In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CI)

21 07 2012

Herr Künzler lebt sonst in Luzern,
doch reist er auch ebenso gern.
Er sieht seine Gattin
nur selten. Die hat ihn
gelehrt, sie ist gut nur von fern.

Amaya, die schmierte in Pals
sich gegen die Falten am Hals
mit Melkfett (das glatte),
bis sie nichts mehr hatte.
Erstaunlich gut wirkte dann Schmalz.

Herr Aebli, der pflegte in Greppen
herauf und herunter die Treppen
nicht einfach zu gehen,
vielmehr sollt man sehen
und hören ihn beim Treppensteppen.

Es saß der Herr Wu in Shenyang
beim Angeln am felsigen Hang.
Er schlief gern beim Fischen;
ihn weckte ein Zischen,
dann wusste er: hier war der Fang.

Es ging der Herr Zimbler in Broc
am liebsten im schottischen Rock.
Er schätzte Kariertes
(er meinte, ihn ziert es),
und zog so recht gern um den Block.

Aignan rauchte fleißig in Mhère
sein Pfeifchen; das mochte er sehr.
Am Morgen ansteckt er
die Pfeife. Dann deckt er
zum Ausgleich den Kiesweg mit Teer.

Es wusch die Frau Kneppli in Greng
recht heiß, und so wurden auch eng
die Hosen des Gatten.
Die Beine, die hatten
es luftdicht am Knöchelgelenk.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLIX): Kellner

20 07 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Glück, es geht gerne die einfachen Wege. Zwei Spiegeleier in der Pfanne, ein Kasten Bier im Kühlschrank, mehr bedarf es ja selten, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Selbst Lebensentwürfe, die auf gedünstetem Fisch an Fenchelgemüse und Apfel-Rhabarber-Schorle beruhen, sind innerhalb des Erträglichen und lassen sich ohne Zuhilfenahme unbefugter Dritter verwirklichen. Das Dilemma beginnt erst, wo das Dasein komplexere Strukturen ausbildet, auf Reisen, in der Auseinandersetzung mit der sozialen Gruppe oder da, wo die schlechte Angewohnheit obsiegt. Das Wesen, das uns von der natürlichen Schlichtheit des richtigen Lebens trennt, ist der Kellner.

Er ist entweder gar nicht erst vorhanden, steht wie angenagelt in der hintersten Ecke des Raumes oder bewegt sich in der vierten Dimension, aus der er erst dann schemenhaft auftaucht, wenn er schon zur Hälfte den Speisesaal wieder verlassen hat. Anatomisch besteht er zu 152% aus Rücken, hat keine Sinnesorgane, antwortet reflexartig auf grobe Reize – beliebt sind etwa „Weiß ich nicht“, „Ist aus“ oder „Nicht mein Tisch“ – und scheint die ihm Schutzbefohlenen disziplinieren zu wollen. Wer ungefragt nach weniger als einer halben Stunde sein noch nicht ausgeliefertes Pils reklamiert, findet sich ansatzlos in einem längeren Sermon über die starke Arbeitsüberlastung des Bedienpersonals wieder. Nicht eins, drei Biere hat der Mundschenk zu beaufsichtigen, und wer ihm vorschreiben wolle, wie man angesichts dieser intellektuellen Schwerlast noch Herr der Lage zu bleiben habe, der solle gefälligst selbst seine Plempe durch die Kaschemme schleppen, für das andere Pack gleich mit, dann könne er, der Aufwärter, sich wenigstens sinnvolleren Dingen zuwenden und weiter die Maserung der Theke studieren, statt sich mit dem Gelump zu befassen, das am Ende nicht einmal mit dem Trinkgeld herüberkommt. Man hätte sie alle als V-Männer im Untergrund entsorgen können.

Dämonologen wollen herausgefunden haben, dass diese Spezies sich aus dem Stand in Luft verwandelt. Wie eine Fata Morgana gaukelt die kongenital an Bandscheibenverschwiemelung leidende Watschelwurst phasenweise An- oder Abwesenheit vor, was Teilchenphysiker zu der Annahme verleitet, es handelt sich bei der Bedienung lediglich um eine subatomare Störung der ansonsten funktionierenden Symmetrie. Mehr wäre von einem Bembelschwenker auch nicht zu erwarten gewesen als die Inkarnation von Phlegma.

Andererseits braucht es nur den Gang in ein höherklassiges Etablissement, um zwischen Damast und Porzellan zu konstatieren: es gibt zu viele Kellner. Der Vorteil ist, dass auch hier der Gast kein Aerobic zu vollführen braucht, um ein Glas Wasser zu ordern, denn das Gehampel übernimmt die Servierbrigade. Die allerdings bauscht den Tausch eines Fischmessers mit choreografischer Hysterie zu einer konzertierten Aktion aus, gegen die das Spanische Hofzeremoniell vergleichsweise schlicht erscheint.

Damit wäre die Gemeinsamkeit mit dem Gartenlokalisten erledigt, abgesehen vom längst flächendeckenden Einsatz un- bis maximal angelernte Kräfte, die selten auch nur das Grundvokabular des Berufs beherrschten: zwei Teller gleichzeitig tragen, sich drei Weine merken und Gläser mit ungefetteten Fingern anfassen; so trägt der Domestik am einen Ende des Tisches den Braten auf, während am an deren Ende das Gemüse sich mählich der Umgebungstemperatur nähert. Der Rest der weiß beschürzten Armee steht steif mit gezogener Flappe in der Botanik und ist sich viel zu fein, dem Kunden das Salz zu reichen. Die Patzigkeit des Tellermimen mag aus der Kränkung resultieren, dass er nach zwanzig Semestern Politologie Schnitzel durch die Innenarchitektur hebelt, doch der unangenehmste Phänotyp schuppt sich aus der Pelle, wo der Gast per definitionem nur Staffage für das Hochamt am Saucenpfännchen ist: in den öligen Tempeln der Sterneküche.

