Ölf

30 11 2012

Freitagstexter

Die Glocken klingeln sich schon adventlich ein, Hildegard hat hier und dort Flausch und Flitter verteilt, und auf dem kleinen Kistchen, das später noch Aufmerksamkeit bekommt – „Ä Tännschen, please!“ – prangt schon die Siegestrophäe. Es ist Freitag, genauer: es ist Freitagstexter!

Der Textsieger bei der Testsiegerin war ein kurärztliches Bulletin, genauer: Barbara A. Lehner gewährte tiefe Einblicke in das Verhalten eines untoten Waschvollautomaten. Ich betrete seitdem den Keller nur noch pfeifend, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Und jetzt? Ein Bild. Viel Text. Alles ist erlaubt, zwei Zeilen mit Endreim oder eine Seite Prosa, treffende Zitate und wilde Wortspiele, Kalauer, Scherz, Satire, Ironie sowie tiefere Bedeutung. Mehrfache Teilnahme erheitert die Leserschaft, wie es auch die Gewinnchancen steigert. Bis Mittwoch, den 5. Dezember 2012, um 00:00 Uhr. Dann drückt Hildegard mir wortlos den Bleistift in die Hand und verschließt die Tür. Wer ins Schwärzeste trifft, nimmt die Trophäe entgegen. Und führt den Freitagstexter weiter bei sich.

Wieder einmal hat John McNab (CC BY-NC-SA 2.0) einen famosen Schnappschuss abgeliefert. Ich bin gespannt…





Armutszeugnis

29 11 2012

„… gebe der neue Bericht nun die Meinung der Bundesregierung wider und müsse daher nicht nochmals…“

„… halte bei Discountern der Trend an, Waren vor dem Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums in den Müll zu werfen. Dies sei zahlreichen Geringverdienern geschuldet, die bei der Auswahl ihrer Lebensmittel viel qualitätsbewusster…“

„… solidarischer Aktionen bis hin zum kompletten Lohnverzicht, damit mehr Steuergelder für notleidende Banken statt für Griechenland…“

„… habe laut Vizekanzler Rösler die bisherige Sicht die kausalen Zusammenhänge nicht exakt gewichtet. Vielmehr liege die gefühlte Armut in Deutschland nur daran, dass immer mehr Arme…“

„… legten Beschäftigte im Niedriglohnsektor vermehrt Wert auf Wohnkultur. Die Zahl der Umzüge in kleinere Altbauwohnungen mit Ofenheizung spreche für das Bedürfnis nach mehr Originalität, namentlich in den Slums von…“

„… gestiegenes Unrechtsbewusstsein. Da auf 1400 Euro Steuerhinterziehung inzwischen fast ein ganzer Euro unberechtigt gezahlter Sozialleistungen kämen, erwarte man durch ein a priori vermitteltes Schuldbewusstsein einen erheblichen Rückgang der Hartz-IV-Anträge. Die Bundesagentur zeige sich kompromissbereit, den Armen mit mehr Druck und Verachtung zu…“

„… begrüße der Einzelhandel Lohnkürzungen und harte Einschnitte bei den Sozialleistungen. Da Arme nun nicht mehr so viel konsumierten, könne sich das Personal nun intensiver um die Besserverdienenden…“

„… begeistere sich die Bevölkerung mehr und mehr für die Klimaziele der Kanzlerin, die schon immer eine entschiedene Gegnerin der Atomkraft gewesen sei. Eine Umwelt-Avantgarde aus Erwerbslosen versuche derzeit durch Stromsperren und Energieverzicht, die Forderungen ihres Idols Peter Altmaier bundesweit populär zu…“

„… sich die trendgerechte Mobilität der Hipster zum Vorbild nähmen. Immer mehr Berufsaussteiger seien heute obdachlos, um das Ideal der Freiheit, wie sie Bundespräsident Gauck und die FDP…“

„… Tendenz zu gemeinschaftlichen Aktivitäten, die sogar außerhalb der Arbeitszeit unternommen würden. So besuche ein Großteil mehrmals pro Woche die Tafeln, um mit Gleichgesinnten in fröhlicher Runde einen netten…“

„… eine kausale Verbindung von Erwerbsarmut und Bildungsdefiziten zu erkennen. Die meisten Jugendlichen seien inzwischen nicht mehr davon überzeugt, dass die Bildungsdefizite auf Seiten der Bundesregierung…“

„… gesundheitsbewusste Ernährungsweise in den unteren Dezilen. Man finde vor allem eine Reduktion um dreißig Prozent der Kosten für drei Monate, die sich als sogenannte Hartz-Diät größter Beliebtheit…“

„… direkten Unterstützung für Staatskonzerne. Da weniger Arme sich Mobilität leisten könnten, verkaufe die Deutsche Bahn AG weniger Tickets, müsse so noch weniger auf Unpünktlichkeit Rücksicht nehmen und konzentriere sich ganz auf defekte Klimaanlagen, Datenschutzlecks, den geplanten Börsengang sowie…“

„… für strukturelle Verbesserungen am Arbeitsmarkt. Rösler unterstütze die Meinung der Bevölkerung, durch sinkende Löhne könne insgesamt das Lohnniveau steigen, durch mehr Arbeitslose könne man Vollbeschäftigung erzeugen und durch Steuersenkungen gäbe es…“

„… sich die drohende Altersarmut immer mehr entschärfe. Von der Leyen habe dabei insbesondere Hartz IV als Trainingsprogramm gelobt, um im Alter trotz Mangelernährung möglichst lange überlebensfähig zu…“

„… sich Arbeitslose auch aus Rücksicht versteckten und nur noch in besonders abgeteilten und bewachten Arealen aufhielten. Die ALG-II-Bezieher hätten Sorge, ihr anstrengungsloser Wohlstand könne den Neid von Investmentbankern und anderen anständigen Staatsbürgern…“

„… gebe es im Gegensatz zum Bundeshaushalt kaum sinnlose Neuverschuldung. Die Niedriglöhner neigten nicht zur Anschaffung von Motorjachten, Oldtimern und Pelzmänteln, selten erworben würden auch Fußballvereine, Banken oder…“

„… sich für eine Vermögenssteuer aussprächen. Die zweckgebundene Abgabe solle nach dem Willen der Bürger für Vermögende in Not genutzt werden, etwa für Niebels Auslegeware oder die…“

„… die Neigung der Erwerbslosen zum Suizid ein Anzeichen von gestiegener Eigenverantwortung im Gesundheitssystem sei. Bahr führe die Welle an Selbsttötungen darauf zurück, dass Sterbehilfe bei unheilbaren Krankheiten nicht von den Kassen…“

