Fettfrei

9 10 2012

„Das ist Herr Haberfeller.“ Minnichkeit nickte uns beiden zu. „Sie haben sich schon miteinander bekannt gemacht?“ „Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, sprudelte es aus dem Fabrikbesitzer hervor. „Sie sind mir wärmstens empfohlen worden, Frau Schwidarski war sehr zuversichtlich, dass Sie mir helfen würden.“ „Sie müssen hier unterschreiben“, informierte mich der Notar. „Dann sind Sie sofort Prokurist der Haberfeller GmbH. Einer der größten Schuhcremehersteller, wie Sie wissen.“ „Wenn Sie mir nur helfen würden“, flehte Haberfeller. Ich beruhigte ihn. „Haben Sie keine Sorge. Ich bin Ihr Sand im Getriebe.“

Die Sache war die, dass Alois Haberfeller die Fabrik geerbt hatte, genauer: er gemeinsam mit seinem Bruder hatte sie geerbt. „Er hat sich nie ums Geschäft gekümmert“, grummelte der frisch gebackene Industrielle. „Er hat Golf gespielt und so getan, als würde er Kunstgeschichte studieren – ich habe die rückfettende Schmiercreme mit sieben Wachsstufenanteilen entwickelt, während er Vaters Sportwagen in den Straßengraben gesetzt hat!“ „Es handelt sich um eine Fusion mit Schmöckdengels Fette en gros“, sagte der Jurist. „Noch ist es eine Firma mit hohem Ansehen, aber die Bilanzen sehen etwas zu geschmiert aus.“ „Lassen Sie mich mal machen“, versprach ich, „ich habe Erfahrung damit. Wir werden ihnen das Geschäft vermasseln.“

„Und das hier“, tönte der Fetthändler, „wären in etwa die Umsatzaussichten für die nächsten zehn Jahre – vorausgesetzt, wir erleben zwischendurch keinen Weltuntergang, haha!“ Minnichkeit drehte nervös seinen Bleistift. Ich zog indigniert eine Braue in die Höhe. „Das geht vielleicht bei Ihnen, aber nicht bei uns. Wir haben das schon probiert. Die Kosten sind nicht zu kontrollieren.“ „Aber bester Herr“, empörte sich Paul Schmöckdengel, „Sie haben doch sicher vorher bilanziert, dass…“ „Das ist nicht mein Job“, gab ich schneidend zurück. „Wir haben Besseres zu tun, als uns auf Ihre Spinnereien zu kaprizieren. Ist das, was Sie da machen, überhaupt schon auf dem Markt?“ „Unsere Fettmasse ist in der Fettigkeit ein äääh… durchaus fettiges…“ „Also noch nicht. Warum sollte ich so ein Zeug verwenden, wenn es sich auf dem Markt noch nicht einmal etabliert hat?“

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Schmöckdengels technischer Leiter an seiner Krawatte nestelte. Bedauerlich. Aber wozu mussten sie sich mit einem erfahrenen Schuhcremehersteller wie mir einlassen.

„Die technische Seite ist ja auch noch nicht ganz geklärt“, nörgelte ich weiter. Haberfeller, der noch eben schwer atmend auf seinem Stuhl gesessen hatte, ließ langsam los. „Wir könnten durch die schwankenden Rohstoffpreise sehr viel mehr Geld verlieren, als wir durch eine Investition überhaupt ersparen. Außerdem haben wir das noch nie gemacht. Es entspricht nicht unserer Firmenphilosophie, dass wir einfach die Rohstoffe wechseln – der Aufsichtsrat würde das sicher nicht durchgehen lassen.“ Schmöckdengel lief langsam rot an. Möglicherweise war ich zu rabiat. Ich schaltete einen Gang zurück.

„Vielleicht später“, tröstete ich ihn. „Jetzt ist ja einfach noch nicht die Zeit für eine vollkommene Produktinnovation.“ „Das ist keine Innovation“, schrie Schmöckdengel. „Das ist doch alles ein alter Hut, sämtliche Schuhcremehersteller dieser Welt benutzen diese rückfettenden Rückfette, die das Fett beim Rückfetten…“ Er verstummte jäh. „Sie versuchen also, mir dieses angestaubte Zeugs als vollkommen neu zu verkaufen? Und warum sollten wir dann ausgerechnet mit Ihnen fusionieren?“ Haberfeller lächelte selig. „Das hört sich auf dem Reißbrett alles ganz großartig an“, röhrte ich, „aber von der Praxis verstehen Sie als Unternehmer leider nichts, richtig?“ „Wir könnten ja einen Ausschuss bilden“, versuchte er es.

Vorsicht, Freundchen. Das ist meine Rolle!

„Wussten Sie“, begann ich harmlos, „Bruck und Söhne, die haben auch so angefangen. Neues Produkt hier, andere Werbung dort, Verpackung, neue Fertigungshalle, und zack! mussten sie für nicht einmal dreißig Millionen an die Amerikaner verkaufen.“ „Wer ist Bruck?“ Ich schlug mit der Faust auf den Tisch. „Sie kennen Bruck und Söhne nicht, und dann wollen Sie mir erzählen, dass Sie die Aktionäre überzeugen können, diese neue Marketingkampagne zu fahren? Sie haben doch nicht einmal Ahnung, ob unser Personal das mit ihren Fähigkeiten überhaupt herstellen können!“ „Dann werden wir eben auf Mitarbeiterschulung setzen.“ Der Notar krümmte sich ein bisschen. Aber da würde er durchmüssen. „Die Gewerkschaften werden sich freuen“, höhnte ich, „und wir machen uns zum Gespött der ganzen Branche. Mann, hier stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel! Wir können nicht einfach mal so einen kompletten Wechsel der Produktpalette beschließen.“ „Aber keiner will das“, jammerte er. „Wir haben doch nur einige neue Anregungen für die Produktion, wo wir als Hersteller der Ausgangsmaterialien…“ Abrupt erhob ich mich. „Das sollte uns für einen ersten Eindruck genügt haben“, sagte ich kalt. „Die Kostenseite ist ja klar, dann bräuchten wir von ihnen nur noch eine Bilanz. Eine korrekte, wenn es Ihnen nichts ausmachen würde.“

Haberfeller tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Sie haben kein Interesse mehr an uns“, jubelte er. „Wie haben Sie das bloß hingekriegt?“ Ich schob meine Brille zurecht. „Zwanzig Jahre Meetings in deutschen Firmen, dann haben Sie jeden dieser Gründe schon gehört.“