Hier kredenzt der Ober-Macker im Bewusstsein des eigenen Dünkels Pommes de Tüdelü, raunzt den Konsumenten an und spielt sich als Lokal-Matador an den Bühnenrand – dumm, wenn auch er nur kompensiert, dass er nur billige Tellerdeko ist, dessen Gesicht Fresspäpste schnell abfrühstücken, ein austauschbarer Jobber auf der großen Schnitzeljagd, den man aus Liebe zur gehobenen Pinte mit Weinkeller in Kauf nimmt, solange er die Klappe hält.

Wenigstens die Fast-Food-Gastronomie hat das Dilemma erkannt, die Speiseausteilungsfachkraft zwischen Kasse und Küche eingeklemmt, und lässt den zahlenden Gast das Lauf- und Stehpensum erledigen. Der Berg kommt also zum Propheten, immerhin findet sich dort Atzung, wenngleich bisweilen in zweifelhaft formunschöner Gestalt und nicht selten als Fett-Zucker-Konservierungsstoff-Pamps im Papppäckchen. Aber sei es so, kein schwadronierender Schwätzer, Gabelhochstapler oder Filetbuster wird einen hernach fragen, ob’s denn geschmeckt habe. Leises Aufstoßen begleitet die resignierte Antwort: „Stimmt so.“





Abramakabra

19 07 2012

„… sei es zwar strafrechtlich verboten, Personen bei lebendigem Leibe zu verbrennen, man müsse zum Schutz der Religionsausübung allerdings der römisch-katholischen Kirche ein Sonderrecht einräumen, das eine legale Hexenverbrennung…“

„… die Verfolgung und Verurteilung der Hexen ein christliches Kulturgut sei, das nicht durch profane Mittel des Rechtsstaates…“

„… formal um ein Tötungsdelikt handele. Da allerdings in der Überlieferung der Kirchenväter das Strafgesetzbuch nicht erwähnt werde, könne man nicht mit…“

„… das Denunziantentum ausdrücklich gelobt habe. Nur auf diese Art, betonte Uhl, könne man auch gefährliche Terroristen aus dem…“

„… habe Joachim Kardinal Meisner eine zügige Lösung der Gesetzeslage angefordert. Beobachter hätten bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass der Erzbischof von Köln, der an einem neuen Holocaustvergleich arbeite, sich in der Presse…“

„… da die Hexenverfolgung laut SPD-Vorstand auf einer mehrere Jahrhunderte langen Tradition des Volksglaubens beruhe, die man respektiere und…“

„… nicht als fundamentalistisch zu werten. Die Kirche bekämpfe lediglich die Anzeichen des modernen Zeitalters wie Satanismus, Atheismus, Justin Bieber oder…“

„… sei eine sehr genaue Differenzierung notwendig. Der Bund der Vertriebenen der Maya könne keine rituelle Opferung von Sklaven fordern, nur weil der Vatikan die Hexen als…“

„… dass Hexenverfolgung nicht weniger als die Staatsräson Deutschlands sein müsse. Merkel habe in diesem Zusammenhang gefordert, auch im internationalen Vergleich eine…“

„… habe von der Leyen eine Quote von 99% bei den Hexen vorgeschlagen. Gleichzeitig sei auch in Erwägung zu ziehen, die Schlecker-Frauen in…“

„… ein Verhältnis zur Demokratie, das man nicht mehr als Verhältnis zur Demokratie bezeichnen könne. IM Friedrich kündigte an, die ablehnende Haltung der Linkspartei zur Hexenverbrennung als Anlass zu nehmen, die Beobachtung durch den Verfassungsschutz noch wesentlich über das bestehende Maß…“

„… sei eine juristische Definition von Hexerei bisher noch nicht erfolgt. Das in 57 Sekunden durch den Bundestag gehebelte Gesetz sehe nun vor, jeden als Hexe zu bezeichnen, ein Widerspruch sei zwar möglich, habe aber keine rechtswirksame…“

„… sich eine Gleichstellung von Scharia und Hexenhammer verbitte. Das eine sei eine angeblich von jenem höheren Wesen, das wir verehren, inspirierte Schrift, das andere jedoch eine von anerkannten Wissenschaftlern…“

„… der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion Beck bestätigt, nicht die geringste Ahnung zu haben, daher sei es ihm völlig egal, zu welchem Thema er…“

„… könne eine Einmischung der deutschen Justiz in die Praktiken der allein selig machenden Kirche nicht geduldet werden. Überdies sei mit Hilfe theologischer Beweisführung sehr wohl die Existenz der Hexen zu…“

„… dürfe sich, so Merkel, Deutschland vor den arabischen Freunden nicht zur Komikernation machen. Zur Sicherung der Arbeitsplätze in der Waffenindustrie habe sie…“

„… zu einer spontanen Zusammenrottung vor dem Lichtspielhaus gekommen sei. Schünemann habe die öffentliche Vorführung eines Harry-Potter-Films als Propaganda für teuflische…“

„… gemäß dem Rechtsgutachten der Erzdiözese München und Freising keinerlei Handhabe. Schadenszauber sei als untauglicher Versuch mit strafrechtlichen Mitteln nicht zu greifen, daher dürfe auch die weltliche Justiz nicht…“

„… habe Rösler vorgeschlagen, Synergien zu nutzen durch die Privatisierung der Hexenprozesse. Das daraus entstehende Wachstum würde die Mittelschicht um mehr als…“

„… könne die SPD nach längerer Bedenkzeit einer Legalisierung der Hexenverbrennung nicht mehr vorbehaltlos zustimmen. Man sei aber bereit, das Gesetzesvorhaben mitzutragen, wenn man im Gegenzug den Widerstand gegen den Fiskalpakt…“

„… handele es sich nicht um ein Religionsprivileg, da die Hexenverfolgung nicht durch kanonische Schriften durch kanonische Schriften gestützt seien; deshalb die römisch-katholische Kirche als Ganzes abzulehnen sei daher keine…“

