Jugendlichkeit nur so brüllt. Wer würde freiwillig mit seinem Rheuma, Alzheimer oder Magengeschwür prahlen? wer sich der Schweißfüße bezichtigen oder mit Mundgeruch angeben? Es schwingt doch der bornierte Urmensch noch an seiner fernen Liane mit, wenn der magisch denkende Jetztzeitler die Krankheiten bar jeder medizinisch vernünftigen Genese kategorisiert und mit einem eigenen Coolness-Faktor aufwertet. Verschleiß kommt nicht in die Tüte, degenerative Erscheinungen noch viel weniger – war wäre ein Trendlemming, müsste er sich mit einem veritablen Bandscheibenvorfall vom Meeting zum Clubhaus schleppen und dabei mit zusammengebissenen Zähnen allzeit Golfbereitschaft zischen. Schlimmer noch, was wäre ein Schnösel mit schwerer Impotenz, am besten noch das Gefäßgebrösel durch jahrelanges Saugen an der Lulle selbst in die Wege geleitet? Eine Null, nicht nur krankheitstechnisch. Dazu noch Schuppen und Karies, und das sozial verträgliche Frühableben wäre der einfachere Weg.

Der Mensch an der Schwelle zur Moderne wählte die geheimnisvolle Neurasthenie, die alles und nichts für den geneigten Hypochonder bot, um sich sein eigenes Symptombündel zu schwiemeln. Schlaflosigkeit, Nervosität, Stimmungs- und Blutdruckschwankungen, alles das hätte auch aus sitzender Tätigkeit mit intermittierendem Vollsuff kommen können, aber das esoterische Seelenaua passt dem dekorativen Gehirngestrüpp doch gleich viel besser in den Kram. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Volkskrankheiten, mit Burnout und Pollenallergie, Laktoseintoleranz, Neurodermitis und dem üblichen Pauschalgesabber, das einem bei zu langer Lektüre eines Gesundheitslexikons am Kopf erwischt. Der Krankheitsgewinn steht im Mittelpunkt – weniger Mitleid als respektvoller Distinktionsgewinn. Denn welcher Kesselschweißer oder Kuli hätte ernsthaft Zeit, sich über einen Tennisarm zu beschweren, zumal die gesellschaftliche Basis mit den Zipperlein des Überbaus nur einen einzigen Tag im Bett bleiben müsste, um sich hinterher einen neuen Job suchen zu dürfen. Der lustvoll zelebrierte Haarausfall samt Wässerchen und Shampoo aus der zu diesem Behufe aus dem Boden gestampften Industrien macht eben in der Oberschicht mehr her und passt in das Milieu wie die Ess-Brech-Sucht zum Supermodel und der Alkoholabusus zum Chefarzt.

Zum Schluss werden die Bekloppten alle glücklich und zufrieden sein; sie werden sich Schnitzel hinters Zäpfchen pfropfen und sie sofort wieder ins Porzellan lachen, depressiv, von Haltungsschäden und Nickelallergie gezeichnet, aber tief im Inneren gewiss, es geschafft zu haben. Eingewachsene Nägel hat höchstens ihr Personal. Und wenn sie sich auch nicht verständlich machen können, dass eine von Weichspülern induzierte Oberhautunverträglichkeit durch das sekundäre Gefühl der sozialen Ausgeschlossenheit ihnen mehr zu schaffen macht als manchem Leukämiepatienten im Endstadium, die wenigstens noch barmherzige Duldung finden für die Schicksalhaftigkeit ihres Leidens, so hat die Krankheit ihren Zweck erfüllt, denn letztlich sind wir mit ihr immer allein. Es ist, wie gesagt, ein Mysterium.





Der Widerspenstigen Zähmung

14 06 2012

„Die Schwestern sind alle drinne.“ Gründlich, aber langsam feudelte die Putzfrau die Treppenstufen am Eingang. Eine dickliche Dame im Pepitakostüm krähte aus dem Park herauf. „Das geht so nicht, das müssen Sie immer von rechts nach links, das geht doch sonst nicht!“ Ich blickte auf die ordentlich geschnittenen Hecken und die Blumenwiese. Ja, hier war ich richtig. Hier war das Zentrum des Widerstandes.

