Lebensleistung

7 11 2012

„Das war jetzt der Durchbruch!“ „Was meinen Sie genau?“ „Der Koalitionsgipfel, der war jetzt der Durchbruch.“ „Doch, Sie haben recht. Wenn Sie die Kuh vom Eis holen wollen und sich dabei zu weit hinauswagen – dann war das der Durchbruch.“

„Aber mal Spaß beiseite. Dies Betreuungsgeld – was soll das denn?“ „Wissen Sie das nicht?“ „Ich weiß es nicht.“ „Schade, sonst wären Sie jetzt bestimmt schlagartig berühmt.“ „Wieso jetzt dies?“ „Weil keiner weiß, was das soll. Und die, bei denen man so leicht das Gefühl haben könnte, dass sie etwas damit zu tun haben, dass es doch jemand weiß, die sagen nichts.“ „Weil sie es nicht wissen?“ „Doch – aber die wissen es besser.“ „Deswegen sagen die nichts?“ „Kein Wort. Die glauben höchstens daran.“ „Das ist schon wieder mehr zu verstehen.“ „Dass die daran glauben?“ „Weil die ja sonst dran glauben müssten.“ „Auch wieder wahr.“

„Aber ich verstehe nicht, warum kommt denn das Betreuungsgeld erst im August?“ „Das ist Taktik.“ „Wegen der Finanzen?“ „Wegen der Bundestagswahl. Wenn es so kurz vor der Wahl kommt, danken die Profiteure umso freudiger der Union, und die Gegner haben sich noch nicht warm geärgert.“ „Und das wird jetzt als großes Sozialprojekt in den Himmel gehoben – wem nützt denn das etwas?“ „Denken Sie doch einmal an die Verwaltung.“ „Das muss doch geprüft werden?“ „Ja, das ist wie mit den Hartz-Gesetzen. Das muss alles vorher geprüft und dann bewilligt werden, dann wird gemeldet und kontrolliert, und dann haben wir einen schönen neuen Wasserkopf in der Behörde, der mindestens die Hälfte des Geldes wieder auffrisst.“ „Und das nennen Sie sozial?“ „Es schafft schließlich viel mehr Arbeit im öffentlichen Dienst.“ „Es gibt dort neue Arbeitsplätze?“ „Nein, aber darum geht’s ja auch nicht. Sozial ist, was Arbeit schafft. Und wenn der Beamtenapparat wegen der ganzen Formulare durchglüht, ist das doch richtig sozial. Auch, wenn unten nichts mehr von der Kohle ankommt.“ „Also doch wie Hartz.“

„Immerhin ist das jetzt in Europa wieder ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit.“ „Wie bitte!?“ „Unsere Europa-Kanzlerin kann endlich vor unseren Landsleuten verkünden, dass sie für Gerechtigkeit gesorgt hat.“ „Ich höre immer nur Gerechtigkeit, wie erklären wir denn den anderen Euroländern, dass sie sparen sollen, wenn Deutschland die Kohle mit beiden Händen zum Fenster rausschmeißt?“ „Das ist ja die Gerechtigkeit. Wir haben so viel für Europa ausgegeben, jetzt müssen wir den Rest eben für uns behalten. Zum Ausgleich.“

„Was soll denn eigentlich der Müll mit der Lebensleistungsrente?“ „Dann denken Sie mal scharf nach.“ „Diese Lebensleistungsrente bringt zehn Euro mehr als die Mindestrente.“ „Kleinvieh macht auch Mist.“ „Müssen Sie jetzt so über den Rösler herziehen?“ „Keinesfalls, ich wollte nur –“ „Und das nur, wenn Sie eine Privatversicherung abgeschlossen haben.“ „Wo ist denn das Problem?“ „Die Arbeitnehmer, die diese Rente brauchen, können sich eine private Absicherung überhaupt nicht leisten!“ „Die Arbeitnehmer, die diese Rente brauchen, würden auch mit zehn Euro mehr im Alter weiter am Hungertuch nagen.“ „Dann frage ich mich, wozu wir diese blöde Rente überhaupt noch brauchen.“ „Die staatliche oder die private?“ „Das ist doch alles völlig unrealistisch.“ „Natürlich, aber das ist doch der Punkt. Keiner braucht diese Renten. Die Arbeitnehmer sollen ja schließlich sparen.“ „Und warum gibt es dann diese Privatversicherung überhaupt?“ „Weil der Bürger schließlich mehr Eigenverantwortung übernehmen muss. Auch für zehn Euro mehr im Monat.“

„Aber jetzt mal Hand aufs Herz: warum heißt dieser Schrott denn Lebensleistungsrente?“ „Weil die Bundesregierung endlich für klare Verhältnisse sorgt.“ „Wie, klare Verhältnisse?“ „Zum einen macht sie uns klar, dass sie immer noch denkt: Leistung lohnt sich wieder.“ „Seit wann denn das?“ „Das dachte sie schon im letzten Wahlkampf.“ „Geschenkt, ich will wissen, seit wann sich Leistung lohnt. Hat sich Leistung je gelohnt?“ „Das entzieht sich meiner Kenntnis, zumindest in Bezug auf die Bundesrepublik Deutschland. Es geht ja nur darum, dass die Bundesregierung immer noch das glaubt, was sie schon immer geglaubt hat.“ „Und was bitte ist daran klar?“ „War Ihnen nicht klar, dass diese Regierung außerstande ist, irgendeine adäquate Reaktion auf Tatsachen zu zeigen?“

„Und zweitens?“ „Zweitens dürfen Sie davon ausgehen, dass Sie Leistungsträger sein müssen, bevor Ihnen das vergolten wird.“ „Sie meinen, ich muss in meinem Leben etwas geleistet haben?“ „Sie hören mir nicht zu.“ „Wo höre ich Ihnen denn nicht zu? Leistung, oder?“ „Sie sind kein Leistungsträger. Ob Sie etwas leisten oder nicht, ist dafür unerheblich.“ „Was soll denn diese Wortklauberei, außerdem – Leistung tragen? wie soll das bitte funktionieren?“ „Sie haben es erfasst, es funktioniert eben nicht.“ „Und den Stuss denkt sich eine Physikerin aus!?“ „Naja, eigentlich hat sich Westerwelle den Blödsinn ausgedacht, aber der ist halt vielseitig ungebildet.“

„Und drittens?“ „Drittens sehen Sie hier das Leistungsprinzip in seiner ganzen Lebendigkeit.“ „Reden Sie doch keinen Quark! Wer leistet denn hier etwas?“ „Wir uns die Bundesregierung. Und die leistet sich eine ganze Menge.“ „Verdammt, was ist daran klare Kante? was hat das alles mit Lebensleistung zu tun? Zehn Euro!?“ „Damit sie mal klar sehen.“ „Was denn?“ „Was der Regierung Ihre Lebensleistung wert ist.“


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