Krümel

19 09 2012

Zwei Scheiben Brot steckten in der transparenten Kunststoffverpackung. „Exakt die richtige Menge“, befand Wippelkirchen, „von einer Scheibe wird man nicht satt, alles andere würde nur austrocknen. Genau diese Menge braucht man für ein richtiges Frühstück.“ Ob es den Kalorienbedarf des normalen Arbeitslosen decken würde, verriet er nicht.

Die Supermarktkette hatte es sich etwas kosten lassen. Eine neue Produktlinie mit neuen Marken, neuen Packungen, neuen Erzeugnissen und vielen alten Sachen, die neu hießen, aber in Kleinmengen verkauft wurden. „Faszinierend“, bemerkte ich. In der Schachtel befand sich ein (und nicht weniger als das) Würstchen. „Sehe ich es richtig, dass Sie mit diesen Portionsgrößen die Molekularküche erobern wollen?“ Wippelkirchen grinste schief. „Suchen Sie etwas?“ Ich legte das Wienerchen zurück auf die Tischdecke. „Irgendwo muss hier ein Gläschen mit einem Klecks Senf stehen.“

„Schauen Sie“, erläuterte der Manager, „unsere Zielgruppe ist der durchschnittliche Konsument auf der Straße. Er möchte eine möglichst große Vielfalt an Produkten: Graubrot, Weißbrot, Toastbrot, Zweikorn, Dreikorn, Mehrkorn, Vollkorn, Erdbeer-, Brombeer-, Himbeer- und Kirschmarmelade, dazu Butter oder Margarine. Sie kaufen sich doch auch keine Kuh, wenn Sie ein Glas Milch wollen, oder?“ Wippelkirchen übertrieb durchaus nicht. Der ganze Tisch war mit Kleinpackungen vollgestellt, als hätte eine komplette Reisegesellschaft fluchtartig ein Hotelfrühstück verlassen. Eine einzelne Scheibe Mortadella neben einer einzelnen Scheibe Gouda und einer einzelnen Scheibe Salami lag neben einer einzelnen Scheibe Gurke; selbst an die Dekoration hatte der Konzern gedacht. „Wie Sie sehen, haben wir auch für den schmalen Geldbeutel eine Menge Auswahl. Sie müssen nicht reich sein, um sich ein gutes, abwechslungsreiches Frühstück zu leisten.“

Die Firma schrieb schwarze Zahlen; offenbar waren sie nicht schwarz genug. „Die Käufer haben zwar noch ein bisschen Geld, um sich ausreichend zu ernähren, aber sie kaufen immer dasselbe.“ „Sie meinen, es gibt keine Distinktion mehr in den Einkaufswagen?“ Wippelkirchen spielte mit einem Löffelchen voll Heringssalat, eingepfercht in einen Kunstglasstopfen. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist nicht mehr befriedigend.“

Eine ganze Wand lang zogen sich die Regale durch den Saal, vollgestopft mir unterschiedlichsten Waren. Einzelne eingeschweißte Äpfel und Birnen lagerten neben lächerlich kleinen Konservendosen. „Und Sie halten das für natürlich?“ Er nickte heftig. „Haben Sie schon einmal einen Baum gesehen, an dem die Äpfel nicht einzeln wachsen?“

Auch der Kühlschrank enthielt kein großes Geheimnis. Dennoch machte Wippelkirchen eins daraus. „Echt“, betonte er und hievte die kleinen Plastikeier aus dem Kühlfach, „es ist wirklich echter Kaviar, nicht nachgemacht.“ Fast hätte man die Eierchen einzeln mit der Lupe suchen müssen, so verloren lagen sie in der dünnen Schutzhülle. „Jedenfalls wehren wir uns dagegen, dass der nicht so begüterte Verbraucher immer nur dasselbe kauft. Man muss doch auch einmal dem Drang zur Dekadenz nachgeben!“ Eine einsame Scheibe Räucherlachs und eine Single-Languste gaben sich alle Mühe, blasiert zu wirken, erschienen aber nur ein wenig blässlich. Er seufzte. „Dabei ist diese Produktlinie doch so wunderbar unvernünftig! Wir haben sogar extra darauf geachtet, dass der Verpackungsmüll in keinem Verhältnis zum Inhalt steht!“ Ich strich ihm begütigend über den Scheitel. Wie viel Mut und Liebe musste er bereits investiert haben, damit auch alleinerziehende Mütter einmal Melone mit Parmaschinken essen.