„… Bruttostundenlöhne von weniger als sechs Euro gefordert. Nur konsequenter Lohnverzicht sei eine geeignete Solidarmaßnahme, um die Profite der Wirtschaft nicht zu gefährden. Viele Arbeiter und Angestellte sprächen sich inzwischen auch dafür aus, ganz auf Gehälter zu…“

„… müsse auch Bildung wieder eine Rolle spielen. Da immer mehr Jugendliche die Schule abbrächen, verzeichne man proportional auch weniger schlechte Abschlüsse, so dass von einer durchschnittlich höheren Qualifikation für den…“

„… ein größeres kulturelles Bewusstsein für deutsche Traditionen. Nicht nur ehemalige DDR-Bürger seien wieder an Zensur, Schnüffelei und…“

„… immer mehr Angehörige des Prekariats ein neues Lebensgefühl entwickelten. Vermehrt komme es nach Aussage von der Leyens zu Brotmangel, der aber durch Kuchen…“

„… sich Arbeitslose durch Eigeninitiative fit hielten. Sportarten wie Pfandflaschensammeln und Papierkorbtauchen seien Ausdruck der anhaltenden Daseinsfreude von jungen und alten…“

„… in den folgenden Legislaturperioden der besten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung nicht mehr zu erwarten sei. Das Kabinett verzichte künftig auf wirtschaftliche oder soziale Erwägungen, die Regierung kenne sich ohnehin nur mit geistiger Armut aus und wolle daher…“





Kehrpaket

28 11 2012

„Und Kinder haben Sie jetzt keine in dem Alter? Wenn Sie gerade keine Eigenheimzulage oder eine zusätzliche Pendlerpauschale brauchen, kann ich Ihnen eigentlich nur noch eine Putzhilfe für den Haushalt anbieten. Brauchen Sie auch nicht? Macht nichts, wir wissen ja auch nicht, was das soll.

Als Wiedereinstiegshilfe. Da muss man ja auf die spezifischen Bedürfnisse der modernen Frau eingehen, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einfacher wird. Daher die Putzhilfe. Was tut denn eine Frau sonst so, wenn ich fragen darf? Gut, kochen. Kinder erziehen. Aber das ist doch nicht die wahre Bestimmung der Frau, das ist doch – Sie wollen mich wohl falsch verstehen, wie?

Das ist ganz einfach, wir haben uns da ein Gutscheinmodell ausgedacht. Richtig, Gutscheine. Das hat ja beim Bildungspakt für Arbeitslose schon so toll geklappt, da haben wir uns gedacht, wir machen das einfach noch mal. Wie gesagt, das sind Gutscheine für anderthalb Jahre, zur Entlastung bei den dringendsten Aufgaben bei der Hausarbeit. Ja, teilweise ist das schon eine Entlastung. Fünfzehn Stunden pro Monat. Da sollte die durchschnittliche Normalverdienerin in ihrer Fünfzimmerwohnung schon – haben Sie gar nicht? Was gebe ich mich mit Ihnen ab? Sie haben CDU gewählt? Vergessen Sie einfach die letzte Frage.

Fünfzehn Stunden pro Monat, richtig. Wir wollten das ganz lebensnah gestalten und haben den Wert mitgetoppt, wie lange sich Frau von der Leyen pro Monat mit ihrer Familie beschäftigt.

Natürlich nicht in beliebiger Höhe. Wir sind ja gegen Schwarzarbeit, daher haben wir die Leistung auch auf sechs Euro pro Stunde beschränkt. Und für sechs Euro die Stunde, da würde sich doch kein Arbeitsloser zum Putzen hergeben, oder? Oder?

Das ist wegen dem Fachkräftemangel. Bitte? Ach, Sie sind Akademikerin – also wegen des Fachkräftemangels, bitte sehr, und wir wollen damit möglichst die Arbeitslosen, die nicht Erzieher werden sollen, damit wir das Betreuungsgeld, damit die das bekommen, damit wir die als Putzhilfen, dann sind die vom Markt, und wir können wieder überall das vom Fachkräftemangel – sind Sie noch dran? Ich meine ja auch nur, wir müssen das Problem doch gesamtgesellschaftlich lösen. Also für alle, die wir auf dem Schirm haben.

Das ist ja das Gute, wir wollen die Gutscheine gar nicht allen geben. Nein, Leistung muss sich ja auch wieder lohnen. Deshalb bekommen die Putzgutscheine auch nur die, die nach drei Jahren Arbeitspause in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit zurückkehren. Als Kehrpaket. Die Gewinnerinnen auf dem Arbeitsmarkt, die wollen wir belohnen. Wie mit dem Betreuungsgeld halt. Die, die sich eine Putzfrau selbst leisten könnten, die bekommen den Gutschein. Sonst könnten Sie ja auch gleich selbst Ihre – sind Sie noch dran? Hallo?

Das ist noch nicht finanziert, aber das macht nichts. Wir sind quasi unmittelbar vor der Wahl, da können wir nicht immer über die Finanzierung reden, das können wir hinterher, wenn wir mit dem Euro durch sind und Vollbeschäftigung haben. Wir müssen jetzt erst einmal rausfinden, wer das in der Union will und wer nicht. Dann können wir auch sagen, ob die Union ihren Vorschlag gut findet.

Das ist doch keine Kampagne. Nein, das ist nicht einmal abgesprochen. Das Betreuungsgeld zahlen wir, damit wir mehr Frauen am Herd haben, und die Putzhilfe zahlen wir, damit wir mehr Frauen haben, die nicht – sind Sie noch dran?

Die Schröder wollte jetzt gleich wieder einen auf Männerförderung machen, deshalb muss ich Ihnen pro forma auch etwas anbieten. Fünfzehn Stunden Autowaschen monatlich, fakultativ mit Fahrdienst zum Fußballplatz oder Hilfe beim Getränkehändler. Ja nun, ich kann auch nichts dafür, dass das sexistisch klingt. Das ist nun mal die Schröder, was hatten Sie denn erwartet? Ihr Mann arbeitet zu Hause? Das ist doch jetzt auch egal, wir zahlen doch das Betreuungsgeld auch nur denen, die es nicht brauchen.

