Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXVI): Bio

21 09 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, als der Hominide die Früchte des Feldes dankbar und guten Gewissens verzehren konnte. Der Baum der Erkenntnis war tabu, doch der Rest ließ sich je nach Reife und Aggregatzustand als Kalorienzufuhr verwenden. Jeder aß dasselbe, so er nicht durch Glück oder Tüchtigkeit Pilze fand, die satt machten (oder lustig, aber jedenfalls nicht tot) und knuspriges Getier, das für die Flucht anatomisch nicht gerüstet war. Mit der Erfindung des Handels in der arbeitsteiligen Gesellschaft, deren eine ernteten und jagten, während die anderen buken und brutzelten, trennte sich die Einheit. Korn blieb erschwinglich für die meisten, doch da sich andere süße Früchte leisten konnten, musste ein Statussymbol her. Es ward Abend, es ward Morgen, und es ward Bio.

Die Heckenpennerhorde, die weiland in der Biostunde Malstifte in den Frontallappen gestopft hat, sondert heute Bücher über genetische Marker zweitausend Jahre alter Völker ab oder rülpst ihre Kindervorstellungen über Synapsenverdellung durch das böse Internet in jede Kamera, die nicht rechtzeitig in Flammen aufgeht. Weil sie vom naturwissenschaftlichen Einmaleins so viel Ahnung hat wie eine Braunalge von Schnadahüpfel und munter Kinderglaube und Esoterik verquirlen. Urgrund des Bio-Wahns ist der hirnverdübelte Unsinn, man könne den Kuchen fressen und dabei doch aufbewahren, vulgo: den Kapitalismus bis in die Schlusszuckungen mitturnen, aber gleichzeitig gesund wie die Ahnen, pesti-, fungi-, herbizidfrei die Möhre mümmeln, aus eherner Scholle tapfer ins Maul. Schon die Ausgangsposition ist Mumpitz dritter Kategorie, denn gäbe es nicht Turbofarm und Fleisch-KZ, um den als Wohlstand deklarierten Müll in den Kommerzkreislauf zu klatschen, keine Kartoffel bedürfte einer zusätzlichen Taufe zum naturbelassenen Produkt – als diese suizidale Form der Nährstoffakkumulation noch nicht das Gesicht dieses Planeten verpickelte, gab es überhaupt nur naturbelassenes Gemüse, naturbelassenes Obst und naturbelassenes Getreide. Eine Perversion der sachzwangreduzierten Ehrlichkeit allemal, dass dies bis in die DNS aufgebohrte Nachzuchtmassaker als konventionelle Landwirtschaft gilt. Die Parallele ist dem konventionellen Krieg geschuldet, der zwar auch die ganze Menschheit ausrottet, aber nicht so hip ist wie die Nummer mit dem Atompilz.

Es ist ja nichts als physiologischer Aberglaube, dass bei Vollmond im Beisein einer Bezugsperson geerntete Pflaumen ein besseres Karma machen als die Discounterversion der Steinfrucht. Die Mitochondrien interessiert es nicht, woher die Proteine kommen, sie verarbeiten Frischmilch wie Fettklops. Alles andere ist Animismus im Gewand postmoderner Verdummung, weil der ideologisch gefestigte Hohlrabi, Kind des Effizienzwahns, auf mehr besteht, mehr Vitamine, mehr Eiweiße, mehr Bla vom Blubb. Eine normale Ernährung, so sie nicht nur Pommes und gedünstete Wellpappe beinhaltet, bietet ohnedies ein Überangebot aus Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen, die zum größten Teil unbehelligt in die Kanalisation rauschen – wozu also der zwanghafte Wunsch nach mehr von allem? Wenn nicht die kapitalistische Psychose nach unbegrenzbarem Wachstum der Schlüssel ist, was ist er dann?