Die Salami, genauer. eine einzelne Scheibe Edelsalami mit Pfeffermantel, hatte eine durchaus attraktive Verpackung. Nur die unverbindliche Preisempfehlung wollte mir einfach nicht ins Auge fallen. „Hier unten“, half Wippelkirchen mir. Tatsächlich kostete diese winzige Scheibe so viel wie ein halbe Packung normaler Dauerwurst. „Aber das rechnet sich natürlich. Und man hat damit sehr viel mehr Auswahl zur Verfügung.“ „Was kommt bei Ihnen denn noch? Haben Sie demnächst einzeln abgepackte Kartoffeln im Angebot?“ Er rümpfte die Nase. „Ich bitte Sie – die kann man schließlich abwiegen!“ „Und was“, warf ich ein, „hat man seit Jahrhunderten mit Frischwurst und Äpfeln getan?“

Hektisch hatte Wippelkirchen den Kühlschrank eingeräumt und verschlossen. „Wir tun doch schon eine Menge für die Menschen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Früher musste man seine Äpfel im Keller stapeln und das Brot vor dem Verschimmeln retten. Sehen Sie sich die neuen Packungsgrößen an, dann werden Sie feststellen, dass sie wesentlich besser in die heutige Gesellschaft passen.“ „Sie meinen, Sie trainieren den Konsumenten nach und nach Vorratswirtschaft und Frischhaltung von Lebensmitteln ab?“ Er nickte. „Wir brauchen doch den Konsum. Und sehen Sie, mit diesen kleinen Packungen lässt sich Ihr täglicher Speisezettel viel besser planen. Nur Vorteile! Und wir haben, ich sagte es bereits, ein erheblich besseres Preis-Leistung-Verhältnis.“ „Wer würde das behaupten“, fragte ich. „Wo doch diese eine Scheibe Salami schon so viel kostet wie drei Scheiben, wenn man die größere Packung aus dem normalen Sortiment nähme? Das nennen Sie ein besseres Preis-Leistung-Verhältnis für den Kunden?“ Wippelkirchen grinste. „Für den Kunden? Wer redet denn von dem?“


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6 responses

19 09 2012
JoyntSoft

Recht hat der Mann!
Kunden schmälern doch nur den Gewinn, zumal wenn sie noch beraten werden wollen oder Dinge zurückgeben möchten, gar noch auf Garantie!
Geht ja gar nicht…
Und was der „Kunde“ mit dem ganzen zusätzlichen Verpackungsmüll anfängt ist schonmal überhaupt nicht unser Problem, Duales System, Gelber Sack, Müllabfuhr. Kommunale Sache das, nicht unsere!

19 09 2012
bee

Man darf der Industrie ja zugute halten, dass sie es seit Jahrzehnten mit konstantem Erfolg in den Entwicklungsländern so machen. Wir bekommen nur erprobte Qualität.

19 09 2012
Doktor Peh

Nun, von irgendwoher muss ja das Wort Entwicklungs-Land herkommen.
Wobei diese Einzelverpackung ja nicht schlecht ist. Bei Scheibletten hat es sich ja bewährt, obgleich diese immer in Gebinden zu 10 Stück abgegeben werden. Könnte man diese Idee nicht auch auf Lebensabschnittspartnerschaften übertragen? Ich meine bei all den Risiken, wer will sich denn da noch langfristig mittels einer Ehe binden?

19 09 2012
bee

Ist das nicht unlogisch? Ich meine, wenn ich die bevorzugte Gefährtin schon so gut konservieren könnte, dass sie sich im Kühlschrank aufbewahren lässt, wozu brauche ich dann Nachschub?

Obwohl allein der Aspekt reizvoll wäre, sie luftdicht zu verpacken.

23 09 2012
George

Da gibt es doch diese Plastiktaschen, die man mittels Staubsauger vakuumieren kann :mrgreen:

„Platzsparende Aufbewahrung unterm(!) Bett“

23 09 2012
bee

Ich nehme eine. Die andere Lebensgefährtin unter meinem Bett ist ja auch aufblasbar.

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