Wenn Sie sich jetzt selbstständig machen würden, beispielsweise als Putzfrau, dann könnten Sie bei einer Frau, die in den Beruf zurückkehrt, beispielsweise als Putzfrau, da könnten Sie dann – Moment, ich hab’s gleich, nicht auflegen – also Sie putzen dann bei der die Wohnung, und sie putzt dann bei Ihnen, und dann haben Sie einen Job und die andere auch, oder eben beide, und dann sind Sie beide nicht arbeitslos, und es wurde auch kein bisher bestehender Arbeitsplatz aufgebaut, abgebaut meine ich natürlich, abgebaut, wie komme ich auf Aufbau? Egal, auf jeden Fall ist das Aufschwung, und wir werden uns vor der Wahl auch noch mal bei Ihnen melden, damit Sie nicht vergessen, wem Sie Ihren Wohlstand – hallo? Ja entschuldigen Sie mal, das ist doch genau das, was Ihre Regierung, und das ist ja die beste seit der Wiedervereinigung, was die unter einer modernen Dienstleistungsgesellschaft versteht. Die Banker dürfen auf dem Computer eingebildetes Geld machen und in die Tonne treten, damit die Steuerzahler die Kasse wieder auffüllen können, der Rest spielt Erwerbsarbeit und darf sich gegenseitig für einen Euro die Bude feudeln. Was ist denn daran zu kompliziert? Hallo? Sind Sie noch – hallo?

Na, hilft nichts. Neu wählen.“





Ruhe jetzt

27 11 2012

„… zum Generalstreik in Deutschland aufgerufen habe. Der Protest gegen Inflation, Lohnkürzung und Sozialabbau solle die Bevölkerung…“

„… warne BA-Vorstand Alt deutlich vor einem Ausstand. Dieser könne über erhöhte Lohnkosten und eine dadurch verbesserte Binnenkonjunktur leicht zu Milliardengewinnen führen, die mehr Arbeitsplätze generiere, so dass die Bundesanstalt für Arbeit nicht mehr…“

„… lehne die SPD jeden Streikaufruf kategorisch ab. Zwar erkläre man sich mit den Forderungen der Streikenden weitestgehend solidarisch, könne aber keine Aktion unterstützen, die auch auf positive Resonanz seitens der Linken…“

„… habe Westerwelle die Streikabsicht als spätdemokratische Dekadenz bezeichnet. Er erwarte mehr Solidarität mit den Leistungsträgern der Gesellschaft; so habe bisher noch kein Millionär beschlossen, in den Ausstand zu…“

„… lehne die Linke jeden Streikaufruf kategorisch ab. Zwar erkläre man sich mit den Forderungen der Streikenden weitestgehend solidarisch, könne aber keine Aktion unterstützen, die auch auf positive Resonanz seitens der SPD…“

„… sich die EKD nicht an einem allgemeinen Arbeitskampf beteiligen wolle. Der Ratsvorsitzende Schneider habe zunächst beschlossen, einen Sonderweg für nicht christliche Beschäftigte zu suchen, habe dann jedoch davon abgesehen, da er damit einen Sonderweg für nicht christliche Beschäftigte hätte finden…“

„… unterstütze Rösler den Willen der Bevölkerung, sofern diese nicht durch Erwerbsarbeit von wesentlichen gesellschaftlichen Verpflichtungen…“

„… habe Schäuble die Griechen aufgerufen, weniger zu streiken und dafür mehr zu arbeiten, um durch gestiegene Lohnebenkosten die Schulden schneller zu…“

„… es als nervtötend bezeichnet habe, dass Markus Lanz zweimal wöchentlich mit einem neuen Showkonzept anrufe. Inzwischen habe er beschlossen, den Streik live im ZDF zu moderieren, was jedoch ohne Werbeeinnahmen nicht…“

„… sich die Grünen noch nicht entschieden hätten. Nach einer Urwahl wolle die Partei bekannt geben, ob sie für die Sozialdemokraten oder die Union ihre Streikpläne abzusagen bereit…“

„… keine anzustrebende Aktion für die Deutsche Bahn AG sei. Man erkläre sich zwar einverstanden mit der gesamteuropäischen Streikplanung, könne aber nicht versprechen, ob die Fahrgäste überhaupt bemerken würden, dass die Bahn mehrere Tage lang nicht pünktlich…“

„… ein legitimes Ziel für die Deutsche Bischofskonferenz, sofern dies nicht gegen die von Gott legitimierte Obrigkeit…“

„… das FDP-Bundespräsidium den Streik gutheiße. Aus naheliegenden Gründen engagierten sich die Liberalen allerdings nur für die Umsätze von Apothekern und…“

„… könne aus Rücksicht auf die Interessen der DAX-Konzerne eine Arbeitsniederlegung nicht toleriert werden. Dies stelle einen Eingriff in die Belange der deutschen Wirtschaft dar, der die Rolle als europäische Exportnation stark zu beschädigen geeignet sei; die Konsequenz sei eine harte Auseinandersetzung, die sich Angestellte und Arbeiter selbst zuzuschreiben hätten. DGB-Chef Sommer habe dies als Warnung an die…“

„… die erste Mahnwache in der Frankfurter Innenstadt aufgelöst habe. Die Proteste seien während des Auftritts von Xavier Naidoo relativ rasch beendet worden, da zahlreiche Teilnehmer über Übelkeit, Erbrechen und Haarausfall…“

„… sich Steinbrück dafür ausgesprochen, den Bundestagswahlkampf bereits jetzt zu beginnen. Für Unverständnis beim linken SPD-Flügel habe jedoch gesorgt, dass der Kanzlerkandidat als Streikredner jeweils 25.000 Euro pro Auftritt…“

„… in eine existenzielle Krise gestürzt habe. So sei die deutsche Öffentlichkeit mehrere Wochen lang nicht vom Streik der Printmedien informiert worden, da Schirrmacher darauf bestanden habe, seine Aufrufe nur in der Druckausgabe der…“

„… sich nach einer Blitzumfrage 69% der Deutschen dafür ausgesprochen hätten, den Streik lieber wieder von Thomas Gottschalk…“

„… wolle ver.di dem Streik zwar zustimmen, bestehe jedoch darauf, dass sich die Angestellten der gewerkschaftseigenen Kantinenbetriebe dem Arbeitskampf nicht anschlössen, da ihnen sonst mit einer fristlosen…“

„… möge sich Gauck nicht damit beschäftigen. Nach Angabe des Bundespräsidialamtes plane das Staatsoberhaupt nach einer ausführlichen Selbstbespiegelung sowie einer mehrwöchigen Nabelschau, einem Egotrip und einer autistischen Phase, nur noch die eigenen…“

„… appelliere der DGB an die Beschäftigen in Spanien und Portugal, ihren Ansinnen Nachdruck zu verleihen, um das europäische Lohngefüge wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Gleichzeitig warne die Arbeitnehmerorganisation davon, sich außerhalb der Südländer zu…“