„… Schröder ebenfalls empfehle, Feministinnen sofort auf den Scheiterhaufen zu…“

„… gebe es außerdem keinen historischen Beweis, dass Hexen zu Deutschland…“

„… sei eine Trennung von Staat und Kirche durchaus gegeben, wenn der Staat endlich seine Finger von den berechtigten Interessen der…“

„… auch eine außenpolitische Isolation zu befürchten. Westerwelle betonte, dass Deutschland als Exportnation die Absatzgebiete im Kongo, in Benin und Angola nur dann werde verteidigen können, wenn man das Recht der Einwohner auf das Abschlachten von Frauen, Kindern und…“

„… keinen tragfähigen Kompromiss, wenn die Hexenverbrennung zwar in Deutschland offiziell verboten, im Vatikan jedoch ausdrücklich erlaubt würde. Benedikt XVI. halte die Einschränkung der legalen Folter und Vergewaltigung für den schwersten Schlag gegen den Katholizismus, der in Deutschland seit dem Reichskonkordat…“





Pest oder Cholera

18 07 2012

„Eine Zwangsanleihe? Für Reiche!? Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst!“ „Warum nicht? Irgendwie muss man die Krise doch in den Griff bekommen.“ „Aber doch nicht so! Das grenzt ja an Stalinismus!“ „Da die Idee in der Ost-CDU so gut aufgenommen wird, will ich Ihnen nicht widersprechen.“

„Also jetzt mal im Ernst, das ist nur Wahlkampf, oder?“ „Meinen Sie? Damit würde sich jedenfalls die deutsche Einnahmenseite erheblich verbessern.“ „Schäuble sagt, dass das gar nicht nötig sei.“ „Er bezieht das vermutlich auf die Steuerhinterziehung bei seinen Parteifreunden.“ „Aber das geht doch wieder nur zu Lasten der Mittelschicht.“ „Weil man als Mittelschichtfamilie so gut wie immer über eine halbe Million Euro Kapital verfügt?“ „Nein, aber…“ „Ah, ich verstehe. Weil diejenigen, die in diesem Land noch so unvorsichtig sein, Steuern zu bezahlen, aus der Mittelschicht kommen.“ „Hören Sie mir doch mal zu – weil in Deutschland fast alles von der Mittelschicht getragen wird, um den Staat zu finanzieren!“ „Und das hat diese Regierung je zuvor gestört? Das wäre mir neu.“ „Man kann das doch nicht immer alles von der Mittelschicht nehmen! Das ist doch nicht gerecht!“ „Natürlich nicht. Was würden Sie vorschlagen, dass wir nur Arbeitslose und Niedriglöhner heranziehen, wenn sie mehr als 250.000 Euro pro Person auf der hohen Kante haben?“

„Es wären acht Prozent der Bevölkerung betroffen. Das geht doch nicht!“ „Sie haben völlig Recht. Man sollte das eine reichste Prozent einfach enteignen, aber das Geld ist vermutlich auch irgendwann aufgebraucht.“ „Quatsch, man müsste diese Zwangsanleihe viel breiter streuen.“ „Ich verstehe. Sie finden so eine Zwangsanleihe für Reiche auch okay, solange sie von den Armen bezahlt wird.“ „Das ist doch wieder nur reiner Populismus!“ „Wie wäre es, wenn wir dieses Modell auf Europa ausweiten?“ „Wie geht das denn? Sollen jetzt die Spanier und die Griechen ihre Vermögen zwangsweise hergeben, um den deutschen Staatshaushalt zu unterstützen?“ „Aber nein. Nur die deutschen Banken.“

„Wenn Sie Geld abschöpfen von den Reichen, dann sind das doch nichts anderes als eine neue Schuldenfinanzierung.“ „Seit wann stört das eine konservative Regierung?“ „Und wäre das nicht sinnlos, wenn Deutschland alleine so ein Instrument einführte, ohne die anderen Eurostaaten?“ „Seit wann hat diese Kanzlerin etwas gegen Alleingänge in der EU?“

„Am Ende werden diese Gelder doch wieder nur dazu verwendet, um die Wirtschaft bei Laune zu halten.“ „Wer hat Ihnen denn den Floh ins Ohr gesetzt?“ „Wenn die riechen, dass wieder genug in der Kasse ist, halten die schon von ganz alleine die Hand auf.“ „Ich dachte, Lobbyisten bezahlen?“ „Wenn Sie Energie erzeugen oder Hedgefonds, sind sie ohne Subventionen nicht überlebensfähig.“ „Dann sollten wir vielleicht doch Kürzungen im Sozialbereich durchsetzen. Oder bei der Bildung.“ „Wieso gerade da?“ „Weil es da die Reichen nicht so merken.“

„Wir müssen allerdings auch Ausnahmen zulassen.“ „Ausnahmen? Sie meinen sicherlich Härtefälle, wo man mit 200.000 Euro Ehrensold knapp unterhalb des Existenzminimums dahinvegetiert?“ „Blödsinn – eine fest definierte Untergrenze sollte eingezogen werden. Sonst wird die Bemessungsgrenze kontinuierlich abgesenkt, dann blutet die Mittelschicht irgendwann wirklich aus.“ „Sie haben vielleicht eine Fantasie! Meinen Sie nicht, durch freundschaftliche Kontakte der Politik ins Lage der Vermögenden würde man die Grenze eher kontinuierlich anheben?“ „Dann hätte der Staat doch gar nichts mehr davon.“ „Immerhin könnten wir dann vielleicht endlich mal wieder über Steuersenkungen reden. Das letzte Mal ist ja auch schon wieder Jahre her.“ „Sie nehmen die Sache wohl nicht besonders ernst?“ „Wie stellen Sie sich das denn vor? dass da ein Oberfinanzdirektor mit der Flinte aus dem Gebüsch hüpft und ‚Geld oder Leben!‘ kreischt?“ „Was macht das denn für einen Unterschied?“

