Volk ohne Raum

5 11 2012

„Thailand wäre doch hübsch. Da kann man sich für umgerechnet zwei Euro am Tag pflegen lassen. Und Sie haben auch schnell Familienanschluss. So eine Wellblechhütte am Strand ist eben viel persönlicher als eine stationäre Einrichtung in Deutschland, meinen Sie nicht auch? Na, dann wäre das Problem mit der Pflegeversicherung ja geritzt.

Wir müssen uns mal freimachen von diesen ganzen Scheuklappen. Keine Denkverbote! Was wir hier für Pflegeleistungen abdrücken, das geht doch auf keine Kuhhaut mehr. Das muss man einfach mal effektiver organisieren. Da müssen wir jetzt mal sehen, dass sich Leistung auch wieder lohnt, und zwar richtige Leistung. Aktien. Oder das, was davon übrigbleibt.

Das ist zu teuer in Deutschland. Pflege ist hier einfach zu teuer, sehen Sie’s mal ein. Und kommen Sie mit jetzt nicht mit deutscher Wertarbeit. Das ist doch rührseliges Zeugs, Sie! So eine Oma mit Alzheimer, die ist doch kein Spähpanzer! Da muss man schon mal Prioritäten setzen, das kann man nicht alles gleichzeitig bezahlen. Wir müssen an die Zukunft denken. Und das ist eben der Finanzplatz Deutschland, das ist unsere Rüstungsindustrie, die Versicherungskonzerne, da haben Sie mit Ihren philanthropischen Spinnereien keine Chance. Wir können uns keine Pflege für jeden erlauben. Die Pflegeversicherung? Natürlich brauchen wir die. Wer soll denn sonst die Pflege bezahlen für die, die sie sich auch ohne leisten könnten?

Das fand der Zylajew auch. Ja, der Mann ist in der CDU. Katholisch. Und Sozialarbeiter. Da weiß man den Wert eines Menschen noch sachgerecht zu schätzen. Wie meinen? Ach so, ja. Den Zeitwert. Aber auf jeden Fall eine gute Idee, wir sollten das weiterentwickeln. Wie gesagt, keine Denkverbote. Die Aktionäre lassen uns da völlig freie Hand.

Arbeitsplätze? Klar vernichtet das Arbeitsplätze, so war das doch auch gedacht. Oder glauben Sie, dass irgendwas, das diese Bundesregierung als sozial bezeichnet, was auch nur einen Arbeitsplatz schaffen könnte? Na, Sie sind mir ja vielleicht einer – Arbeitsplätze! Um konkurrenzfähig zu sein, muss man eben die Gehälter in der Pflegeberufen auf ein erträgliches Maß herunterfahren. Also auf null. Dann können sich die ganzen Pisspottschwenker schon mal seelisch darauf vorbereiten, wie so ein Leben im Dreck aussieht, wenn sie erstmal unter der Zumutbarkeitsregelung stehen.

Zumutbarkeit. Wir definieren das erstmal als Zumutbarkeit, und die Praxis erledigt dann den Rest. Gottchen, dann ist eben allen alles zuzumuten. Ungerecht? Sie haben ja echt jede Menge Humor. Ungerecht, das hört sich aus Ihrem Mund geradezu nach einem Vorwurf an. Empfinden Sie es auch als ungerecht, wenn einer vierzig Jahre lang in die Arbeitslosenversicherung einzahlt, um nach einem Jahr wie Dreck behandelt zu werden? Ich empfinde das als eine staatliche Notwendigkeit. Weil eben die Leistungsträger, die so viel leisten, dass sie nicht arbeiten müssen, weil, die sind eben dagegen. Weil sie das ja können, weil sie Leistungsträger sind. Ist ja klar. Und da kann man dann auch nicht immer auf jeden Rücksicht nehmen, von wegen Recht und Verträge und so Sachen, das muss man dann auch mal flexibel sehen. Zeigen Sie mal ein bisschen Eigenverantwortung! Wir kümmern uns ja auch nur um uns selbst.

Wissen Sie zufällig, wie die medizinische Versorgung in Weißrussland ist? Kasachstan? Da geht doch noch was, das kann man doch mal in Erwägung ziehen? Na eben, das meine ich doch. Wenn wir die Alten rausschmeißen können, dann könnte man doch auch die Kranken an die frische Luft setzen? Natürlich nur die schweren Fälle. Die, die ihre Behandlung nicht mehr selbst bezahlen können. Die kippen wir dann ins Mittelmeer. Soll sich Frontex darum kümmern. Die schieben eh jeden Scheiß nach Afrika zurück.

Alleinerziehende Mütter in die Südsee? Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt! Das ist doch kein Therapieurlaub – wenn Sie Ihre Gutmenschenader ausleben wollen, gründen Sie einen Jugendknast, aber verschonen Sie mich mit Ihren Kuschelorgien! Das war nicht als Wellnessprogramm für humanen Ballast gedacht, wie sollen wir denn mit diesem sozialen Klotz am Bein die Renditen steigern? Wir müssen expandieren! Wir sind eine Exportnation, wir sind doch ein Volk ohne Raum! Wenn wir die Arbeitslosen nicht nach Nordkorea exportieren können, dann werden diese Schmarotzer sich damit abfinden, dass es kein Paradies auf Erden gibt für sie.

Nein, wir sind keine Unmenschen. Natürlich gibt es auch für uns eine moralische Schranke. Man darf ja nicht gleich der Beliebigkeit verfallen. Für vorbestrafte Manager beispielsweise wäre ich sehr dafür, sie gleich nach Singapur auszufliegen. Oder in die Schweiz. Man verträgt ja nicht immer jedes Klima.

Den Rest der Mischpoke könnten wir eigentlich auch nach China schicken, oder? Schauen Sie sich das doch mal an, in Italien. Berlusconi können sie nicht einsperren, weil die Gefängnisse überfüllt sind. Da gibt es doch wesentlich effektivere und preisgünstigere Methoden, um mit denen fertig zu werden. Und wenn wir dies ganze Gelichter erst mal draußen haben, dann werden wir erst richtig –

Was, wen? Wen wollen Sie bitte deportieren? Politiker!?“