Herr Holtzer war ein besonders kritischer Fall. „Offenbar hat er eine schwere Aversion gegen vernünftiges Denken.“ Schwester Reinhild schob ihm ein Paar braungrauer Filzpantoffel hinüber, da der Lesesaal nicht mit Straßenschuhen betreten werden durfte. „Will keine Pantoffeln“, maulte er. „Will nicht anziehen! Keine Pantoffeln, die sind mir viel zu teuer!“ „Herr Holtzer“, redete die Pflegerin auf ihn ein, „die brauchen Sie gar nicht…“ Der Alte blieb stur; mit einem Ruck trat er die Latschen von sich. „Die sind mir zu teuer! Bezahlen Sie die? Ich kaufe mir keine Pantoffeln!“ Nicht einmal davon, dass die Hausschuhe kostenlos seien, ließ er sich beruhigen. Schwester Reinhild warf mir einen vielsagenden Blick zu. Und ich begriff sofort. „Sie dürfen mir das gar nicht vorschreiben! Ich werde mich bei der Anstaltsleitung beschweren, jawohl! Über Sie werde ich mich beschweren, weil Sie mir nämlich gar nichts zu befehlen haben!“ Resolut schob Schwester Reinhild ihm die Schuhe vor die Füße und herrschte ihn an. „Ich bin Ihre Oberschwester, ich handle im Auftrag der Anstaltsleitung, und wenn Sie nicht auf der Stelle Ihre Pantoffel anziehen, werden Sie den Lesesaal nicht betreten!“ Zitternd vor Wut streifte Herr Holtzer die Schuhe über und schlurfte davon. „Das ist wohl fortgeschrittenes Stadium“, sagte ich mitfühlend, „man merkt ihm die Demenz recht deutlich an – die Persönlichkeit zersetzt sich langsam, die Manieren lassen nach…“ Schwester Reinhild pruschte. „Quatsch, der war nur vierzig Jahre lang im mittleren Management.“

Wir sahen den Besuchern des Sanatoriums zu, wie sie unter der Leitung von Frau Doktor Dübel Pfirsiche aßen, denn eigentlich aß keiner von ihnen Pfirsiche. „Es passt doch jetzt gar nicht“, klagte die eine, während eine andere sich beschwerte, dass sie überhaupt keine Zeit habe, einen Pfirsich zu essen. „Immer dasselbe“, klagte Schwester Reinhild, „sie sind einfach unverbesserlich. Das waren einmal die Stützen der Gesellschaft.“ „Es ist diese mangelnde Entscheidungsfreude“, mutmaßte ich. Sie lächelte, aber es sah müde aus. „Sie finden für alles eine Entschuldigung, um nichts verändern zu müssen. Sie wollen im drei Uhr keinen Pfirsich essen, weil es zu früh ist, und gleich darauf ist es zu spät. Wenn man sie fragt, wann sie denn ihren Pfirsich essen möchten, sagen sie: wir haben gar keine Zeit dazu. Und wenn man sie danach befragt…“ „… dann beschweren sie sich, weil man ihnen keine Pfirsiche gibt, richtig?“ Sie nickte resigniert.

Ein junger Pfleger brachte mit viel Geschick den ehemaligen Augenarzt Plöttgemeier dazu, auch bei regnerischem Wetter einen hellen Anzug zu tragen (es handelte sich um einen Sommeranzug mit Leinen, aber Plöttgemeier verließ das Haus so gut wie nie), während sein Nachbar Riemenschmitt schon auf das Anlegen einer nicht gestreiften Krawatte mit äußerster Angriffslust reagierte. „Ich hatte schon mal eine“, zischte der Oberinspektor, „die wurde mir aber aus der Umkleidekabine im Freibad gestohlen. Ich trage seither ausschließlich die gestreiften.“ „Vor einem Monat hatte er uns noch erzählt, er sei zu beschäftigt, um sich eine einfarbige auszusuchen.“ Der Pfleger legte die Schlipse zusammen und verstaute sie in einer Tasche. „Außerdem wusste er, dass er nur einen schwarzen würde tragen wollen.“ Ich stutzte. „Den trägt man doch sonst nur…“ Er ahnte wohl, worauf ich hinaus wollte. „Nein, das ist nicht das Problem. Er hat das wohl bewusst ausgewählt, damit er sich nicht zwischen den verschiedenen Schwarztönen entscheiden kann.“

