Nur Mut

8 11 2012

Verbissen tippte der Mann auf dem kleinen Bildschirm herum, so verbissen, dass er nicht merkte, wie der Kameramann immer nähr kam. „Großaufnahme“, flüsterte Siebels heiser. Immer hektischer fummelte der Mann am Automaten, doch wieder ertönte das hämische Piepsen, bevor die Maschine ein rotes Warnschild anzeigte. Er ballte die Fäuste. „Wunderbar“, kicherte Siebels. „Wirklich großartig. Damit haben wir eine ganze Staffel sicher.“

Ich schlürfte von dem Kaffee, der sich an die Spielregeln hielt; er schmeckte nach lauwarmem Plastik. „Sie drehen das ohne Schnitt?“ Der große TV-Erfinder nickte befriedigt. „Eine der letzten Herausforderungen für einen wirklich guten Film. Sechs bis acht Minuten Material ohne Schnitt, ein grandioses Crescendo der Verzweiflung, ein Document humain, das seinesgleichen sucht. Und wir brauchen nur draufzuhalten.“ Tatsächlich mühte sich der arme Kerl ab. Schon wieder ertönte das Piepsen; er stöhnte und blickte angestrengt auf die Liste, suchte irgendwo zwischen A001 und FII/b22 einen Tarifzonencode und die dazu passende Karte. „Er macht seine Sache gut“, sagte Siebels. „Und ich muss sagen, es ist schon verdammt mutig, dass er sich das vor so vielen Zuschauern zutraut – in einer Woche dürfte seine Karriere ihren vorläufigen Endpunkt erreicht haben.“ Ich war verwundert. „Aber Sie sagten doch, es würde sich um eine Mutprobe handeln?“ „Das ist richtig“, gab Siebels zurück, aber…“

In diesem Moment leuchtete das Lämpchen auf dem Funkgerät. Wir schlichen uns still fort und standen schon hinter der verhängten Glasscheibe, hinter der der Verwaltungsangestellte saß. Ein rasch improvisiertes Büro aus Schreibtisch, Drehstuhl und Telefon, ein paar Aktenordnern und einem Kugelschreiber verbreitete amtliche Atmosphäre. Nervös rutschte er auf dem Sessel hin und her. „Sie müssen mir doch erst einmal den Vordruck schicken, damit ich ihn ausfüllen kann!“ Er drehte den Stift zwischen seinen Fingern und suchte einen Block zum Schreiben. „Nicht so schnell“, rief er in den Hörer, „Sie haben mich doch noch gar nicht nach den Innenmaßen gefragt – wie wollen Sie denn die Grundfläche ohne die Innenmaße berechnen?“ Siebels winkte mir stumm zu; wir schritten wieder zurück zum Fahrkartenautomaten; keine Sekunde zu früh, wie wir bemerkten.

Der Mann sah mit stierem Blick auf die Tarifliste. Inzwischen war seine Verzweiflung einer energischen Wut gewichen, er versuchte der Reihe nach sämtliche Tasten zu drücken, vielmehr: er hämmerte manisch auf den Knöpfen herum und bekam nach jeweils zwei bis drei Versuchen eine neue Fehlermeldung. „Sie wollen mir verraten, warum das für ihn so…“ „Warten Sie“, fiel mir Siebels ins Wort. „Jetzt wird’s wirklich spannend.“ Der Mann knirschte vor Wut mit den Zähnen. „Das wird jetzt die Schlüsselszene. Passen Sie gut auf!“

Er hämmerte auf den Automaten ein. Wäre der Kasten nicht gründlich im Boden verankert gewesen, er hätte versucht, ihn herauszureißen. „Jetzt“, schnappte Siebels atemlos, „jetzt kommt das große Finale!“ Unter einem Feuerwerk von Flüchen hieb der Ärmste seine Fäuste gegen das Display, trat gegen die Verkleidung zückte seinen Schlüssel, um die Tasten herauszustochern. „Draufhalten“, befahl der Regisseur. „Ich will die ganze Szene hinterher im Abendprogramm haben, die komplette Szene in einem Take. Einfach nur draufhalten.“ „Sie wollten mir noch sagen“, brachte ich mich in Erinnerung, „warum Sie die Mutprobe für so gefährlich…“ „Wir müssen!“ Schon sprang er wieder auf, schon war er fort. Ich konnte ihm gerade eben noch folgen.

Der Verwaltungsangestellte war inzwischen nicht untätig geblieben. Die Überreste eines Schreibblocks übersäten sein Büro, der Kugelschreiber lag zerknickt in der Ecke. „Sie müssen die Innenmaße für die Bewilligung aufnehmen“, röhrte er ins Telefon, „die Innenmaße, verdammt noch mal! Außerdem erteilen nicht Sie die Genehmigung, sondern die Genehmigung wird Ihnen erteilt von der Abteilung IIIa!“ Siebels nickte. „Läuft. Läuft!“

Einen Sprung zurück kündigte sich bereits die Apokalypse an. Der Mann kauerte zusammengesunken vor dem Fahrkartenkasten. „Sehr gut“, lobte Siebels. „Was meinen Sie? Können wir das so senden? Oder ist das am Ende doch zu bösartig?“ „Sie müssen mir jetzt endlich mal erklären, warum der Mann ein Risiko eingeht mit diesem Film. Er blamiert sich, aber sonst?“ „Das ist nicht nur eine Mutprobe.“ Siebels knüllte seinen Becher gekonnt zusammen und schnippte ihn in den Papierkorb. „Er ist Angestellter der Verkehrsbetriebe, genauer gesagt: verantwortlich für diese Fahrkartenautomaten. Und er sollte einen Fahrausweis für drei Tarifzonen vom Hauptbahnhof zum Stadion ziehen. Rückfahrkarte.“ Der Nahverkehrskasper lag röchelnd auf dem Boden. Der Kameramann half ihm auf. „Und der andere, der…“ Ein splitterndes Geräusch unterbrach mich. Der Telefonhörer flog durch die Bahnhofshalle, gefolgt von den Überresten des Drehsessels. „Er ist Verwaltungsangestellter“, informierte mich Siebels, „und sollte von seinen Kollegen einen Bauantrag für eine Trennwand in seinem Geräteschuppen einholen. Aber genug davon, wir sind noch nicht fertig.“ Er erhob sich. „Gehen wir ein paar Schritte, das wird uns gut tun. Das ist Herr Schnehling, der lässt sich gleich die Haare so schneiden, wie er das für richtig hält.“ Ich pfiff anerkennend durch die Zähne. „Donnerwetter, das ist mal eine Mutprobe! Und das traut er sich zu?“ Siebels schüttelte den Kopf. „Das ist ja nicht für ihn. Das ist für den Friseur.“


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2 responses

8 11 2012
Shhhhh

Man sagt ja, dass Ärzte die schlimmsten Patienten seien. Nur aus wessen Perspektive, das lässt sich in Anbetracht der obigen Schilderung nicht mehr so genau feststellen. Da kann ich nur froh sein, keinem „gelernten“ Beruf mehr nachzugehen.

8 11 2012
bee

Die Welt wäre allgemein schöner, wenn Verkäufer auch mal Kunden wären, Zimmermädchen auch Hotelgäste und Handwerker auch deren Auftraggeber. Und umgekehrt.

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