Ratatouille

12 07 2012

Außergewöhnlich sanft stellte Hildegard die Kaffeetasse auf den Tisch. „Übrigens kommt heute Abend Rüdiger zum Essen“, säuselte sie, „nicht, dass Du es vergessen hast?“ „Keinesfalls“, gab ich zur Antwort. „Ich hätte es ganz bestimmt längst verdrängt, wenn Du es mir nur ein- oder zweimal mitgeteilt hättest, aber da ich es eben jetzt gerade zum ersten Mal höre, hatte ich noch gar nicht ausreichend Zeit, es zu vergessen.“ „Versuch nicht, witzig sein“, knurrte sie. „Ich bin nicht witzig“, knurrte ich zurück, „allerdings wüsste ich eins noch gerne, wenn es Dir nicht zu viel ausmacht: wer, verflucht noch mal, ist Rüdiger!?“

Wir haben in Bezug auf die Küche vereinbart, die Lasten ganz gerecht zu teilen; an geraden Tagen koche ich, während Hildegard isst, an ungeraden lässt sie sich von mir bekochen und überlässt mir den Abwasch. Selten greift sie in meine Gestaltung ein, indem sie beispielsweise ein Menü mit Spargel und Erdbeeren vorschlägt, vornehmlich im Advent. Ansonsten habe ich völlig freie Hand, kann nach Herzenslust kochen und habe jeden Tag aufs Neue die Chance, ihren kritischen Blicken zu entkommen und den nächsten Gang zu servieren – in meiner Küche, die sich in meiner Wohnung befindet, in der Hildegard weder offiziell wohnt noch dort gemeldet wäre, sie hält sich nur zum größten Teil dort auf.

Rüdiger, verkündete sie, sei ein neuer Kollege, und ihrem Tonfall entnahm ich, dass der Mann nicht ganz schussecht sein konnte. „Er ist Veganer oder Vegetarier oder so etwas“, teilte Hildegard mir mit. „Gib Dir also ein bisschen Mühe, ich möchte nicht, dass Du ihn gleich bei der ersten Einladung enttäuschst.“ „Vorerst wirst Du freundlicherweise herausfinden, was dieser Rüdiger nun ist, und dann wirst Du die Güte haben, mir einen sehr guten Grund zu liefern, warum ich für ihn kochen sollte.“ Sie rümpfte die Nase. „Das klingt ja wirklich nach Gastfreundschaft.“ Hildegard ballte die Fäuste auf dem Frühstückstisch. „Du kennst ihn nicht, bis vor ein paar Minuten wusstest Du überhaupt nicht einmal, dass es ihn gibt, aber Du bist Dir natürlich viel zu fein, ihn einzuladen. Großartig!“ Sie hieb mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen klirrten. „Ich frage mich ernsthaft, was ich mit einem Ekel wie Dir überhaupt soll – meine Mutter hat mich immer vor Dir gewarnt!“ „Solltest Du gehen“, informierte ich sie, „zieh die Tür bitte leise hinter Dir ins Schloss. Den Schlüssel kannst Du mir auch in den Briefkasten werfen.“

Muspelmanns Gemüsemanufaktur war eben eingeräumt. „Die Gurken sind ganz frisch“, strahlte die Chefin, „hiesige Ware – und probieren Sie auf jeden Fall unsere Gemüsezwiebeln, die sind heuer sehr schön aromatisch.“ Ich entschied mich für drei Kilo gemischtes Gemüse, ließ mir ein paar frische Kräuter einpacken und betrachtete die Birnen. Ein Dessert schwebte mir vor; wenn ich schon zum Kochen gezwungen würde, sollte es wenigstens Spaß machen.

Hildegard war anderer Ansicht. „Das ganze Zeug ist doch sicher nicht bio oder öko oder so.“ „Die Auberginen sind natürlich aus maschineller Produktion“, gab ich ungerührt zurück. „Was genau ist der Unterschied zwischen einer Ökotomate und einer normalen aus Muspelmanns Gemüseladen?“ „Rüdiger ist doch Ökologe oder so etwas, dem kann ich doch nicht einfach irgendein Supermarktgemüse vorsetzen!“ Ich hieb den Korb auf die Anrichte. „Erstens“, fauchte ich, „setzt Du ihm gar nichts vor, und zweitens ist ein Gemüsefachgeschäft mit regionaler Ware kein Supermarkt!“ Sie schmollte. „Ich meine ja nur. Wenn Du ein paar biologisch-dynamische Tomaten kaufen könntest, dann würde ich mich vielleicht um den Salat kümmern.“

Rüdigers Händedruck erinnerte entfernt an rohen Hefeteig, feucht, warm und schwammig. „Ich bin nämlich der Rüdiger, Du!“ Dabei wiegte er seine in einen mehrfach gestopften Häkelpullover gehüllte Figur mehlsackartig in den Hüften und ließ sich auf dem Küchenstuhl nieder. Hätte ich nicht gewusst, dass er Sozialkunde unterrichtet, es wäre mir spätestens jetzt an seinem charakteristischen Körpergeruch aufgefallen und an seinen Schuhen; allein die konnten auch aus der Beschäftigung mit alttestamentarischen Gebräuchen entsprungen sein. Hildegard rieb nervös ihre Nase. „Sie hat mir nämlich auch erzählt, dass Du voll gut kochst.“ Das konnte ich nur bestätigen. „Ich habe meine Spezialität zubereitet“, verkündete ich, „den Klassiker der provenzalischen Küche: Ratatouille.“ Schon fiel er ausgehungert über seinen Teller her. Hildegard kaute indes andächtig. Ihr Blick fiel auf den Gemüsekorb, in dem eine schrumpelige Zwiebel nebst matschigen Tomaten lagen. „Du hast also tatsächlich noch Bio-Gemüse besorgt?“ „Aber ja doch“, sagte ich leise und mit der friedlichsten Miene. „Sie hatten fast alles. Da war so viel, ich musste regelrecht suchen.“ „Und woher hast Du diese Tomaten?“ „Ach“, schmunzelte ich, „von ganz rechts. Du weißt doch, die Tonnen hinter dem Bio-Supermarkt.“

Hildegard erreichte gerade noch das Bad; ich hörte, wie sie sich brüllend ins Klosett erbrach. Den Körnerfresser schien das nicht weiter zu stören, er war mit dem Gemüse beschäftigt. „Nehmen Sie noch ein bisschen Salat“, ermunterte ich ihn, „die gute Hildegard hat ihn selbst gemacht.“ Rüdiger starrte entsetzt auf die Schüssel, auf meine Beste, die zitternd in der Küchentür erschien, und warf das Besteck von sich. „Mozzarella!“ Angewidert schob er das Schüsselchen beiseite. „Ihr Tierschänder! Das ist ja ekelhaft, nie hätte ich das von Euch gedacht!“ Hildegard wollte gerade antworten, doch ich hatte schon die Plastikschlaube aus dem Eimer gefischt. „Sie hat den preiswerten Analogkäse aus dem Supikauf genommen“, verkündete ich. „Der ist aus modifiziertem Pflanzenfett, Salz, Wasser sowie jeder Menge Chemikalien zusammengepappt und hat garantiert nie eine Kuh von innen gesehen. Den können Sie unbesorgt essen.“ Er starrte Hildegard an, die erschöpft zu mir blickte. Rüdigers Züge glätteten sich. Mit neuem Appetit löffelte er seinen Teller leer. „Ich muss schon sagen“, tadelte ich. „Wenn ich gewusst hätte, dass Dein Kollege so ein guter Esser ist, hätten wir ihn schon viel früher einladen können!“