In der Eingangshalle spielten unterdessen eine Lehrerin und eine ehemalige Ministerin Karten, vielmehr: sie unternahmen den untauglichen Versuch, denn sie warfen einander ständig neue Gründe vor, sich nicht auf ein Spiel einigen zu müssen. Es war anfangs nicht ganz unlustig, verlor jedoch nach einer halben Stunde etwas an Reiz.

„Vielleicht“, schlug ich Frau Doktor Dübel vor, „sollten Sie Ihre Methoden einmal überdenken. Es geht bei Ihnen doch recht eintönig zu.“ „Was denken denn Sie“, schnappte die Dame zurück. „Wozu müssen wir unsere Methoden ändern? Wieso wir und nicht die Patienten? Bis jetzt lief doch immer alles gut?“ „Das kann auch täuschen“, bohrte ich weiter, „motivieren Sie Ihre Herrschaften denn auch ausreichend? Setzen Sie ihnen Anreize, mit Ihrem Personal effektiv zusammenzuarbeiten?“ Schwester Reinhild schwieg betreten. „Wir könnten höchstens einmal eine Arbeitsgruppe bilden“, murmelte die Ärztin, „und dann müssten wir natürlich auch noch die gesamte Anstaltsleitung überzeugen. Und den Aufsichtsrat. Und die Gremien, verstehen Sie? die Gremien!“ „Und Sie denken nicht, dass Sie selbst ein gewisses Maß an Widerspenstigkeit besitzen? Handelt es sich nicht um eine klassische Gegenübertragung?“ Sie drehte sich wortlos um und schritt wütend in den Lesesaal. „Wir haben alles versucht“, seufzte Schwester Reinhild, „aber wir hätten doch nicht mit ihr reden können. Oder?“





Pfaffentheater

13 06 2012

„Er ist wirklich ein Staatsmann, dieser Gauck.“ „Ein Mann, der die Macht des Wortes hat.“ „So würde ich das nicht sehen.“ „Sondern?“ „Er ist eher für die Worte der Macht.“

„Es geht ihm aber doch nur um die Verteidigung unserer Interessen.“ „Ob diese Interessen überhaupt unsere, geschweige denn legitim sind, hat er zur Vorsicht nicht gefragt.“ „Es ist ja unser Öl.“ „Und unsere amerikanischen Verbündeten – dann scheint es sich doch um unsere Interessen zu handeln.“ „Im Grunde genommen hat Gauck doch nicht sehr viel mehr als ein bisschen Heroismus eingefordert – mit Herzblut und mehr Offenheit für Deutschland.“ „Was bei dem Mann offen ist, will ich gar nicht wissen. Ansonsten glaube ich kaum, dass er sein eigenes Herzblut hergäbe für Mädchenschulen oder Brunnenbau, oder wofür man sonst ein ganzes Land in die Steinzeit zurückbombt.“ „Und wenn dafür ein Krieg entbrennt?“ „Darf er nicht auf deutschem Boden ausgehen.“

„Wobei, dies ist ja gar kein Krieg. Nicht einmal umgangssprachlich.“ „Es wird ja auch nicht umgangssprachlich gestorben. Vermutlich haben wir nur Personalverluste.“ „Das ist doch reine Wortklauberei!“ „Was erwarten Sie von einem Theologen anderes als Pfaffentheater am offenen Grab der Demokratie?“ „Immerhin, ‚Mutbürger in Uniform‘ – so ein Schwachsinn muss einem erst einmal einfallen.“ „Er hält sich in nüchternen Momenten für Luther.“ „Das heißt, er schaut dem Volk aufs Maul?“ „Nein, er ist ein Kriecher, der im Auftrag der Obrigkeit jegliche Form von Gewalt für metaphysisch gerechtfertigt erklärt, damit er selbst nichts aufs Dach kriegt. Eben Freiheit.“