„Wissen Sie, ich halte das für eine gute Idee, um die Linke auszuschalten.“ „Aber die würde doch sofort zustimmen, wenn die Zwangsanleihe käme.“ „Die würde aber auch sofort zustimmen, wenn die Regierung die Vermögenssteuer einführen würde, die sie die ganze Zeit fordern.“ „Weil das eine Idee der Linken war?“ „Nein, aus Genugtuung, dass die SPD mal wieder unter lautstarkem Protest der Merkel die Mehrheit rettet, obwohl sie die Sache für komplett falsch und gefährlich einstuft.“ „Das ließe ja zumindest darauf hoffen, dass wir den Mindestlohn noch erleben.“ „Na, so weit wollen wir noch nicht gehen – erstmal schauen wir zu, wie die Regierung den Reichen die Wahl zwischen Pest und Cholera lässt.“ „Vermögenssteuer und Anleihe, richtig?“ „Genau. Und raten Sie mal, wie die sich entscheiden werden.“ „Für eine Zwangsanleihe auf jeden Fall schon mal nicht.“ „Wieso nicht? Wir hatten doch sogar schon Kapitaleigner, die ihr Geld zum negativen Zinssatz dem deutschen Staat überlassen haben. Warum soll das nicht auch hier funktionieren?“ „Weil eine Steuer verlässlicher ist…“ „Witzbold!“ „… und auch wieder gesenkt werden kann, wenn die FDP…“ „Sonst geht es Ihnen aber gut?“ „Wie wollen Sie denn sonst die Reichen dazu bringen, ihre Kohle einfach herzugeben? Das machen die doch nie!“ „Sicher doch.“ „Sicher?“ „Sie kennen das doch von der Börse: Ihr Geld ist nicht weg, das hat jetzt nur jemand anders.“





Für zu leicht befunden

17 07 2012

„… gebe es laut Innenminister Schünemann (CDU) eindeutige Anzeichen für das Abgleiten in den Islamismus. So sei ein Gewichtsverlust durch veränderte Essgewohnheiten oder eine längere Reise in Länder mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung als ernstes Symptom zu betrachten, außerdem eine intensive Beschäftigung mit dem Leben nach dem Tod, plötzlicher Reichtum oder plötzliche Schulden oder eine…“

„… historisch keinen Beweis dafür, dass unterernährte Muslime zu Deutschland gehörten. IM Friedrich habe jedoch eingeräumt, dass die im deutschen Asylbewerberleistungsgesetz verankerte Unterernährung möglicherweise zu Fehlschlüssen seitens der regierenden Sicherheitskräfte…“

„… noch kein Anzeichen für Islamismus. Die Kanzlerin habe sich zwar in mehreren überwiegend muslimischen Staaten hintereinander aufgehalten, dies sei jedoch nur wegen der Staatsbesuche in…“

„… dass eine größere Anzahl von Millionären bei der Steuerprüfung jäh verarmt seien. Ob dies bereits auf eine islamistische Verbindung hindeute, sei jedoch noch nicht…“

„… müsse man die Knabenbeschneidung als Ausdruck der Religionsfreiheit tolerieren, auch wenn sie mit dem christlichen Abendland nicht…“

„… unterstreiche Schünemann, dass bereits das Leugnen von Anzeichen für die Radikalisierung ein klarer Beweis für die…“

„… das Tragen eines Nachthemdes und einer Häkelmütze noch nicht grundgesetzwidrig sei. Die Innenministerkonferenz habe beschlossen, das Bundesverfassungsgericht schnellstmöglich durch eine bessere…“

„… den Fall mehrerer Kinder, die im Umfeld des bereits zweimal wegen Kindesmissbrauchs vorbestraften Gemeindepfarrers Alois G. (59) Symptome einer Anorexie zeigten. Es sei dem Geistlichen nicht nachzuweisen, dass er während der Firmkatechese muslimische Propaganda…“

„… internationale Proteste hervorgerufen habe. Das aus Pakistan stammende Model sei während der Berlin Fashion Week auf dem Laufsteg verhaftet worden, da sie vom Sicherheitspersonal für zu leicht befunden…“

„… die Meditationsveranstaltung Leben – und dann? auf Betreiben des baden-württembergischen Landeskriminalamtes abgesetzt worden sei. Es habe zwar keine Anzeichen für eine schleichende Islamisierung des Vortragenden gegeben, zur Vorsicht sei Generalvikar Klemens D, (61) jedoch sofort…“

„… durch ein Spezialeinsatzkommando unter Einsatz von Blendgranaten gefangen genommen worden. Detlef H. (44) habe den Lotteriegewinn gesetzeswidrig nicht beim Innenministerium zur Überprüfung…“

„… sowohl Diät-Tipps als auch orientalische Pluderhosen in derselben Ausgabe gebracht habe. Brigitte werde ab sofort nicht mehr als frei verkäufliche Zeitschrift…“

„… als ersten Erfolg zu verzeichnen. Nachbarn hatten den als streng religiös bekannten Mann dem Verfassungsschutz gemeldet, nachdem dieser in einer Bußübung fast zehn Kilogramm Gewicht verloren hatte. Beim Zugriff habe sich Swami Nathuram Gopalnath gerade auf dem Nagelbrett…“

„… müsse man selbstverständlich auch alle nicht magersüchtigen Muslime für sehr gefährlich halten, denn diese könnten eine Essstörung vor den Augen der Öffentlichkeit aus Hinterlist…“

„… dürfe man die Burka als Ausdruck der Religionsfreiheit auf keinen Fall tolerieren, da sie mit dem christlichen Abendland nicht…“

„… werde die Klosterverwaltung das 14-tägige Heilfasten nur noch für Gäste mit nachgewiesener römisch-katholischer…“

„… versehentlich auch Bartwuchs als generell islamistisch eingestuft hatten. Thierse sei vom Bundeskriminalamt als feindliches…“

