Auf Herz und Nieren

23 07 2012

„Nehmen Sie doch noch ein bisschen Leber, die ist gerade ganz frisch. Sehr gute Ware, kann ich Ihnen nur empfehlen. Sie werden begeistert sein. Als renommierter Transplantationsmediziner sollten Sie da sofort zugreifen.

Wirklich gute Ware. Unsere Spender werden sozusagen kurz vorher noch einmal auf Herz und Nieren überprüft. Wirklich nur die allerbeste Ware, frisch auf den Tisch. Sie operieren selbst? Dachte ich mir, dass Sie vom Fach sind. Sie erkennen so eine vernünftige Bauchspeicheldrüse, oder?

Vor allem Ehrlichkeit – ja, wir müssen den Tatsachen auch mal ins Auge sehen, von uns wird Ehrlichkeit verlangt. Das ist ethisch ja auch das Mindeste, was man von uns erwarten kann. Wir sind da ganz ehrlich: es geht uns um’s Geschäft. Und da sind wir dann auch ganz seriös. Wenn wir bei der Steuer mauscheln würden – die Gefahr wäre viel zu groß, dass man durch so eine Nachlässigkeit ins Visier der Ermittler geriete. Nein, dann lieber ehrlich.

Netzhaut kann ich Ihnen empfehlen. Ist schnell gemacht. Die Spendenquittung nimmt man gleich mit. Momentan der Renner im Innenministerium. Und beim Verfassungsschutz. Immer nur rechts, aber da wird’s ja auch nicht mehr gebraucht. Im Gegenzug helfen uns die Schlapphüte bei den Akten. Sie wissen ja, Geheimhaltung ist alles. Und wenn niemand nachvollziehen kann, woher so ein Organ kommt, wird auch keiner rauskriegen, wo es landet. Den Rest erledigen wir mit der ärztlichen Schweigepflicht.

Nein, machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben das im Griff. Das Ganze wird einfach vorgezogen, verstehen Sie? Wir warten nicht mehr, bis wir die Organe entnehmen können – wir quatschen die Leute schon hirntot, damit sie den Spenderausweis unterschreiben.

Momentan kann ich noch nichts Genaues sagen, aber wir arbeiten bereits an einer Verordnung für mehr Lebendspende aus deutscher Produktion. Bis jetzt hatten wir immer einigermaßen gute Erzeuger am Start, aber der Markt ist leider sehr volatil. Sommerferien, Motorradzeit, Baustellen, alles in Butter. Aber dann haben wir dieses Jahr so ein schlechtes Ausflugswetter – Baisse in Nieren, keine Lunge, keine Knorpel, nichts. Da müssen wir dann gegensteuern. Und genau da kommen dann die Arbeitslosen ins Spiel. Von einer Niere wird sich eine drei- bis vierköpfige Bedarfsgemeinschaft zwar auch nur maximal zwei Jahre lang ernähren können, aber länger geben wir denen eh nicht. Marktbereinigung, Sie verstehen?

Der Organhandel ist doch endlich mal eine Gelegenheit, sich solidarisch zu erklären mit unseren europäischen Nachbarn. Zeigen Sie Herz – nein, halt, Leber oder Milz oder so, und dann haben wir auch wieder genug Geld, um die spanischen Banken in Deutschland zu – die Deutsche Bank in Spanien, meinte ich natürlich.

Das befindet sich im Experimentalstadium. Bisher entnehmen wir Därme noch nicht bei der Routineausschlachtung, aber wir holen das natürlich schnellstmöglich nach. Der Bundesgesundheitsminister hat das so angeordnet. Denken Sie dran, der ist in der FDP – der hat seine ganze Karriere darin verbracht.

Wir müssen an unserem Erscheinungsbild noch etwas arbeiten. Die Öffentlichkeit ist immer so schnell abgeschreckt, wenn sie sich mit unserer Branche konfrontiert sieht. Mir schwebt da schon etwas vor: ‚Sie kaufen sich keine Leber, sie nehmen sich ein Leben.‘ Wie finden Sie das?

Übrigens Leber – wir haben da gerade wieder Aktionswochen fürs Upgrade. Kennen Sie zufällig Alkoholiker? Der Trend geht ja inzwischen zum Drittorgan. Wir nehmen den alten Lappen auch gerne in Zahlung. Wir liefern, Sie bauen ein. Deal? Nein, das geht nur bei Privatpatienten.

Es heißt ja schließlich ‚Gesundheitsmarkt‘, dann machen wir das hier auch nach Marktgesetzen. Nein, nicht wirtschaftlich gesehen. Wer am besten bescheißt, gewinnt halt.

Internationale Zusammenarbeit ist für uns als Zulieferer selbstverständlich eine große Chance. Sie können von unseren Kontakten nur profitieren – wir arbeiten an globalen Standards, um die Nachfrage auf dem Markt zu befriedigen. Nur mit strategisch guten Planungen können wir die Qualität sichern und die Transplantation voranbringen. Vornehmlich arbeiten wir auf höchster Ebene mit chinesischen Ministerien zusammen – nein, mit der Justiz. Uns schwebt vor, eine verbesserte Menschenrechtslage in China zu erreichen. Die Todesstrafe wird dann zwar häufiger vollstreckt, aber nur bei jugendliche Delinquenten. Aus denen können wir mehr rausholen.

Außerdem sind wir für erweiterte Kontrollen. Das muss einfach sein. Stellen Sie sich nur einmal vor, hier würden sich staatliche Stellen in alles einmischen, was uns als Organfachhandel den Laden am Laufen hält. Völlig unmöglich. Das ist doch auch nicht in Ihrem Interesse, Herr Doktor.

Also Leber. Wir haben hier etwas im Angebot, ganz neue Ware. Und Herzklappen diese Woche? Gut. Und dann haben wir noch frische Lunge. Darf’s noch ein bisschen mehr sein?“