Aus freien Stücken

2 10 2012

Er erwartete mich hinter der Haustür. Ein mittelalter, mittelgroßer, mitteldicker Mann mit einem gründlichen Seitenscheitel, mittelgrau und entschieden unauffällig gekleidet. „Sie sollten einen Schal tragen“, sagte er. Ab jetzt also würde ich keinen Augenblick mehr alleine sein. Er deutete eine mittelmäßige Verbeugung an. „Ich vergaß, mich vorzustellen. Krauß. Ihr Beauftragter für die richtige Lebensführung.“

Der Brief hatte mehrere Tage lang auf dem Schreibtisch gelegen, ungeöffnet, und es war mir bereits klar, dass ich ihn früher hätte lesen sollen. Jetzt musste ich seine Fragen beantworten. „Sie fahren nicht mit dem Motorrad? Dürfte ich fragen, warum Sie nicht mit dem Motorrad fahren?“ „Weil ich kein Motorrad besitze“, gab ich barsch zurück, „nicht einmal einen Motorradführerschein.“ „Ich muss Sie das fragen“, beschwichtigte er. „Es hätte sein können, dass Sie entgegen unserer Kenntnisse doch ein Motorrad besitzen.“ Ich runzelte die Stirn. „Entgegen Ihrer Erkenntnisse haben Sie also nicht feststellen können, ob ich nicht heimlich einen Motorradführerschein erworben habe, von dem die zuständige Behörde gar nichts weiß?“ Krauß zog die Nasenflügel in die Breite; es sah ein wenig angewidert aus. „Wir wollen Sie nicht aushorchen. Uns ist nur daran gelegen, dass Sie sich richtig verhalten.“ Ich blieb abrupt stehen und drehte mich zu ihm herum; er hatte es nicht erwartet und wäre fast in mich hineingelaufen. „Was heißt: richtig?“ „Richtig eben“, stammelte der Aufpasser. „Ihre Verhaltensweisen sollten einwandfrei sein.“ „In welchem Maßstab?“ Er schüttelte nur den Kopf. „Sie verstehen das nicht. Ich verurteile ja gar nicht, was Sie tun. Ich bewerte es nur ganz objektiv. Und Sie sollten bei diesem Wetter durchaus einen Schal tragen. Es könnte wirklich jeden Moment regnen.“

Es war eine Qual, mit ihm den Supermarkt zu besuchen. Krauß ging unauffällig einen Schritt hinter mir; mit tonloser Stimme fragte er, warum ich das blaue und nicht das rosa Geschirrspülmittel kaufte, ob ein Kilo Möhren ausreichten und ob ich an Papiertaschentücher denken würde. „Warum sollte ich an Papiertaschentücher denken“, fuhr ich ihn an. „Die wenigsten Menschen denken daran“, erläuterte mein Schatten sanft. „Sie denken erst an Papiertaschentücher, wenn sie keine mehr haben. Aber dann ist es zu spät.“ „Es befindet sich gut eine halbe Packung Papiertaschentücher im Schrank“, knurrte ich, „und ich hätte mit Sicherheit welche auf dem Einkaufszettel stehen, wenn ich welche bräuchte, ja?“ Krauß hob begütigend die Hände. „Ich meine ja nur – es gibt aber eben Menschen, die nicht rechtzeitig…“

Genaugenommen war er noch nicht einmal schuld an der ganzen Angelegenheit. Krauß war vermutlich nur einer der Beamten, die sich durch perfekte Unfähigkeit für gar nichts qualifizierten und nur in einem wirklich überzeugten. Ihre Mittelmäßigkeit machte sie zu unverzichtbaren Stützen des Systems. Beim Anblick der mausgrauen Gestalt nivellierte sich manches. Weder Euphorie noch Grimm kamen dabei auf, einzig die schlaffe Gleichgültigkeit eines ermüdeten Opfers unter so viel Gängelung rief er hervor. Und das war wohl auch so gewollt.

Fast hätte er mich zur Bushaltestelle gedrängt, doch ich lief einfach um ihn herum. „Es könnte regnen“, mutmaßte er mit einem kritischen Blick gen Himmel. „Es könnte schneien“, äffte ich ihn nach. „Es könnte Ziegelsteine hageln.“ „Sie haben keinen Schirm dabei.“ Die Bemerkung zeichnete ihn als Fachmann der Verwaltung aus; sie entsprach vollständig den Tatsachen, war jedoch zu nichts nutze. „Da ich keine Hand frei habe, könnte ich mit einem Schirm sowieso nichts anfangen.“ „Und wenn Sie an der Haustür den Schlüssel herausholen, was machen Sie dann?“ „Krauß“, stöhnte ich, „versuchen Sie wenigstens einmal, Ihren Kopf zu benutzen. Ich stelle den Korb ab.“ „Sie haben also eine Hand frei“, schloss er messerscharf. „Wenn es zu regnen anfängt, müssten Sie also nur den Korb abstellen.“ „Aber dann komme ich ja nie nach Hause!“ „Sie könnten sich ja unterstellen, während Sie den Schirm halten.“ „Sie Hirnakrobat“, bellte ich, „wenn ich mich unterstelle, wozu brauche ich dann noch einen Schirm!?“

„Warum machen Sie diesen ganzen Zauber eigentlich?“ Er starrte mich an wie ein Weltwunder. Offensichtlich hatte ihm keiner zuvor diese Frage gestellt. Er sich selbst erst recht nicht. „Sie sollen Ihre Lebensführung überdenken“, stammelte er. „Das ist meine Aufgabe, aber nicht Ihr Grund.“ Krauß wusste nicht, was er antworten sollte. „Sie müssen eine bessere Lebensführung – Ihr Leben ja auch überdenken, und dann – dass Sie selbst die Verantwortung übernehmen! Sie müssen mehr Eigenverantwortung zeigen!“ Es nieselte. Ich stellte den Korb demonstrativ vor seinen Füßen ab. „Das ist also meine Eigenverantwortung, dass ich mir von Ihnen erzählen lasse, ich hätte gefälligst einen Schirm aufzuspannen?“ „Sie tun das aus eigenem Interesse“, stotterte er hilflos, „es ist ja Ihr freier Wille!“ „Wenn es mein freier Wille ist, der nur meinem eigenen Interesse entspringt, wozu muss mich dann ein Lebensführungsbeauftragter auf Schritt und Tritt verfolgen und mir erzählen, was ich zu wollen habe?“

Möglicherweise stand er noch länger dort. Ich habe mich nicht umgedreht, als ich das letzte Stück bis zur Straßenecke lief. Kann sein, dass ihm kalt war, schließlich fing es heftig an zu regnen, kurz nachdem ich das Küchenfenster schloss. Und er hatte nicht einmal einen Schirm dabei gehabt.