„Ist es eigentlich ein Zufall, dass er die Soldaten anspricht wie Hartz-IV-Empfänger?“ „Durchaus nicht. Die Parallelen liegen ja auf der Hand, sie sollen sich gefälligst nicht so anstellen, sondern die Zähne zusammenbeißen und Opfer bringen, damit ein paar Reiche mehr Rendite machen.“ „Immerhin hat er sie nicht als unsäglich lächerlich bezeichnet.“ „Das täte er nur, wenn sie Grundrechte in Anspruch nehmen sollten. Aber es stimmt, er verwechselt die beiden.“ „Weil weder für Arme noch für Soldaten das Recht auf körperliche Unversehrtheit gilt?“ „Weil er als Berufschrist seine Klappe vorwiegend da aufreißt, wo er nicht betroffen ist. Die Soldaten kennen den Krieg, er nicht.“

„Was heißt überhaupt ‚glückssüchtig‘?“ „Das steht gar nicht im Manuskript.“ „Richtig – er hat es nur gesagt.“ „Dumm, wenn das gesprochene Wort gilt. Man sollte als Staatsoberhaupt schon wissen, was man von sich gibt.“ „Was bedeutet das denn nun?“ „Zunächst, dass Gauck seinen eigenen feudal orientierten Freiheitsanspruch nur für sich selbst reklamiert, damit er ihn anderen absprechen kann.“ „Hat man das nicht vorher wissen können?“ „Deshalb ist es ja um so interessanter, wenn nun alle so tun, als habe er plötzlich zugegeben, ein Marsmensch zu sein. Interessant ist doch, wie er selbst die ganze Gesellschaft verkennt.“ „Weil er auch ihr Glückssucht vorwirft?“ „Weil er noch immer glaubt, diese Gesellschaft akzeptiere einen Krieg als notwendiges Übel der Politik, nur weil eine Regierung da mehr oder weniger rein rutscht. Weil er die Gesellschaft für so dumm und borniert hält, dass sie in ihrer Scheuklappenmentalität die Toten und Verwundeten ausblenden oder gar nicht mehr wahrhaben wollen, was ein gefallener Sohn, Vater, Gatte ist.“ „Eine hübsch verräterische Verbeugung vor dem üblichen Frontbericht, in dem es nie eigene Verluste gibt.“ „Und ein deutlicher Reflex seiner Sozialisation in einem totalitären Staat, der jede Katastrophe vor der Öffentlichkeit verbarg und sich vorlog, keiner würde es wissen, wenn man nicht öffentlich darüber spräche.“

„Glückssucht klingt ja auch schon fatal. Ob der Mann zu oft am Messwein genippt hat?“ „Glaube ich nicht. Vermutlich eher eine besondere Art von Gottvertrauen bei militärischen Aktionen.“ „Das klingt nach durchdachter Strategie.“ „Nein, eher nach verbalem Blitzkrieg.“

„Dass er seine ganze linke Vergangenheit aber auch so über Bord werfen kann.“ „Ach was. Eine Nationale Volksarmee hätte er hier auch gerne.“ „Aus historischer Sicht wäre zu erwarten, dass er Offenheit für Auslandseinsätze der Bundeswehr wünscht.“ „Aus heutiger Sicht dürfte er sich bald auch Offenheit für Inlandseinsätze wünschen.“

„Kann es sein, dass der Mann seine Bedeutung etwas überschätzt?“ „Weil er sich so vehement für die deutsche Exportwirtschaft einsetzt?“ „Das ist als Bundespräsident nicht seine Aufgabe.“ „Aber es ist doch nett, dass er gerade die Freiheit zum Exportschlager machen will.“ „Vielleicht sollte er sich bei Gelegenheit das Grundgesetz zu Gemüte führen.“ „Schenken Sie ihm lieber einen Stahlhelm. Er scheint häufiger mal etwas an den Kopf zu kriegen.“ „Da ist er in bester Gesellschaft, Lübke hatte dasselbe Problem.“ „Vielleicht wird man ihn auch vorzeitig entfernen. Das soll anderen auch schon passiert sein.“ „Ob Merkel sich darum kümmert?“ „Keine Ahnung, bisher war sie nur für marktkonforme Demokratie. Ob marktkonforme Militärschläge auch in ihr Ressort fallen, entzieht sich meiner Kenntnis.“ „Und was machen wir mit dem Mann?“ „Außenpolitisch wird man einen Profilneurotiker wie ihn verkraften. Westerwelle nimmt auch keiner ernst.“ „Und innenpolitisch?“ „Ich denke mal, es dürfte den einen oder anderen Teilnehmer dieser Kreuzzüge ins Glück geben, der mit einem Arm oder Bein weniger nach Hause kommt, nach einem bisschen Reha als lästiger Kostenverursacher abgehängt wird und so peu à peu erfährt, wofür er den Kopf hat hinhalten dürfen. Er kann mit Schusswaffen umgehen und wird nicht zögern, es auch zu tun. Aus Interesse und in großer Offenheit für einen kurzen, gezielten Einsatz für Volk und Vaterland.“ „Sie meinen, er schießt?“ „Wenn wir Glück haben.“





