Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXX): Die Dummheitsvermutung

19 10 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schon immer waren es die Könige – selbst nicht immer im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte – die ein reges Interesse daran fanden, die eine Hälfte des Pöbels als staunende Masse für Triumphzüge zu verwenden, nachdem die andere Hälfte in blutigen Schlachten massakriert worden war. Priester erzählten ihnen einen vom Pferd, Medizinmänner grummelten düstere Geheimnisse in ihre dünnen Bärte, und nur der einfache Mann auf der Straße, an sich mit Verstand bewaffnet, beging den groben Fehler, ihn nicht einzusetzen. Die Aufklärung war noch fern, die Gesellschaft in strenger Hierarchie, und für jeden Widerspruch drohten tödliche Konsequenzen. Welcher halbwegs mit Geist geschlagene Zeitgenosse würde angesichts der bis heute grassierenden Verrohung der Sitten nicht den Argwohn hegen, es gäbe bei den Mächtigen nicht immer noch eine Dummheitsvermutung im Fundament ihrer Herrschaft?

Sie geben uns das verlässliche Gefühl, in einer einfachen, innerhalb der Grenzen der unkritischen Vernunft hingeschwiemelten Vernunft zu existieren, vulgo: sie hoffen, dass wir doof sind, und zwar derart rotzedoof, dass wir es schon nicht mehr kapieren. Das Volk rangiert für die regierende Klasse knapp oberhalb von Primaten, wenngleich die ontogenetische Neigung des Hominiden zu Erwerb und Sozialisierung von Wissen ihnen ein Dorn im Auge zu sein scheint – das Rüstzeug, der Fliege ihren Ausgang zu zeigen aus dem Fliegenglas, ist in uns allen vorhanden und muss in mühevoller Kleinarbeit wieder verödet werden. Wie sonst ließe man eine Medienmaschinerie laufen, in der die Erwartungshaltung einer verdeppten Masse sich nahtlos in die Passform schmiegt.

Jede Botschaft, und sei sie noch so verständlich, wird geplättet unter dem Druck, leicht erklärbare Denkmuster zum Erhalt der Herrschaft herzustellen. Klingt erst einmal alles komplex und kann vor lauter Wichtighuberei nicht laufen, freut sich das Schimmelhirn, da alle bei sich selbst die Blödheit chronisch verankert finden, statt sie in den Köpfen der Vorhampler zu verorten. Nichts und niemand zweifelt an kühn in die Gegend posauntem Müll. Es zählt die Lautstärke.

Die Dummheitsvermutung nutzt die billigsten Vorurteile, macht sie produktiv mit schmierigem Populismus und heizt den Honks ein. Griechen sind faul, Afrikaner missbrauchen das Asylrecht, Türken sind faul oder nehmen uns die Arbeitsplätze weg, meistens jedoch beides gleichzeitig. Das ganze Volk gegen Muslime aufzuhetzen ist etwas schwieriger, Arbeitslose zu stigmatisieren geht schon leichter, und wenn erst einmal die alleinerziehende Mutter als Feindbild der Volkswirtschaft etabliert sein wird, hat die verantwortungsvolle Lenkung dieses Landes leichtes Spiel, die Gründe für den jähen Druckabfall in der Kabine jemandem in die Schuhe zu schieben, der sich garantiert nicht wehren wird.

Parallel dazu deklassiert die Mechanik des Machterhalts die Kommunikation, indem sie sie mit Sprachabfall vollgrützt. Die Dummheitsvermutung gebiert rechtsfreie Räume, sie verwandelt die Vorratsdatenspeicherung zur Mindestspeicherdauer, macht die Aufklärung brutalstmöglich und den Liberalismus mitfühlend (der umgekehrte Fall gilt immer nur dann, wenn Politiker selbst gerade vor dem Staatsanwalt die Hacken zusammenknallen). Vor allem aber vertraut sie fest darauf, dass der Diskurs den ganzen Seich kritiklos schluckt und ins eigene Repertoire übernimmt, der Dummheit sei’s gedankt.

Das wirklich Widerliche daran ist, dass die Vorstellung der scheinbaren Meinungsmacher dem gesunden Hausverstand spottet, denn sie beachtet nicht, dass es in der Gesellschaft einen breiten Durchschnitt gibt – einige gut Informierte, ein Heer an Desinteressierten, die der Einblicke bedürfen, um sich an der Diskussion zu beteiligen, und eine gewisse Gruppe von Intelligenzflüchtlingen, die sich die Hose nicht ohne bebilderte Bedienungsanleitung hochzuziehen vermag. Als Leitbild jedoch werden die Dümmsten genommen, das weiße Rauschen der Synapsen, doch ohne Berücksichtigung bleiben die Gebildeten. Nicht mitgerechnet werden Juristen, die sich den Dünnsinn des Zugangserschwerungsgesetzes, Mediziner, die sich die Dämlichkeit einer Regelung der religiösen Knabenverschneidung antun müssen. Ausgeschlossen bleiben Akademiker, die von plump lügenden Ministranten und Ministerinnen völlig neue Herstellungsweisen für eine Promotion erfahren. Ausgegrenzt alle Naturwissenschaftler, die sich das hilfsverbale Gestrüpp einer kanzlierenden Teilzeitphysikerin zur Kettenreaktion antun. Wer irgend Reste einer höheren formalen Bildung sein Eigen nennt, verliert schneller Mageninhalt und jegliche Hemmung, als der herrschenden Klasse lieb sein dürfte. Es könnte daran liegen, dass die Regierenden selbst zu wenig Anknüpfungspunkte zur Intelligenz haben, um die Differenz des Mittelmaßes zur eigenen Mittelmäßigkeit zu finden. Es muss noch nicht zu spät sein. Hoffnung besteht, dass die Sache aufkippt. Falls es dann noch jemand bemerken sollte.