„… nicht grundsätzlich gegen einen Streik. Merkel rufe zu einer gemeinsamen Lösung auf, bei der alle Bürgerinnen und Bürger als Bürgerinnen und Bürger streiken dürften, solange die Arbeit dadurch nicht vernachlässigt…“





(K)linkenputz

26 11 2012

„Hallo? Ist da jemand? – Hallo!?“ „Kommense rein, aba machense sich nich dreckich anne Tür. Die ham da wieda geölt.“ „Preukert mein Name, ich komme von der SPD. Wir wählen ja nun bald wieder den Deutschen Bundestag, und da wäre es doch sehr schön…“ „Nee, das is schlecht, ich muss nu inne Waschküche, kommense mit, aba fassense nix an, is frisch gestrichen da drinne.“

„Ja, da frage ich Sie, das frage wir uns ja alle, wie wir mit der großen Verantwortung für Europa umgehen sollen – das ist nun eine…“ „Kiraaline! Schantalle! Kommterma nache Wippe hin, ich bin nu vorn inne Waschküche!“ „Beispielsweise den Schuldenschnitt, den die bisherige Kanzlerin ja so strikt abgelehnt hat und der nun doch…“ „Nee, halt ich nix von. Sehnsema, ich hab fürn Vamieta dis Laub habich gefegt, und denn in Winta habich den Schnee mit wech, und die Schaufel selbst bezahlt, und denn sachta, schreimse ’ne Rechnung, dassas alle orntlich is fürn Finanzamt, und denn hatta das nich übawiesn, schon für letzt Jahr nich, ich kann das ja gut brauchn, aba wenn ich jetz den einfach die Schuldn erlass, denn kannich die Rate für die Waschmaschine nich mehr, und Sie mein, dassas gerecht is? Nee, is nich.“ „Wir müssen alle sehen, dass wir die Entwicklung in unserem europäischen Haus…“ „Da passiert ja nix – passiert ja nix, dis Licht hatta nich repariert, unten is die Türklinke ab, und denn die Gegensprechanlage, da könnse aufn Summa raufhaun, aba die wackelt, und denn warn die von Bauamt da, aba nix passiert. Aba die Miete, die willa anpassen, vastehnse, dis meinter, weil er jedes Jahr sich ’n neues Auto kaufn tut. Dis Haus hier, dis is ’ne vadammte Bruchbude!“

„Da ist es ja mal gut, dass Sie als Hausfrau und Mutter Erziehungsarbeit leisten – auch wenn das für die Volkswirtschaft nicht…“ „Schantalle! Komma beien Sandkastn! Mama kann Dich nich sehn!“ „Wenn wir erst Kanzler sind, dann werden Sie sicher auf dem Arbeitsmarkt mehr…“ „Hörnsema, ich bin für zwanzich Stunden nach Supikauf anne Kasse, als Alleinaziehende krichich nix Bessers, und denn binnich froh, dasse hier inne Siedlung die Elterninitiative ham, denn kannich die beidn ma an Samstach dalassn.“ „Damit Sie auch mal Ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe…“ „Nee, aba mit zwei von die und denn nachn Discounta hin, wir kaufn ja imma mit dreie ein, die Lutter und die Kreißberch ausse Märkische, die hat ja dis Auto noch von ihrn Mann, wie der noch war, und denn is dis imma noch billiga mitten Auto hin als wie hier, sons langts nich mit die beiden, ich hab ja nur dis in Supikauf.“ „Schauen Sie, die jetzige Kanzlerin, die hätte Sie sicher nur mit Geld ruhiggestellt, aber die SPD-Regierung kann aktivierend…“ „Sagensema, hinta welchen Mond lehm Sie eigentlich!? Könnse nich einfach mal zuhörn, ich hab Ihn klar gesacht gehabt, dasse da nich anfassn solln, Sie trahn mir dis ganze Öl inne Waschküche rein, und wer soll dis nu wieda rauswaschn, ich etwa? Passense doch auf, hier wird gearbeit, auch wenn Sie dis in Ihr Lehm noch nie gesehn ham solltn!“ „Man müsste ja für verantwortungsvolle Mütter wie Sie, man müsste ja auch eine Anerkennung, die aber jetzt nicht so wie die konservative…“ „Dis könnense sich ma gleich schenken, dis wird eh auffen Regelsatz angerechnet und denn hab ich nur wieda die ganze Lauferei, das eine Amt sacht so, das andere sacht so, ich muss da Fristen einhalten, sonst kommense mir wieda mit Leistungskürzung, weil ich nich auffn Amt wa, ich musst ja wieda ma meine Zeit vaplempan mit Arbeit im Supikauf, denn krichich so’n Brief, da is alle drin, wo ich mir melden soll, und ich hab noch zehn Euro Briefporto wech, und raus kommt nix.“

„Schauen Sie mal, wenn die SPD Kanzler wird, dann kann sich ja Leistung auch wieder, und dann wird, weil Sie dann ja arbeiten, und Sie haben dann mehr als einer, der nicht arbeitet, und…“ „Habbich jetz auch, oda kenn Sie sich nich aus inne Hartz-Regelsatzregelung? Schantalle, mach die Kiraaline nich aua, sons is Mama traurich!“ „Da müssen wir als deutsche Europäer mal sehen, dass wir die wirtschaftlichen Weichen für Wachstum auch in einer sozial gerechten Art…“ „Is ja nich vakehrt, da solln ma alle mit anpackn, die Guntsch aussen zweiten, die wächst ja nu auch nur inne Breite, aba dass die ma was tut? Treppe fegn? oda ma’n Kontähna ausse Box, der Rodefink im Erdgeschoss hat ja so Rückn nachen Arbeitsunfall, aba die tut da nix, wasse nich muss. Pusch-pusch-pusch!“ „Ach, was für ein süßes Kätzchen Sie da haben!“ „Is nich meine, die is vonne Öztürk Ecke Uhland, aba die Kinda spieln imma mit die hier.“ „Da wäre ich mal vorsichtig, die wird sich an den Kopftuchmädchen bestimmt etwas weggeholt haben – diese Migranten sind ja meist…“ „Dis is ja Quatsch, auf die Frau Professer Öztürk lassenwer nix komm, die is ja inne Klinik, denn hatse nehmbei noch die Sprechstunde inne Uhland Ecke Willy-Brandt-Allee, wie die Schantalle dis mitten Rippmfell hatte, da war die um halb drei da, inner Nacht, und wegen die Medikamente könnwa uns keine Waschmaschine kaufn, so is dis nehmlich.“ „Ja, man muss auch Opfer bringen. Aber der neue Kanzler wird das alles größer und schöner wieder…“ „Gehnse wech, da kommt die Lauge vonne Schleuder raus, denn stehnse da drinne, denn tragense dis durchn ganzen Hausflur, da putzense sich ma die Schuhe ab, ich hab ja nu keine Zeit, Ihn hier hinterherzuputzen, Sie sind doch die SPD, alt genuch sindse, dasse dis ma alleine hinkriehen.“ „Na, dann werde ich mich mal vorsehen.“ „Dis tunse ma ruhich.“ „Und ein Wahlprogramm, beste Frau, darf ich Ihnen eines zur gepflegten Lektüre belassen?“ „Nee, dis nehmse ma mit, dis lesich doch nich, wissense, was ich bin, ich intressier mich ja nich so für Pollitik, denn ma ehrlich, so richtich betroffen is unsereins da ja nich so von, oda?“





