Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXVII): Voyeur-TV

28 09 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gab eine Zeit, in der die Gesellschaft sich äußerlich wohlanständig zeigte. Man betete, zahlte seine Steuern und kippte die Jauche in Nachbars Garten, doch jeder hielt an der Sittlichkeit fest. Zur Unterhaltung freilich trug dies nicht bei, und seit jeher war der Beknackte willens, bei weniger Beleuchtung und mehr Suff die Grenzen des guten Geschmacks und der humanen Gesinnung nach Kräften auszuleiern. Im kulturbeflissenen Venedig und im Paris der absolutistischen Könige ließ sich die Hautevolee für ihre Freakshow kleinwüchsige Menschen auf die Tische stellen, siamesische Zwillinge und ähnliche Wesen, die sich der Ausbeutung nicht zu erwehren wussten. Den Hohlpflöcken war die ethische Minderwertigkeit ihres Hirnschrotts wohl bewusst; was sonst wäre der Kitzel, der ihnen aus der gierigen Betrachtung benachteiligter geraten könnte? Allenfalls die von Herrenmoral gepfropfte Hybris, mehr wert zu sein als die Krüppel, die ihr Leid schon verdient haben würden. Eine archaische Vorstellung, fürwahr – und derart archaisch, dass sie niedermolekular verzahnt mit der Grundausstattung mancher Charaktere harmoniert, wie sie sich über alle Zeiten hinweg im Bodensatz der Behämmerten zeigt. Heute ist das überwunden. Aber heute haben wir ja auch das Fernsehprogramm für die Geschmacksverkalkten, ein zielgruppenspezifisch für Voyeure gefrästes TV-Programm, das keinen Brechreiz ausspart.

Zunächst ist es der billig zusammengehämmerte Sozialporno, der die Hasenhirne vor der Glotze zusammentreibt. Wirre Skripte kollidieren mit dünn angerührtem Inhalt, kostenfreies Personal lärmt in gossenkompatiblem Jargon sein von Gewalt, Libido und Konsum verkorkstes Dasein in die wehrlose Welt, während sich der geistig noch gesunde Durchschnitt vor Fremdscham die Fingernägel abnagt. Von Körpergeruch bis Sperrmüll wird alles in ein Format geschwiemelt, was den Pharisäer in seiner Überheblichkeit stärkt, aus gutem Grunde weniger im Brackwasser der Masse zu dümpeln, ja auserwählt zu sein, auf welcher Seite der sozialen Distinktion er herumlümmelt. Nichts hat sich geändert, noch immer steht die Dame ohne Unterleib auf dreckiger Bühne. Die Masse gafft.

Dass die Gesellschaft nicht nur ihre angeblichen Ränder mit der Kohlenzange kneift, zeigt die allfällig auftretende Aversion gegen Messies, Mietnomaden und schmarotzende Erwerbslose. Sie werden erst durch gezieltes Eindreschen dem öffentlichen Bewusstsein als Feindbild empfohlen – die Väter des Billigfernsehens, jener Pest der Kohlära, sind die Missgeburtshelfer der geistig-unmoralischen Wende, die einen domestizierten Rassismus hegt, mit dem sich der Terror der Masse nach Belieben regulieren lässt.

Jener wohlige Ekel, den man sonst nur mit einer klinischen Affektstörung entschuldigen könnte, wird zur Grundhaltung eines Sinn und Verstand verachtenden Medienschnellverbrauchs, der die Abrissbirne als einziges funktionierendes Werkzeug übriglässt für die Auseinandersetzung mit den anderen Bekloppten. Erworbene Verhaltensweisen wie Respekt wären in einer Schamkultur intakt; gut, dass wir nie eine waren. In der Schuldkultur aber, die sich eine verinnerlichte Autorität züchtet, bedarf es lediglich einer kleinen Definitionsverschiebung, um Menschen auszugrenzen. Praktischerweise sind sie auch selbst für ihre Diskriminierung zur Verantwortung zu ziehen – was muss das Pack auch ohne Arme zur Welt kommen?

Wie sehr sich die Verdeppung der Glotzisten bereits in der Alltagsdemenz festgefressen hat, zeigt die ständig schneller quirlende Dreckzentrifuge der Unterschichtunterhalter. Waren es vor zehn Jahren noch chronisch verstrahlte Weichstapler, die vor der Kamera garantiert keinen geraden Satz herausbekamen, so wurden es Bauern und andere Schwiegertöchter, und heute ist sind wir endlich bei den Wehrlosen angekommen. Putzige Adipöse und schüchterne Querkämmer holpern zum Auftakt über den Bildschirm, der nach Recht und Gesetz Blasen werfen sollte; inzwischen sind auch die Zwerge der Renaissance zurück, Menschen mit Behinderungen werden schmerzfrei auf die Mattscheibe geknüppelt und dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen. Wen kümmert da Würde.

So hat der Plebejer, bevor er wieder an einem Aufstand plant, wenigstens schimmeliges Brot beim falschen Spiel. Bald werden sie Lenz eine dufte Spielshow mit Wachkomapatienten machen lassen, Beckmann moderiert den Talk der Moribunden, und was niemand wird mehr für wahres Entertainment sorgen. Die Perlen der Fernsehunterhaltung sind doch jene sanfte Parabel, die der Kasten bescheibt, wenn man ihn mit Schmackes aus dem Fenster schlenzt, und jenes satte Geklirr und Geklicker, mit dem sich im Vollbesitz der Bodenhaftung detonierte Einzelteile durch die Landschaft bewegen, Dann erst entsteht ein Bild, das man nie vergisst, einer der durchschlagenden Momente der TV-Unterhaltung, wie sie selten erreicht werden. Man sollte sie öfter zelebrieren. Man hätte sie schon öfter zelebrieren sollen. Statt eines Zombies aus Oggersheim, der uns die Sache eingebrockt hat.