Dornröschen

12 06 2012

„… die Kanzlerin mit Verspätung teilgenommen habe. Ein Sprecher habe zehn Minuten nach dem planmäßigen Beginn verkündet, dass Merkel durch eine wichtige außenpolitische…“

„… noch keine näheren Informationen. Kauder habe den Journalisten gesagt, die Bundeskanzlerin befinde sich derzeit in einem bilateralen…“

„… aber nicht geklärt werden, ob Merkel wie vereinbart in den Koalitionsausschuss kommen werde. Pofalla erklärte, sie sei kurzfristig zu einer Reise nach…“

„… die Berliner S-Bahn den ordnungsgemäßen Betrieb derzeit nicht garantieren könne. Merkel habe deshalb nicht rechtzeitig zu der…“

„… da sie auf eigenen Wunsch mit dem ICE gefahren sei. Die unvorhergesehene Normalisierung der Temperaturen habe zu einem nicht geplanten Chaos mit den Klimaanlagen sowie den…“

„… bestätigte Niebel in der mittäglichen Pressekonferenz, dass sich Merkel einen Termin bei seinem Teppichhändler gewünscht habe. Der Abflugspezialist habe berichtet, dass sich die Kanzlerin bereits um 15:00 Uhr in die…“

„… dass nach Informationen von BILD die Kanzlerin ihr Haus gar nicht verlassen habe. Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter des stellvertretenden…“

„… einschließlich der Sperrfrist. Dem ärztlichen Bulletin zufolge sei Merkel in einen tiefen, aber nicht lebensbedrohlichen Schlaf gesunken, der weder durch grobe Schmerzreize noch durch die Gabe von Medikamenten…“

„… dass eine Einigung über die Zukunft des Euro unter Merkel als wenig aussichtsreich erschienen sei, jetzt jedoch in greifbare Nähe…“

„… habe der CDU-Wirtschaftstag einen sehr entschlossenen Auftritt der Kanzlerin erwartet. Da ihre Grundsatzrede zu den Themen Arbeit und Soziales, Erziehung und konservativer Politik ausfallen musste, habe man sich auf zwei Stunden Stillsitzen geeinigt. Die Teilnehmer seien angenehm überrascht gewesen von den erhellenden…“

„… auch abgesagt. Das vom Kanzleramt bestätigte Meeting zum Euro-Rettungsschirm solle ohne Merkel stattfinden. Aus Kreisen der EZB verlaute, man begrüße ebenfalls eine Absage des Finanzministers, so müsse man Schäuble nicht ständig erklären, worum es bei dem Abkommen…“

„… laut Kanzleramt sich die Regierungschefin gegen ein Punktesystem für Zuwanderer ausgesprochen habe; da Pofalla zuvor Merkels Zustimmung kundgetan habe, sei die Sachlage für die internationalen Beobachter schnell klar gewesen. Das Ergebnis der Besprechung habe überraschenderweise schon am selben Tag…“

„… sich die CSU-Fraktion einstimmig dafür aussprach. Ohne Merkel, so de Vorstand, sei die Regierungsarbeit erheblich gehaltvoller und einfacher zu bewerkstelligen, da keine…“