Mit Absicht

25 11 2012

Joachim Gauck, Deutschlands ungewaschenster Gottesmann, sieht von einem Treffen mit den Angehörigen der NSU-Opfer ab. Sicher mit Absicht und ebenfalls abzusehen, wie er die Maßnahmen in der Folge der Mordserie mit Interesse verfolgen wird – er, die verfolgende Unschuld, hat natürlich ein Interesse an der Verfolgung. Ob damit die Verfolgung der Hintermänner unter den regierenden Sicherheitskräften gemeint ist, war noch nicht bekannt. Oder ob die Stasi nicht viel besser verfolgt hätte. Wen auch immer. Die besten Absichten wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • im garten limerick: Weingarten?
  • apfel gesund +gedicht: Essen Sie mehr Äpfel, dann fällt Ihnen eins ein.
  • schmerzensgeld „ischias“: Ist das Ihr Nebenverdienst, Steinbrück?
  • proband „geheime labor“ -play: Sie waren also Testhörer?
  • susan stahnke werbung: Für’n Arsch.
  • ausmalbilder schweine von hinten: Das wäre dann ein Schinken von vorne.
  • hamsterkiste steinzeit ausehen und leben wohnen: Der soziale Wohnungsbau der 60er kommt dem schon recht nah.
  • allgäuer bierbowle mit kirschen: Zwei Gläser, und Sie sind komplett schmerzfrei.
  • mafia-wurm häkeln: Spul Capone?
  • barbie beine reparieren: Aufblasen geht nicht.
  • goldener berater: Kein Chance, die SPD hat schon alle verbraten.
  • motivationssprüche hausbau: Irgendwas mit Rom und einem Tag.
  • elefant bundeswehr ausmalbilder: Achten Sie auf die Zehennägel, falls das Tier mal auf den Kirschbaum klettert.
  • sachbeschädigung-ist der hausmeister verpflichtet die eigentümer zu informieren?: Ja, es sei denn, er begeht selbst die Beschädigung. Oder der Eigentümer.
  • „feudel rosenheim“: Ich mag ja den Wischmopp Freising.
  • unbeschrifteter skelett einer forelle: Das sieht nach Knochenarbeit aus.
  • werkssirene als handyklingelton: Und von alleine werden Sie nicht mehr wach nach der Mittagspause?
  • mitropakuchenrezept aus ddr: Nur echt mit dem roten Plastehut.
  • knollenziest marktpreise: Sollten neben dem Körbchen stehen.
  • rauchen her ofen selberbau: Früher ging man einfach mal auf den Balkon.
  • hund nase +ausschlag: Seien Sie froh, dass Sie kein Pferd haben.
  • in holland werden nasenstübsel beim sychronschwimmen: Und sonst nehmen die Korken?
  • ein bißchen frieden bedeutung: Nicht mehr ganz so viel Vollbeschäftigung in der Rüstungsindustrie.
  • herr vergib dem deutschen volke sie wissen was mit ihnen passiert doch sie tun nichts: Zwei Gründe, warum die Aufklärung in Deutschland nie den Rasen betreten hat.
  • ist nebelluft ungesund: Kommt auf Ihren Airbag an.
  • mann im wind: Sollte es sich um einen Shitstorm handeln?
  • zahlt reiserücktrittsversicherung bei hörsturz: Nur, wenn Sie dabei von der Reiseleiter fallen.
  • amöbe mit beschriftung: Ohne das Schildchen würde sich keiner Röslers Namen merken.
  • kuchengabel heroin: Und ich wundere mich schon, warum sie mir immer den Löffel abnehmen.
  • wie viele kalorien hat möppkenbrot: Doppelt so viel wie ein halbes.
  • benutzt bosbach eine höhensonne: In der CDU wird man von alleine braun.
  • für welche igel brechen schwere zeiten an: Für Mettigel.
  • mollath geistheilung: Falsch. Den Dachschaden hat seine Ex-Frau.
  • ohrlochmarkierung maus: Müssen Sie Ihre Mäuse unbedingt an die Wand hängen?
  • merkel isst ohrenschmalz: Das erklärt nicht nur den Gesichtsausdruck.
  • cartoon lifting nachher: Sieht aus wie Berlusconi vorher.
  • mondbrot geschmack: So ähnlich wie Mars.
  • moonboots getrampel: das kommt vom Mondbrot.
  • baumstammschnitz: Wir nennen das Zahnstocher.
  • gen deffekt: Sie sagen es.
  • plankton +ausschlag: Möglicherweise ernähren Sie sich zu einseitig. Andererseits haben Wale auch oft Pickel.
  • verhinderung gründungbetriebsrat rheinische post: Ein vom lieben Gott geleiteter Konzern muss auf Sterbliche nicht so viel Rücksicht nehmen.
  • dürfen schwangere hähnchenherzen essen: Nur zusammen mit Erdbeermarmelade, Salzgurken, Zimtsternen und Parmesan.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CXIX)

24 11 2012

Er grantelt der Franzl in Werfen,
denn statt seine Sinne zu schärfen
beim Nachtmeditieren,
da gehn ihm zu vieren
die Katzen mit Verve auf die Nerven.

Giovanni saß in Monteverde
mal wieder verdutzt auf der Erde.
Hilft kein Daumendrücken,
er rutscht von dem Rücken
und sitzt unten statt hoch zu Pferde.

Melinda, die lebte in Dobl
als Au-pair zum ersten Mal nobel,
doch dann nahm sie leider
für den Gurkenschneider
(er sah halt so aus) einen Hobel.

Cecilio, der ging in Tarata
nur unwillig zum Psychiater,
denn Grund des Besuches
wie auch seines Fluches
war in beiden Fällen sein Vater.