„… legte Schünemann großen Wert auf die Feststellung, nicht die Hakennase sei ein Anzeichen für eine gefährliche Tendenz, sondern die Tatsache, dass man eine Hakennase bereits für ein Anzeichen einer nicht christlichen…“

„… sei ein rasierter Schädel oder das Tragen von Kampfstiefeln noch kein Merkmal offener Verfassungsfeindlichkeit. Tausende von Skinheads seien bereits polizeibekannt, so BKA-Präsident Ziercke, allerdings habe kein einziger von ihnen je islamistisch motivierte Straftaten…“

„… den seit 1964 in Nürnberg lebenden Theoklitos D. (68) für einen Türken gehalten hatten. Er hatte sich verdächtig gemacht, da er als mutmaßlicher Nichtdeutscher eine Portion Würstel mit Kraut…“

„… ein Kopftuch bei einer jungen Muslimin deutscher Staatsbürgerschaft regelmäßig als Symbol einer extremistischen, gewaltbereiten Gesinnung zu werten, bei einer aus Schlesien stammenden Rentnerin jedoch als Ausdruck einer traditionellen und heimatverbundenen…“

„… sich Papst Benedikt XVI. in letzter Zeit auffällig oft mit jenseitigen Dingen beschäftige, ein nicht der westlichen Herrenmode entsprechendes Gewand trage, seit seiner Amtseinführung plötzlich über große Reichtümer verfüge und sehr oft auf Reisen…“

„…habe keinen Beweis erbringen können, dass er den Geldbetrag legal mit sich führe und sei darum vorerst als Terrorist inhaftiert worden. Schünemann habe dennoch beteuert, dass es sich dabei nur um ein großes Missverständnis…“





Für die schwäbische Hausfrau

16 07 2012

„Nein, kein Gold. Das wäre zu unsicher. Zu Immobilien kann ich Ihnen auf keinen Fall raten. Nehmen Sie einen guten Fonds. Der bietet Ihnen alles, was Sie für Ihr Kapital wünschen. Nehmen Sie einfach das Beste, was wir Ihnen zu bieten haben. Nehmen Sie den Mappus.

Ja sicher, den können Sie kaufen. Alles eine Frage des Preises, versteht sich. Wobei, so kostspielig ist der Mappus nun auch wieder nicht. Er ist ja eher so das Basismodell. Ganz einfach gestrickt. Sehr einfach. Daher ist er auch so billig. Für die schwäbische Hausfrau halt.

Ich kann ihnen den wirklich nur empfehlen. Seine Anlage setzt auf mittel- bis langfristigen Kapitalzuwachs durch äußerst positive Kursentwicklung – Sondervermögen, verstehen Sie? Eine strategische Aufwertung erfolgt gleich bei Auflegen des Fonds, wir haben die Preise extra hoch angesetzt, so dass ein bisschen mehr Rendite rausspringt. Wir wissen zwar noch nicht, für wen, aber ein bisschen Spaß muss ja schließlich sein. Doch, setzen Sie auf den Mappus. Ein absolut attraktives Anlagemodell. Auch und gerade in Krisenzeiten. Warum? Weil der Mappus die ideale Kombination ist: höchste Rendite, Anlagehorizont in Kopfhöhe, brettförmig, und kein Risiko. Kein Risiko!

Gut, der übliche Nervenkitzel bleibt aus. Wenn Sie lieber irgendein südeuropäisches Land zugrunde richten wollen, bitte sehr. Aber in Zeiten wie diesen schätzt man doch die Sicherheit des Mappus. Sie können zocken, wie Sie wollen, gerne auch außerhalb des rechtlich erlaubten Rahmens. Sie können das Ding an die Wand fahren. Wenn’s Ihnen Spaß macht, brechen Sie in die Bank ein und jagen Sie den Tresor in die Luft – völlig egal. Für den Verlust kommt der Steuerzahler auf.

Sie zahlen keine Steuern? Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.

Wir setzen da auf Wachstum, nicht wahr, und wir gehen mit einer Multi-Strategie vor. Absolute Return. Der Mappus ist wie Scheiße unterm Schuh, der kommt immer wieder zurück. Denken Sie an meine Worte. Vor allem, wenn Sie in den nächsten zehn Jahren mal nach Baden-Württemberg kommen sollten.

Die Kostenstruktur macht den Mappus so einzigartig. Also um es klar zu sagen, Sie kostet der gar nichts. Der ist wie die Eurokrise, der Mappus. Diejenigen, die das ganze Theater verursacht haben, werden mit den Kosten gar nicht erst belästigt. Deshalb ist der Mappus ja auch für den Mittelstand geeignet. Oder für die, die sich einbilden, immer noch zum Mittelstand zu gehören. Da können Sie schon ab zwanzig Euro pro Monat Ihr Geld in den Gulli schmeißen. Für uns ein ganz klares Zeichen, dass dieser Fonds demokratisch aufgelegt ist.

Das funktioniert sowieso nur im Top-Down-Verfahren: einer, der meint, dass er am meisten Ahnung hat, beschließt, dass er der eine ist, der am meisten Ahnung hat, und dann sucht er auf den Märkten, von denen er etwas zu verstehen glaubt, nach Anlagemöglichkeiten. Mit etwas Glück existieren die Wertpapiere hinterher noch.

Selbstverständlich halten wir uns strikt an die Rechtsprechung: Sie haben keinerlei Anspruch auf Informationen, was mit Ihrem Geld passiert. Wir verschweigen Ihnen Transaktionen, Kosten und überhaupt alles, was wir mit Ihrem Kapital mit dem Mappus alles anstellen. Die Rechnung bekommen Sie dann schon früh genug präsentiert.

Der Mappus ist geografisch breit gestreut. Ein Teil in Stuttgart, der andere Teil unterirdisch. Der Fonds natürlich. Ja, der Mappus selbst auch, aber das tut nichts zur Sache. Und er hat eine sehr lange Spekulationsfrist. Er spekuliert nämlich schon ziemlich lang, welche Frist ihm noch bleibt.