„… da sich Merkel nicht persönlich um eine Aussprache bemüht habe. Die Unionsfrauen seien höchst verärgert gewesen, dass weder der fraktionsübergreifende Gruppenantrag für eine gesetzliche Frauenquote in den Aufsichtsräten noch das Betreuungsgeld zu Sprache…“

„… habe durch eine Indiskretion ein Bild der schlafenden Kanzlerin erhalten. Bertelsmann und Springer hätten sich darauf geeinigt, erst nach Ablauf von drei Tagen die Kanzlerfrage zu stellen und in der zweiten Woche einen SPD-Kandidaten aufzubauen als künftigen…“

„…die CDU-Werte schneller als erwartet anzögen. Die Meinungsumfrage sei um knapp zwei Prozentpunkte gestiegen, was einem Plus von…“

„… bisher unverändert. Merkel habe nach eigener Angabe keinen Druck auf Spanien ausüben wollen – Pofallas Einwand, er habe persönlich die Finanztransaktionssteuer gegen die restliche CDU verhindert, wurde nicht weiter aufgegriffen – aber zugleich keine Vorstellung gehabt, unter welchen Bedingungen der Rettungsschirm für Spanien zustande kommen…“

„… die strittigen Punkte im Bundeskabinett noch vor der Sommerpause zu erledigen. Die Moderationsleistung, so Bosbach, stehe außer Frage, die Kanzlerin sei geübt darin, gegensätzliche Interessen der Koalitionspartner zu verbinden, doch habe sich durch die Zusammenarbeit ohne Merkel eine Kollegialität ergeben, die durch Synergien und gemeinsame Kompetenzen den Arbeitsablauf so…“

„… sich die Frauenförderung sehr viel schneller bewerkstelligen ließe, wenn die Frauen nicht durch antiquierte Modelle von Emanzipation gestört würden. Das Präsidium schlug vor, auch von der Leyen und Schröder in eine Schlaftherapie…“

„… im Politbarometer verzeichnet. 87% der Befragten sei der Meinung, die CDU erledige eine bessere Regierungsarbeit als die andern Fraktionen. Gut 75% hätten geäußert, die Union wählen zu wollen, wenn sie ohne eine Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf…“





Grenzdebil

11 06 2012

„Sie kommen hier nicht rein. Das heißt, Sie kommen schon rein, aber eben nur mit Reisepass. Das ist das neue Europa. Das haben wir so für Sie gemacht. Ist doch viel besser als früher, oder?

Wir haben uns entschlossen, die Grenzen wieder zu schließen. Wenn wir das Schengenabkommen jetzt ganz oder teilweise oder nur ganz in Teilen, oder allgemein: der Bundesinnenminister hat noch nicht beschlossen, es in der EU abzuschaffen. Und wenn der jetzt das Schengenabkommen abschafft oder aussetzt oder in der EU oder außerhalb, jedenfalls ist das mehr Europa. Doch, das ist mehr Europa! Schauen Sie mal, Sie kriegen doch eine Menge mehr fürs Geld. Die Grenzkontrollen, die neuen Einfuhrbestimmungen – merken Sie noch was? – das ist doch alles mehr Europa. Ja, wir haben dann bald auch wieder mehr nationale Selbstbestimmung. Dänemark ist wieder Dänemark und Deutschland ist wieder Deutschland, das ist doch ein Mehr an Plus, ich meine ein Plus an mehr von irgendwas, und wir sind hier in Europa, da ist doch ein Mehr auch ein Plus und damit ein Mehr an Europa? Wollen Sie das jetzt nicht kapieren?

Die Mitgliedsstaaten können wieder ganz souverän entscheiden, was sie wollen. Ist das denn nicht großartig? Das ist doch großartig? Ja, und da hat der Bundesinnenminister eben entschieden, dass die Deutschen wieder Grenzkontrollen möchten und Schlagbäume. Und das kann jetzt nicht nur der Bundesinnenminister, sondern jeder Depp, nicht wahr, und deshalb ist das wieder mehr Europa. Sie müssen das systemisch begreifen, also systematisch und so. Wenn wir alle zusammen hier in Europa etwas nicht mehr machen, weil es nicht mehr gebraucht wird, dann ist das ja gut und schön, aber das ist doch nicht Europa. Das ist dann – merken Sie noch was? – das ist dann eben so etwas anderes. Aber wenn jeder etwas anders machen kann, ohne sich mit den anderen ansprechen zu müssen, weil ihm Europa garantiert, dass jeder hier alles machen kann, was er will, dann – merken Sie noch was? – ist das Europa. Mehr Europa!