Es suchte sich Zenzi in Gnas
ein Gärtchen mit Blumen und Gras.
Dort zupft sie die Blüten,
und nach ihrem Wüten
stellt sie jede ein in ein Glas.

Es bindet die Kauksi in Muhu
im Wald sich gerade den Schuh zu.
Da wird plötzlich starr sie,
sie denkt noch, es narr sie,
da hört sie den Schrei – ’s ist ein Uhu.

Herr Pavlik sägt in Krakauschatten
sich handbreite Stücke aus Latten.
Er leimt sie zum Meter
und sägt sie klein später,
da sie lange gerade nicht hatten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXV): Astroturfing

23 11 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie irren, alle irren sie sich, wenn sie denken, nur der Tod und die Steuern seien sicher, in welche Kategorie von Staat oder Gesellschaft man auch durch pränatale Zufallsereignisse hineingeraten sei, marktkonforme Demodiktatur, Klerikalfaschismus, kleptosome Mischformen oder die gute alte Monarchie. Nichts und gar nichts ist gleichermaßen verhasst und gefürchtet bei den einen, mit purer Gleichgültigkeit quittierst bei den anderen, wie es der Spalter jeder totalitären oder Spaßgesellschaft nur sein kann. Sie ist die öffentliche Meinung, das Schmirgelpapier am Gesäß der Machthaber, die unentschärfbare Sprengbombe, die die Hohlpfosten in Regierung und Aufsichtsrat, in Lobby und Kamarilla gleichermaßen in die Embolie treibt, denn sie ist nicht näherungsweise so gut zu berechnen wie das Konsumverhalten oder die Trendabhängigkeit. Stehen Wahlen ins Haus, käme vielleicht eine kleine Revolution zwischendurch in Betracht, wer würde da nicht gerne eine handliche Notbremse neben dem Schleudersitz griffbereit wissen? Es gibt sie, zumindest in der kindischen Welt der pseudoelitären Grützbirnen. Nichts macht sie glücklicher als Astroturfing.

Leicht gewöhnt man sich an den besonderen Service unserer geliebten Führer: sie machen sich unseren Kopf. Wo immer diese Horde von Homo-sapiens-Parodien in die Gefahr käme, sich mit Großbaustellen, Währungspolitik oder einer Gebietskörperschaftsreform den Feierabend zu versauen, schickt man ihnen die Nanny, die sie mit vorgekautem Stoff füttert. Argumentation aus vorletzter Hand kleckert in die Ohren der Masse, breiiger Beton für den Pfropf in Richtung Cortex schottet sie ab von der widrigen Wirklichkeit. Man wundert sich lediglich, warum keiner der geistig Ungesegneten merkt, wie Meinungsmacheten und Begriffseinpeitscher sich unter die Menge mischen, um sich distanzlos anzukumpeln. Dumme jubeln den Soundtrack zum Untergang nach, das Volk schreit nach der Peitsche – man hat es zu lange im Glauben gelassen, es dürfe sich aussuchen, an welcher Seite des Geräts es dereinst stehen dürfe.

Dabei haben wir das Werkzeug der Pöbling-Relation-Manager schon voll verinnerlicht und schniefen es mit jeder Waschmittelwerbung tief in die Hirnrinde rein: glückliche Menschen in einer zutiefst glücklichen Umgebung (tiefenentspannte Kühe und glückliche Zapfsäulen im Hintergrund, die Musi spielt einen volkstümlichen Junglejingle, ein Alpenpanorama wird wie zufällig um eine Tube Zahnpasta zentriert) benutzen glücklich eine beliebige Plempe im Tiegel, hernach quarren sie in die Kamera, wie authentisch sie sich fühlen, wenn sie ihre Schuhe mit dem Zeug putzen. Echte, authentische Menschen, die drittklassige Kleindarsteller, die echte, authentische Menschen spielen – wir nehmen ihnen von einem gewissen Möblierungsgrad der Kalotteninnenseite abwärts den Schmodder ab.

Weil der Bekloppte in einer Top-down-Welt lebt und früh gelernt hat, seine Wirbel knacken zu lassen, wenn der Befehl von oben quäkt. Der Hanns Guck-in-die-Luft lässt es lieber in die Nase regnen, anstatt den Wuchs der Graswurzeln auf seine Richtung und Tiefe zu kontrollieren. Sein von verbalem Gerümpel versautes Sensorium hat die Bedienungsanleitung für die Dialektik gründlich missverstanden. Er hält den Chorgesang plötzlich auftauchender Jubeltuten für reine Natur mit Schleifchen; vermutlich jault er im Knabenbass die gut abgehangenen Stimmungsschlager aus der Populismushitparade gleich mit. Deus lo vult. Und während er diesen merkwürdig verschwiemelten Zufall für keinen hält, um den sich eine dufte Verschwörungstheorie kneten ließe, so wittert er lieber bei anderen Dingen den Dunst des Skandals.

Dass der Blindgänger bei übermäßiger Claque misstrauisch wird, scheint an seiner tief im Neidzentrum eingewurzelten Beißroutine zu liegen, die immer dann zuschnappt, wenn der Beknackte in unverbindliche Larmoyanz flieht und sich in Selbstmitleid ergehen kann. Wo aber die gesteuerte Kampagne den Besuch der Logikkita zwingend voraussetzte, wird’s halt wohlig düster unterm Schädeldach. Der Hohlrabi ist es gewohnt, seine Regierung zu wählen, wie er seine Brötchen kauft: ohne erheblichen Einsatz der arteigenen Vernunft, zur Not auch gegen die eigenen Interessen, weil das Verkaufspersonal so hübsch grinst. So liest er sein Meinungssurrogat in den Kommentarspalten der Totholzzeitung, bekommt in der Repetierhandlung die Sache als eigene Denkleistung eingepoltert, bis sie nachschwatzfähig wieder rauskommt – auch dies übernimmt, da gerade biegsam beschäftigt, das Rückenmark. Edlere Teile werden nicht damit behelligt.

Es bleibt doch zu fragen, wie man auf dem eingeflogenen Teppich bleiben kann, wenn man dessen Hinterseite aus unglücklich verketteten Umständen einmal zu Gesicht bekommen sollte. Die Erfahrung lehrt zwei Dinge. Einerseits kippt jede Aktion eines Tages auf, denn sie hat einen der Behämmerten als Sollbruchstelle vorgesehen, der plappert, Papiere liegen lässt, Passwörter streut oder mit angefüllter Hose zur Gegenseite überläuft; andererseits erzeugt jede nicht gehörte Schuss einen gewaltigen Rückstoß, der die Einflüsterer von der Platte putzt. Etwas viel Aufwand, gleich die Bude abzufackeln, wenn man einen Dieb darin hört. Aber es wird sich nicht bessern, denn auf der anderen Seite sitzen dieselben Idioten. Was übrigens auch zu den Unverbrüchlichkeiten dieser an sich witzlosen Existenz gehört, wie etwa Steuern. Oder der Tod.