Wir setzen auf Mischfonds. Deshalb haben wir den Mappus ja überhaupt erst aufgelegt. Wir kombinieren das Risiko des Wachstums – nein, falsch: das Wachstum des Risikos, halt: Wachstums durch das – also das Risiko durch Wachstum, das kombinieren wir mit Papieren, die bei Ausgabe als sicher galten. Wir haben hier eigens einen Banker engagiert, der sich genau mit diesen Wertpapieren nicht auskennt – absolut passgenau. Eine Strategie, die sich möglicherweise für viele Jahre etabliert.

Sie wissen ja, generell können Sie ihre Anteile jederzeit wieder zurückgeben. Der Mappus ist voll serviceorientiert, der macht Ihnen das besonders leicht. Da können Sie auch Ihre Verantwortung jederzeit wieder loswerden.

Natürlich bleibt Energie immer bei uns im Fokus. Der Mappus hat eine ganz klar umrissene Zielgruppe; wir schädigen die Großaktionäre nur im äußersten Notfall, und dann sind erst einmal die Kleinsparer in der Haftung. Ist ja auf dem Energiesektor sowieso der Fall. Der Mappus ist für diese Branche wirklich das optimale Wertpapier, glauben Sie mir. Wir verbrennen massenhaft Kohle, damit heiße Luft nach oben steigt.

Sie wollen nur Geld parken? Ja, Sie hatten schon gesagt, dass Sie keine Steuern zahlen. Für längerfristige Planungen ist der Mappus auch nicht zu empfehlen. Sie können den liegen lassen, also quasi für immer, und plötzlich kommt doch noch etwas raus und die Sache wird für alle Beteiligten recht unangenehm. Immerhin können Sie da mit besonders großer Nachhaltigkeit rechnen.

Investieren Sie in den Mappus. Das ist das beste Finanzinstrument, das Sie für Geld bekommen können. Solange Sie noch welches haben.“





Die Trägheit der Masse

15 07 2012

Man müsste, doch man tut es nicht.
Man geht mit sich nicht ins Gericht.
Man lässt es einfach bleiben.
Man wundert sich, scheut trotz Moral
und Ethik jede neue Qual
und lässt sich was verschreiben.

Dann schluckt man, wo man sonst radaut.
Hauptsache, man hat nichts gebaut
auf Sand und schöne Träume.
Da bleibt man lieber Realist
und sieht: bei diesen Stühlen ist
noch Platz für Zwischenräume.

Man setzt sich durch und sitzt bald drin,
wo keiner hin will. Und der Sinn
wird sich alsbald erzeigen:
wer nicht mehr meckert, bleibt ein Schaf
und hat den bessren Schönheitsschlaf.
Wer schweigt, der soll auch schweigen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (C)

14 07 2012

Der Goisacher Schorschl in Waasen
tat’s Alphorn den ganzen Tag blasen.
Wiewohl er’s auch meistert,
es flohen entgeistert
die Neffen und Nichten und Basen.

Als Mussa, der Bauer aus Hun,
erwachte, wollt er gar nichts tun.
Er war ganz ermattet
und hat sich gestattet,
vom Nichtstun sich heut auszuruhn.

Aloisius, der trennte in Schlagen
vom Hemd säuberlich ab den Kragen.
Er denkt, dass dies nutzte,
denn dadurch verschmutzte
der Kragen nicht beim Hemdentragen.

Paolo, der stolpert in Nus
und tritt aus Versehn mit dem Fuß
im Beutel die Pflaumen.
Schon schmeichelt dem Gaumen
ein frisch zubereitetes Mus.

Agathe erblickte in Perg
den Riesen. Der stand auf dem Berg.
Doch wie sie sich nahte,
begriff es Agathe:
es handelt sich um einen Zwerg.

Conchita schloss sich in Iquique
stets ein. Sie sprach: „Während ich stricke,
ist Lärm mir erträglich
und Störung stets möglich,
doch ärgern mich sämtliche Blicke.“

Der Knut und Kurt in Unterlochen
sich unter das Auto verkrochen.
Als Kurt rief: „Ich glaube,
jetzt hab ich die Schraube!“,
da hat sie der Knut abgebrochen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLVIII): Impfkritik

13 07 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich ist das begrenzt, was unter der Kalotte suppt. Dem einen sagen Formel-Eins-Rennen nicht zu, der andere hat eine Abneigung gegen Mathe. Und doch eint uns, die aus dem gemeinsamen Fluchtpunkt der Primaten projizierte Diversifikation an halbwegs, vollständig und Teilzeitbeknackten, die selektive Akzeptanz des Weltbildes. Blind glauben wir an Bosonen und Kreiskolbenmotor, Laserkanone und Smartphone, doch Mikrobiologie und pharmazeutische Nutzanwendung sind noch Hokuspokus aus dem vergangenen Äon; eher fräße ein Büromane Pillen aus Dreck und Hundehaaren, als sich auf die Wirksamkeit einer Pille zu verlassen und den Unterschied zwischen dem Schamanen und dem approbierten Facharzt zu verstehen. Der reine Tor braucht nun mal nicht mehr als Wadenwickel und kalte Waschlappen, wenn Kollege Ebola an die Tür klopft. So ward Abend und Morgen und es entstand die Impfkritik.

Impfkritik ist zunächst ein normaler Auswuchs an mangelndem Urteilsvermögen, wie die üblichen Gelehrten ihrer Zeit Semmelweis’ Erkenntnisse der evidenzbasierten Hygiene für Tralafiti hielten. Nicht grundlos spricht die Wissenschaftstheorie von einem gleichnamigen Reflex, der logisches Denken mit Denkverboten konterkariert, um die mit dem Intellekt von Fischfutter gesegneten Kollegen aus der Nummer rauszukriegen. Was nicht zu sein hat, ist nicht – und wenn der ganze Schnee verbrennt.

