Gernulf Olzheimer kommentiert (CLVIII): Impfkritik

13 07 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich ist das begrenzt, was unter der Kalotte suppt. Dem einen sagen Formel-Eins-Rennen nicht zu, der andere hat eine Abneigung gegen Mathe. Und doch eint uns, die aus dem gemeinsamen Fluchtpunkt der Primaten projizierte Diversifikation an halbwegs, vollständig und Teilzeitbeknackten, die selektive Akzeptanz des Weltbildes. Blind glauben wir an Bosonen und Kreiskolbenmotor, Laserkanone und Smartphone, doch Mikrobiologie und pharmazeutische Nutzanwendung sind noch Hokuspokus aus dem vergangenen Äon; eher fräße ein Büromane Pillen aus Dreck und Hundehaaren, als sich auf die Wirksamkeit einer Pille zu verlassen und den Unterschied zwischen dem Schamanen und dem approbierten Facharzt zu verstehen. Der reine Tor braucht nun mal nicht mehr als Wadenwickel und kalte Waschlappen, wenn Kollege Ebola an die Tür klopft. So ward Abend und Morgen und es entstand die Impfkritik.

Impfkritik ist zunächst ein normaler Auswuchs an mangelndem Urteilsvermögen, wie die üblichen Gelehrten ihrer Zeit Semmelweis’ Erkenntnisse der evidenzbasierten Hygiene für Tralafiti hielten. Nicht grundlos spricht die Wissenschaftstheorie von einem gleichnamigen Reflex, der logisches Denken mit Denkverboten konterkariert, um die mit dem Intellekt von Fischfutter gesegneten Kollegen aus der Nummer rauszukriegen. Was nicht zu sein hat, ist nicht – und wenn der ganze Schnee verbrennt.

Im einfachsten Fall sind die Gegner Vertreter mindestens esoterisch verbrämter Privatrealitäten. Eine halbwegs handhabbare Gruppierung ist die der religiös motivierten Gegner, die aus Angst vor der Spritze eine generelle Skepsis gegenüber einer Medizin entwickeln, die auch dann wirkt, wenn man nicht an sie glaubt. Kein Scientologe, kein universell oder ansonsten uriell Lebender braucht sich gegen Pocken pieken zu lassen.

Wesentlich unangenehmer wird es bei den pseudowissenschaftlich verschwiemelten Grützbirnen, die die karmagesteuerte Homöopathie samt teutonischer Mistelmedizin für den Mittelpunkt der rotierenden Reichsweltscheibe halten. Ein lässiger Griff in die braune Masse bringt rasch hervor, welcher Provenienz dieses kognitiv suboptimierte Gesabber ist, wie es weiland schon der Bettnässer von Braunau in seinen Tiraden wider die jüdische Schulmedizin unter sich ließ. Was immer das vorneuzeitliche Brauchtum an Rasseideologie hervorkotzt, hier ist es gut aufgehoben. Die im Endstadium dackeleske Verdrehung, die Impfung erst bei drohender Krankheit zur bewussten Entscheidung des Kassenpatienten zu machen, ist an weißem Rauschen im Hirnhöhe kaum mehr zu überbieten.

Geradezu possierlich ist doch, dass die weltumspannende Bewegung der Impfgegner streng nach Staaten geordnet eigene Kritikpunkte aus der Kimme kloppt – in Frankreich rennt man gegen die Tuberkulose-Impfung Sturm, auch wenn die seit einem halben Jahrhundert nicht mehr praktiziert wird, in Großbritannien hält man Medikamente gegen Masern, Mumps und Röteln, die auf dem Kontinent klaglos wirken, für Tod und Teufel – und sich nicht nur widerspricht, sondern zuverlässig bekloppt mit chauvinistischem Vokabular den Angehörigen des jeweils anderen Volkes Verrat und Korrumpiertheit vorwirft. Sonst hätte wohl auch die grassierende Verschwörungstheorie kaum Luft zum Atmen, wie immer sie sich zeigt, ob als Auslöser des plötzlichen Kindstodes (den es scheinbar nur in Italien gibt) oder als Faktor für posttraumatische Störungen nach Golfkriegseinsätzen (weil es diese Art von Grippeschutzimpfungen vermutlich nur in den US of A und nur in der Armee und nur während der Jahre gegeben haben muss, in der eine Kohorte von Soldaten ihre Temporallappen weich gespült hatte). Dumm nur, dass die Kinderkrankheiten im aufgeklärten Zentraleuropa da den Nachwuchs plätten, wo Anthroposophen und ähnliche Altnazis ihr Gesums unverhindert absondern können. Selbst harmlose Masern werden wieder zur tödlichen Gefahr; wenigstens ist das göttliche Gleichgewicht wieder hergestellt, wenn die Kurzen krepieren.

Wie aber verfährt man mit den Berufsirren, deren Voodoo nicht für ein Studium der Betriebswirtschaft ausgereicht hat? Belfert man auf sie ein, um sie als Keimzwischenträger aus der Ernährungspyramide zu kippen? Begegnet man ihnen aus Respekt mit offenen Armen, aus gesundem Menschenverstand jedoch mit drei Lagen Latexhandschuhen? Weiträumiges Umfahren der Raumkrümmungsopfer bietet sich im Grundsatz immer an; wer schon geistig auf seinem eigenen kleinen Planeten lebt, darf sich auch gerne gesellschaftlich demgemäß ausgestoßen fühlen. Die Hauptsache ist, die religiösen Fundamentalisten, denen sowieso bald jede Gebetsabschussrampe untersteht, amalgamieren sich schnellstmöglich wieder mit der abbaubaren Biomasse. Wenn sie die Klappe halten, muss man ihnen auch nicht mehr böse sein. Bis dahin kann man das ganze arkane Gekasper gepflegt ignorieren. Wer hört schon auf Säuglinge.