Schwarzrosagold

22 11 2012

Wasserklar und ölig schwappte die Flüssigkeit in dem kleinen Fläschchen. „Die Wirkung ist gar nicht auszudenken“, kicherte Nötzke. „Seien Sie gewiss, dass wir in den nächsten Monaten nach Kräften weiterforschen werden, um das Zeug in großem Maßstab herzustellen.“ Ich betrachtete das Ding. „Sie meinen, man sollte diese Substanz literweise produzieren?“ Erstaunt hob der Forscher die Augenbrauen empor. „Aber nein, keinesfalls. Hektoliterweise, das träfe es wohl eher.“

Ich entkorkte das Gefäß und fächelte ein wenig von diesem blumigen, bananenartigen Duft in meine Richtung. Es stach erst in der Nase, milderte sich sofort ab und schwankte zwischen Heu, frischen Erdbeeren und einer viel befahrenen Autobahn. „Vorsicht bitte“, mahnte Nötzke. „Noch sind die Wirkungen nicht vollständig erforscht, und wir wollen natürlich kein Risiko eingehen.“ „Sie möchten mir natürlich nicht verraten, wer Sie bei diesem Projekt unterstützt?“ Er lächelte. „Wir erhalten Bundesmittel. Mehr darf ich nicht sagen.“ Für eine Chemikalie, die gegen Infektionen schützen, das Hautbild verbessern und den Appetit zügeln sollte, erschien mir dies ungewöhnlich; allein, ich zweifelte nicht an seinen Worten. Die öffentliche Hand hatte schon für ganz andere Sachen Geld aus dem Fenster geschaufelt.

Nötzke steckt mir ein Zettelchen zu. „Ich habe Ihnen die Telefonnummer aufgeschrieben, wenn Sie sich entschließen könnten, unseren Geschäftsbericht zu betreuen.“ Ein schmales Papier, das ich faltete und in die Rocktasche steckte. „Wir halten Sie auf dem Laufenden. Und benachrichtigen Sie mich am besten sofort, wenn Ihnen etwas einfällt.“

Den leichten Husten auf der Treppe ignorierte ich, aber ich begann zu keuchen, als ich die Halle betrat. Für einen Moment lang suchte ich nach einer Sitzgelegenheit, dann war es schon wieder vorbei. Der Herbsthimmel breitete sich über die Stadt, in lustigem Grau, in dem heitere Sprühregentropfen herumtänzelten. Ein junger Mann, muskulös und nach der aktuellen Mode gekleidet, rempelte mich an. Ich muss ihn nicht richtig verstanden haben. Er bestellte Grüße an meine Mutter oder so ähnlich.

Ein Hupkonzert tauchte den Theaterplatz in komplexe Rhythmen. Der eine oder andere Fahrer hatte die Scheibe heruntergekurbelt und hielt ein lautstarkes Schwätzchen mit seinem Nebenmann. Sie schüttelten die Fäuste und gaben sich alle Mühe, dem Ernst ihres Ausdrucks zu verleihen.

Am Zeitungskiosk erfuhr ich, was gestern in der Welt passiert sein musste – der Händler hatte die Nachrichten eigens für mich einen Tag lang aufbewahrt. Dicke Schlagzeilen verkündeten den erfolgreichen Einsatz von Rüstungsgütern im Nahen Osten, der tausende junger Männer zu einer spannenden, actiongeladenen Tätigkeit rief. Zugleich zeigten internationale Diplomaten und Regierungsgeschäft, wie gut sie den bewaffneten Konflikt verhindern konnten. Es war alles so schön, ich hätte mir nichts Schöneres vorstellen können.

Eines Besseren belehrt wurde ich in der Linie 3, genauer gesagt im Bus, den ich an der Uhlandstraße Ecke Museumsplatz bestieg. Eine fröhliche Schar halbwüchsiger Rangen demonstrierte die Lebendigkeit ihres Alters und sang mit Vorwitz sowie aus voller Kehle ein Potpourri heiteren Liedguts, vornehmlich in dauernder Rotation, so dass ich es bald hätte mitsummen können – wenn es nicht den kontaktbedürftigen Hund gestört hätte, der seine spitze Schnauze immer wieder liebevoll in meine Kniekehle stieß. Ich fühlte mich geborgen, denn wer kann das schon für sich in Anspruch nehmen, die aufmerksame Hinwendung der Mitwelt nach einem langen, von aufregender, fordernder Arbeit versüßten Tageslauf.

Frischluft drang mir entgegen, als ich das Verkehrsmittel in der Bismarckstraße wieder verließ. Heiter blinkerte eine Herde hyperaktiver Stimmungsleuchter durch das abendliche Dunkel. Die Leuchtreklame empfahl mir den Geschmack der großen, weiten Welt. Eine Recyclingtonne schmückte die Garageneinfahrt. Kaum hatte ich die Wohnung betreten, da knipste ich begierig das Abendmagazin meines Lieblingssenders an. Ein Personenkraftwagen auf dem Bahnübergang hatte für eine freie Wohnung gesorgt, die Nation jubelte einem Superstar zu, der unter vielen anderen Superstars super sang, eine Zahnbürste schrubbte spurlos Tomaten ab, die Kanzlerin verkündete, dass sie die beste Bundesregierung seit der Vereinigung zweier gleicher Völker anführte, und sie verhieß uns Sonnenschein und Vollbeschäftigung, scharfe, aber gerechte Steuern für alle, die sich für die Mittelschicht hielten, Sicherheit und weiter so für alle Bürgerinnenundbürger und eine Komikernation voller Liebe und Frieden, Liebe und Frieden, Liebe und Frieden. Und Frieden. Und Liebe. Und Frieden.