Im einfachsten Fall sind die Gegner Vertreter mindestens esoterisch verbrämter Privatrealitäten. Eine halbwegs handhabbare Gruppierung ist die der religiös motivierten Gegner, die aus Angst vor der Spritze eine generelle Skepsis gegenüber einer Medizin entwickeln, die auch dann wirkt, wenn man nicht an sie glaubt. Kein Scientologe, kein universell oder ansonsten uriell Lebender braucht sich gegen Pocken pieken zu lassen.

Wesentlich unangenehmer wird es bei den pseudowissenschaftlich verschwiemelten Grützbirnen, die die karmagesteuerte Homöopathie samt teutonischer Mistelmedizin für den Mittelpunkt der rotierenden Reichsweltscheibe halten. Ein lässiger Griff in die braune Masse bringt rasch hervor, welcher Provenienz dieses kognitiv suboptimierte Gesabber ist, wie es weiland schon der Bettnässer von Braunau in seinen Tiraden wider die jüdische Schulmedizin unter sich ließ. Was immer das vorneuzeitliche Brauchtum an Rasseideologie hervorkotzt, hier ist es gut aufgehoben. Die im Endstadium dackeleske Verdrehung, die Impfung erst bei drohender Krankheit zur bewussten Entscheidung des Kassenpatienten zu machen, ist an weißem Rauschen im Hirnhöhe kaum mehr zu überbieten.

Geradezu possierlich ist doch, dass die weltumspannende Bewegung der Impfgegner streng nach Staaten geordnet eigene Kritikpunkte aus der Kimme kloppt – in Frankreich rennt man gegen die Tuberkulose-Impfung Sturm, auch wenn die seit einem halben Jahrhundert nicht mehr praktiziert wird, in Großbritannien hält man Medikamente gegen Masern, Mumps und Röteln, die auf dem Kontinent klaglos wirken, für Tod und Teufel – und sich nicht nur widerspricht, sondern zuverlässig bekloppt mit chauvinistischem Vokabular den Angehörigen des jeweils anderen Volkes Verrat und Korrumpiertheit vorwirft. Sonst hätte wohl auch die grassierende Verschwörungstheorie kaum Luft zum Atmen, wie immer sie sich zeigt, ob als Auslöser des plötzlichen Kindstodes (den es scheinbar nur in Italien gibt) oder als Faktor für posttraumatische Störungen nach Golfkriegseinsätzen (weil es diese Art von Grippeschutzimpfungen vermutlich nur in den US of A und nur in der Armee und nur während der Jahre gegeben haben muss, in der eine Kohorte von Soldaten ihre Temporallappen weich gespült hatte). Dumm nur, dass die Kinderkrankheiten im aufgeklärten Zentraleuropa da den Nachwuchs plätten, wo Anthroposophen und ähnliche Altnazis ihr Gesums unverhindert absondern können. Selbst harmlose Masern werden wieder zur tödlichen Gefahr; wenigstens ist das göttliche Gleichgewicht wieder hergestellt, wenn die Kurzen krepieren.

Wie aber verfährt man mit den Berufsirren, deren Voodoo nicht für ein Studium der Betriebswirtschaft ausgereicht hat? Belfert man auf sie ein, um sie als Keimzwischenträger aus der Ernährungspyramide zu kippen? Begegnet man ihnen aus Respekt mit offenen Armen, aus gesundem Menschenverstand jedoch mit drei Lagen Latexhandschuhen? Weiträumiges Umfahren der Raumkrümmungsopfer bietet sich im Grundsatz immer an; wer schon geistig auf seinem eigenen kleinen Planeten lebt, darf sich auch gerne gesellschaftlich demgemäß ausgestoßen fühlen. Die Hauptsache ist, die religiösen Fundamentalisten, denen sowieso bald jede Gebetsabschussrampe untersteht, amalgamieren sich schnellstmöglich wieder mit der abbaubaren Biomasse. Wenn sie die Klappe halten, muss man ihnen auch nicht mehr böse sein. Bis dahin kann man das ganze arkane Gekasper gepflegt ignorieren. Wer hört schon auf Säuglinge.





Ratatouille

12 07 2012

Außergewöhnlich sanft stellte Hildegard die Kaffeetasse auf den Tisch. „Übrigens kommt heute Abend Rüdiger zum Essen“, säuselte sie, „nicht, dass Du es vergessen hast?“ „Keinesfalls“, gab ich zur Antwort. „Ich hätte es ganz bestimmt längst verdrängt, wenn Du es mir nur ein- oder zweimal mitgeteilt hättest, aber da ich es eben jetzt gerade zum ersten Mal höre, hatte ich noch gar nicht ausreichend Zeit, es zu vergessen.“ „Versuch nicht, witzig sein“, knurrte sie. „Ich bin nicht witzig“, knurrte ich zurück, „allerdings wüsste ich eins noch gerne, wenn es Dir nicht zu viel ausmacht: wer, verflucht noch mal, ist Rüdiger!?“

Wir haben in Bezug auf die Küche vereinbart, die Lasten ganz gerecht zu teilen; an geraden Tagen koche ich, während Hildegard isst, an ungeraden lässt sie sich von mir bekochen und überlässt mir den Abwasch. Selten greift sie in meine Gestaltung ein, indem sie beispielsweise ein Menü mit Spargel und Erdbeeren vorschlägt, vornehmlich im Advent. Ansonsten habe ich völlig freie Hand, kann nach Herzenslust kochen und habe jeden Tag aufs Neue die Chance, ihren kritischen Blicken zu entkommen und den nächsten Gang zu servieren – in meiner Küche, die sich in meiner Wohnung befindet, in der Hildegard weder offiziell wohnt noch dort gemeldet wäre, sie hält sich nur zum größten Teil dort auf.