Dass diese Vorstellung von Biologie mit dem tatsächlichen Leben nichts zu tun hat, wirft ein trübes Licht auf die Dumpfdüsen des Ökoterrors. Die Rübe an sich unterliegt einer arteigenen Schwankungsbreite der Qualität, die so groß ist, dass sie mit biologisch-dynamischen Sanktionen nicht einmal näherungsweise beeinflusst werden könnte. Das Gepopel im Gewächshaus ist, wenn überhaupt, Kosmetik an den Nachkommastellen, ein heroischer Kampf um ein paar Promille mehr Traubenzucker – falls nicht das Wetter andere Vorstellungen hat oder auf dem Transport sämtliche Nährstoffe hops gehen. Die grassierende Vorstellung, was biologische Prozesse sind, leisten und zeitigen, ist mechanistisch und kommt ohne Sachkenntnisse aus. Denn was erwartet man von den Bescheuerten, die nach Wirksamkeit fressen, nicht ohne Brot und Wasser mit Multifunktionalität auszustatten.

Bio ist nichts mehr als das Distinktionsetikett einer bornierten Schicht mediokrer Waschlappen, die den Proletariern gegenüber elitär auftreten, während sie der Elite als Proleten erscheinen. Ihr Häppchen Stolz ziehen sie aus dem Aufpappschild, als kämen nicht beide Hühner, mit und ohne Heiligenschein, aus demselben Gockelgulag, wie auch Designerhose und Billigbuxe aus demselben Kinderarbeitsknast stammen, jeder weiß es, aber der kultivierte Konsument rümpft elegant die Nase und erklärt es zur bedauerlichen Notwendigkeit der Globalisierung. Dass der ganze Schmadder, der aus dem industriellen Gleichschaltungsprozess quillt, auch nur im Entferntesten etwas mit den hehren Zielen von Umweltschutz und Gesundheit zu tun hätte, ist folkloristischer Plüsch aus dem Kabinett der Gegenaufklärung. Es ist nicht viel mehr als moderner Ablasshandel, dessen Kassenzettel in quasireligiöser Verzückung als Persilschein der ethischen Unfehlbarkeit herumgereicht wird – wie jede andere Form aggressiv vorgelebter Demut ist auch dies nichts anderes als Dünkel aus Dummheit. Wie viele Liter Sprit hätte der ökologisch korrekte Bescheuerte im SUV verheizen können, wäre ihm das 100%-Hoffart-Siegel auf seinem Kartoffelsack nicht reißpiepenegal gewesen. Sie nehmen es nicht einmal ernst, dass sie sich gegenseitig von den Segnungen der Zivilisation – Klimakatastrophe, Ozonloch, Hungerkatastrophen und ähnlicher Zores – Absolution erteilen wollen, denn sie fallen auf die Mutter der plumpen Marketinglügen herein, kaufen aus ökologisch motivierter Blauäugigkeit Spargel aus den Anden und müssen sich Flugananas aus Feuerland hinters Zäpfchen schwiemeln, mit letzter Kraft verdrängend, dass der Beknackte für jedes Kilo rund um den Erdball rödelndes Gemüse ein Jahrhundert lang auf der Pinkeltaste knien müsste. Dass jeder Affe sei eigenes Bapperl auf die Banane batschen kann, macht die Sache natürlich gleich viel glaubwürdiger.

Sie werden ihren Biomüll kauen, bis er ihnen zu den Ohren rauspladdert. Sie werden kalt gepresstes Öl schlucken, in dem karzinogene Lösungsmittel jodeln. Tuberkeln und Listerien werden ihre Brut unter die Scholle pflügen, weil sie ihre Milch nicht wie jeder andere Querkämmer auch im Supermarkt kaufen wollen. Mit etwas Glück überlebt der Nachwuchs, bleibt aber doof. Was will man mehr. Denn irgendjemand muss ja schließlich den ganzen Bioquatsch weiter kaufen.


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2 responses

22 09 2012
hildegardlewi

Und die Quintessenz aus diesem exzellenten Beitrag? Reduziert sich auf den drittvorletzten Satz. Aber so wie hier liest es sich jedenfalls viel schöner.

22 09 2012
bee

Eine Argumentation ist wie das Fangen von Schmetterlingen. Man braucht nur eine Sekunde dafür, aber es bedarf bisweilen jahrelanger Vorbereitung, um zu wissen, wie es geht.

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