Schweißgebadet kam ich zu mir. Das Telefon jodelte durch den Raum. „Ich kann es nirgendwo finden“, jammerte Nötzke. „Ich habe es doch nicht versehentlich in den Müll geworfen?“ Man konnte deutlich hören, dass er vor Angst am ganzen Leib bebte. „Die Formel steht doch darauf – ohne die Formel müssen wir wieder ganz von vorne anfangen!“ Ich tastete nach meiner Anzugtasche. „Wenn ich die Formel nicht wiederbekomme, dann können die Bundestagswahlen nicht stattfinden!“ Die Streichhölzer lagen griffbereit neben dem schweren Kristallascher. „Beruhigen Sie sich“, besänftigte ich Nötzke. „Es ist alles in bester Ordnung. Glauben Sie mir.“





Und tschüss

21 11 2012

„Nein, es liegt wirklich nicht an Dir. Du bist ein wunderbarer Mensch, und wenn ich könnte, würde ich ja nicht – wirklich, das musst Du mir einfach glauben, ich – ruf mich bitte nicht mehr an, ja? Ich will Dich so in Erinnerung behalten, wie Du warst!

Meine Güte, die Alte war wirklich schwer von Begriff. So was liebe ich ja. Das versüßt einem glatt den Beruf. Ernsthaft, zwei von denen an einem Tag, dann brauche ich eine Therapie. Obwohl, ich will mich nicht beschweren. In dem Job hier wird man nur was, wenn man einen kühlen Kopf behält. Ich bin Schlussmacher. Und ich schaffe jeden Fall.

Man darf sich da eben nicht reinziehen lassen. Emotional und so. Aber sonst ist das ein guter Job. Man freut sich dann immer, dass man nicht selbst mit solchen Charakterleichen konfrontiert wird. Oder am Ende eine von denen ist. Das macht einen dann innerlich wieder stark, und man zieht den nächsten Fall durch.

Glauben Sie mir, Ihre Frau hat alles versucht. Ich kann sie sehr gut verstehen – und wenn Sie mich fragen, dann weiß ich nicht, warum sie es so lange mit Ihnen ausgehalten hat. Vergessen Sie’s einfach. Sie haben keine Chance mehr. Lassen Sie es gut sein, und gehen Sie Ihrer Wege. Davon, dass Sie jetzt rumheulen, wird’s ja auch nicht besser. Also finden Sie sich damit ab. Und ein Tipp von mir: klappen Sie gefälligst den Klodeckel runter, Sie Neandertaler.

Die kleinen kommunikativen Hindernisse. Dieser eklatante Unterschied zwischen Selbstbild und Wirklichkeit. Früher oder später kommt die Erkenntnis, dass man möglicherweise nicht den Richtigen hat. Dann fragt man sich, ob man sich trennen soll – und oft kann man es dann gar nicht. Zu wenig Mut, zu viel eingefahrene Muster, man lebt immer noch in der Vergangenheit, alles irgendwie rosa, der Himmel hängt voller Geigen, das kann doch nicht alles gewesen sein – und dann hängt man plötzlich in einer Beziehung fest, bei der man weiß, dass es nur Verlierer geben kann. Und dann komme ich. Keine Schuldgefühle, keine Szenen, kein Rosenkrieg. Cleane Angelegenheit.

Raff das mal, Baby. Dein Hintern braucht inzwischen mehr Quadratmeter als der Kleinbus. Du kostest. Und Du bist stinkend faul. Der einzige, der Dich vermissen wird, ist der Kühlschrank. Und jetzt geh bitte. Die Nachbarn haben den Schampus kalt gestellt und ich will nicht zu spät kommen.

Vor allem Vorwürfe. Da muss man immer sehr vorsichtig sein. Das würde natürlich sofort auf Sie selbst zurückfallen. Kommunikation, verstehen Sie? Warum habe ich es zehn Jahre lang nicht geschafft, ihr zu sagen, dass ich ihre bescheuerten Plüschtiere nicht ausstehen kann? Das fällt mir natürlich dann auf die Füße, ich habe den Schwarzen Peter, und dann haben wir plötzlich eine Eskalation, bei der die ganze Trennung über den Haufen geworfen wird. Nichts mehr mit kontrollierter Emotion und so, keine einfache Angelegenheit. Und noch ein Tipp: lassen Sie sich nie auf irgendwelche Deals ein. Er hat zwanzig Jahre lang Ihren Geburtstag vergessen? Dann wird er sich ganz bestimmt nicht daran erinnern, sobald er Sie wieder am Haken hat. Das läuft auf Selbstbetrug hinaus. Und wer will das schon.

Du hast mich vom ersten Augenblick an enttäuscht. Ich hätte auf die Warnungen hören sollen – hinterher ist man immer klüger. Ich habe es immer wieder versucht, und Du hast einfach keine einzige Chance wahrgenommen. Nein, Du hast Dich einfach nicht bemüht. Du hast das alles als vollkommen selbstverständlich hingenommen, und Du wolltest Dich nicht einmal dafür entschuldigen. So geht das nicht. Ich will nicht mehr.

Kein allerletztes Mal. Du hast Dein allerletztes Mal schon gehabt, und Dein allerallerletztes Mal und Dein allerallerallerletztes Mal auch. Das war das vorige Mal gewesen, wenn ich mich recht entsinne. Egal. Es gibt kein allerletztes Mal mehr, hörst Du? Du hast die Sache gründlich vergeigt. Ich glaube Dir einfach nicht mehr. Du hast es gehabt.

Nein, ich glaube Dir nicht mehr. Du hast vom ersten Augenblick an gelogen. Und das weißt Du ganz genau. Ich habe keine Lust mehr. Nein, ich will überhaupt nichts mehr davon wissen. Es ist aus, kapier das bitte endlich.

Wir sollten uns allerdings eine Zeit lang nicht mehr sehen. Eine ziemlich lange Zeit lang. Nämlich überhaupt nicht mehr. Wozu denn? Dir geht’s doch prächtig, oder? Wer erzählt denn jedem, was für ein toller Hecht er sei? wie viele Freunde er habe und wie beliebt er wäre? Na? Schön, dass Du mich brauchst. Das beruht nur nicht auf Gegenseitigkeit. Und die Tatsache, dass Du mich immer nur dann gebraucht hast, wenn Du mich gerade gebrauchen konntest, ist ja nun auch nicht neu. Du hast doch so ein tolles Leben und bist so wichtig und erfolgreich. Dann brauchst Du mich ja doch wohl nicht mehr.

Nein, es gibt keinen Neuen. Ich würde es Dir sowieso nicht erzählen. Wozu auch, Dein Niveau reicht eh nicht aus, um Dich mit ihm zu unterhalten. Also zieh jetzt endlich Leine. Wir sehen uns im übernächsten Paralleluniversum. Bis dahin Ruhe im Karton. Tschüss. Und gut. Und komm mir nicht mit der üblichen Masche, ich kenne den Text schon. Danke fürs Gespräch. Nein, ich will nicht noch einmal darüber reden. Danke, Fipsi. Du wirst sicher irgendwann eine Partei finden, die Dich ernst nimmt.“