Rüdiger, verkündete sie, sei ein neuer Kollege, und ihrem Tonfall entnahm ich, dass der Mann nicht ganz schussecht sein konnte. „Er ist Veganer oder Vegetarier oder so etwas“, teilte Hildegard mir mit. „Gib Dir also ein bisschen Mühe, ich möchte nicht, dass Du ihn gleich bei der ersten Einladung enttäuschst.“ „Vorerst wirst Du freundlicherweise herausfinden, was dieser Rüdiger nun ist, und dann wirst Du die Güte haben, mir einen sehr guten Grund zu liefern, warum ich für ihn kochen sollte.“ Sie rümpfte die Nase. „Das klingt ja wirklich nach Gastfreundschaft.“ Hildegard ballte die Fäuste auf dem Frühstückstisch. „Du kennst ihn nicht, bis vor ein paar Minuten wusstest Du überhaupt nicht einmal, dass es ihn gibt, aber Du bist Dir natürlich viel zu fein, ihn einzuladen. Großartig!“ Sie hieb mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Tassen klirrten. „Ich frage mich ernsthaft, was ich mit einem Ekel wie Dir überhaupt soll – meine Mutter hat mich immer vor Dir gewarnt!“ „Solltest Du gehen“, informierte ich sie, „zieh die Tür bitte leise hinter Dir ins Schloss. Den Schlüssel kannst Du mir auch in den Briefkasten werfen.“

Muspelmanns Gemüsemanufaktur war eben eingeräumt. „Die Gurken sind ganz frisch“, strahlte die Chefin, „hiesige Ware – und probieren Sie auf jeden Fall unsere Gemüsezwiebeln, die sind heuer sehr schön aromatisch.“ Ich entschied mich für drei Kilo gemischtes Gemüse, ließ mir ein paar frische Kräuter einpacken und betrachtete die Birnen. Ein Dessert schwebte mir vor; wenn ich schon zum Kochen gezwungen würde, sollte es wenigstens Spaß machen.

Hildegard war anderer Ansicht. „Das ganze Zeug ist doch sicher nicht bio oder öko oder so.“ „Die Auberginen sind natürlich aus maschineller Produktion“, gab ich ungerührt zurück. „Was genau ist der Unterschied zwischen einer Ökotomate und einer normalen aus Muspelmanns Gemüseladen?“ „Rüdiger ist doch Ökologe oder so etwas, dem kann ich doch nicht einfach irgendein Supermarktgemüse vorsetzen!“ Ich hieb den Korb auf die Anrichte. „Erstens“, fauchte ich, „setzt Du ihm gar nichts vor, und zweitens ist ein Gemüsefachgeschäft mit regionaler Ware kein Supermarkt!“ Sie schmollte. „Ich meine ja nur. Wenn Du ein paar biologisch-dynamische Tomaten kaufen könntest, dann würde ich mich vielleicht um den Salat kümmern.“

Rüdigers Händedruck erinnerte entfernt an rohen Hefeteig, feucht, warm und schwammig. „Ich bin nämlich der Rüdiger, Du!“ Dabei wiegte er seine in einen mehrfach gestopften Häkelpullover gehüllte Figur mehlsackartig in den Hüften und ließ sich auf dem Küchenstuhl nieder. Hätte ich nicht gewusst, dass er Sozialkunde unterrichtet, es wäre mir spätestens jetzt an seinem charakteristischen Körpergeruch aufgefallen und an seinen Schuhen; allein die konnten auch aus der Beschäftigung mit alttestamentarischen Gebräuchen entsprungen sein. Hildegard rieb nervös ihre Nase. „Sie hat mir nämlich auch erzählt, dass Du voll gut kochst.“ Das konnte ich nur bestätigen. „Ich habe meine Spezialität zubereitet“, verkündete ich, „den Klassiker der provenzalischen Küche: Ratatouille.“ Schon fiel er ausgehungert über seinen Teller her. Hildegard kaute indes andächtig. Ihr Blick fiel auf den Gemüsekorb, in dem eine schrumpelige Zwiebel nebst matschigen Tomaten lagen. „Du hast also tatsächlich noch Bio-Gemüse besorgt?“ „Aber ja doch“, sagte ich leise und mit der friedlichsten Miene. „Sie hatten fast alles. Da war so viel, ich musste regelrecht suchen.“ „Und woher hast Du diese Tomaten?“ „Ach“, schmunzelte ich, „von ganz rechts. Du weißt doch, die Tonnen hinter dem Bio-Supermarkt.“

Hildegard erreichte gerade noch das Bad; ich hörte, wie sie sich brüllend ins Klosett erbrach. Den Körnerfresser schien das nicht weiter zu stören, er war mit dem Gemüse beschäftigt. „Nehmen Sie noch ein bisschen Salat“, ermunterte ich ihn, „die gute Hildegard hat ihn selbst gemacht.“ Rüdiger starrte entsetzt auf die Schüssel, auf meine Beste, die zitternd in der Küchentür erschien, und warf das Besteck von sich. „Mozzarella!“ Angewidert schob er das Schüsselchen beiseite. „Ihr Tierschänder! Das ist ja ekelhaft, nie hätte ich das von Euch gedacht!“ Hildegard wollte gerade antworten, doch ich hatte schon die Plastikschlaube aus dem Eimer gefischt. „Sie hat den preiswerten Analogkäse aus dem Supikauf genommen“, verkündete ich. „Der ist aus modifiziertem Pflanzenfett, Salz, Wasser sowie jeder Menge Chemikalien zusammengepappt und hat garantiert nie eine Kuh von innen gesehen. Den können Sie unbesorgt essen.“ Er starrte Hildegard an, die erschöpft zu mir blickte. Rüdigers Züge glätteten sich. Mit neuem Appetit löffelte er seinen Teller leer. „Ich muss schon sagen“, tadelte ich. „Wenn ich gewusst hätte, dass Dein Kollege so ein guter Esser ist, hätten wir ihn schon viel früher einladen können!“