Es ist ja primär wegen der vielen Ausländer, die nach Deutschland kommen. Das sind ja teilweise Ausländer, die aus dem Ausland kommen! Da sieht sich der Bundesinnenminister in besonderer Weise in der Pflicht, dass diese Personen, die nach Deutschland kommen, Personen sind, die dann eben nicht nach Deutschland kommen. Weil wir für mehr Sicherheit sorgen müssen, unter anderem durch mehr Freiheit, die durch mehr Sicherheit entsteht – merken Sie noch was? – die dann für mehr Freiheit sorgt. So will das der Bundesinnenminister. Der Bundespräsident will erst mal nur das mit der Freiheit, aber das mit der Sicherheit haben wir dann wenigstens schon mal. Und dann wird hier in Deutschland ja auch alles viel besser, zum Beispiel das mit der Wirtschaft und dem Aufschwung und dem Jobwunder und so. Weil wir dann ja den Fachkräftemangel, und den gibt es ja tatsächlich, und den werden wir dann beheben. Wie? Na, wenn hier alles so schön ist, dann kommen ja bestimmt irgendwann auch wieder die Ausländer.

Dialektik, verstehen Sie? Man muss immer das Gegenteil von dem tun, was man will, dann erreicht man das Gegenteil von dem, was man tut, weil man ja tut, was man will, wenn man will, dass man tut, was man will. Oder das Gegenteil halt. Und wir sind jetzt für mehr Wachstum und Arbeitsplätze, für mehr Demokratie und Europa. Mehr Europa.

Man muss sich dann auch mal Sachzwängen unterwerfen – merken Sie noch was? – oder sie eben so definieren, dass es nur Sachzwänge sind. Oder nur Sachzwänge für uns, und für die anderen dann eben etwas anderes. Oder dialektisch. Also umgekehrt. Aber da müssen Sie den Bundesinnenminister fragen, der wird Ihnen genau sagen können, wo es versehentlich schiefläuft –merken Sie noch was? – und wo das Dialektik ist.

Natürlich ist das noch nicht ganz durchdacht. Kein Wunder, der Bundesinnenminister kümmert sich ja persönlich darum. Aber wir hatten schon mal überlegt, ob wir das Programm nicht auch als nationale EU-Erweiterung verwenden können. Mehr Freiheit, mehr Demokratie für Deutschland, das wäre doch gut? Wenn wir die Mauer wieder aufbauen, das müsste doch klappen?

Die Theorie geht ja davon aus, dass wir eine Zustimmung zu den bestehenden Verhältnissen haben, und wenn wir sie dann verändern, so wie das der Bundesinnenminister eben auch tut, dann passen wir uns an. Wenn wir jetzt wieder die Mark bekommen – merken Sie noch was? – weil der Euro im Eimer ist, oder die Abschaffung des EU-Rechts, damit wir wieder selbst über den Krümmungsgrad von Gurken entscheiden und uns Glühbirnen ins Klo hängen können, dann ist das weniger, und damit selbstverständlich gut, weil es mehr Europa ist. Damit werden wir alle wieder zu echten Europäern, die ihre Freiheit genießen, und zwar genauso, wie wir es schon immer wollten.

Nur dies Europa der Europäer, verstehen Sie – klar, im Grunde wollten Sie das doch schon immer. Wieder richtiges Geld, richtige Gesetze, eine ordentliche Regierung, nicht so eine Quasselbude, wo man die ganzen Nulpen hinschickt, deren Korruption sich nicht mehr unter den Teppich kehren lässt. Aber das ist nicht gut, wenn Sie das wollen. Lassen Sie uns das erledigen. Wir schaffen das nicht nur besser, wir kriegen das dialektisch hin.

Vertrauen Sie uns. Europa ist bei uns in den besten Händen. Für mehr Europa. Übrigens, wir exportieren jetzt noch mehr Waffen an die Araber.“