Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXIII): Der Weltuntergang

9 11 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seit Anbeginn der Kulturen haben sich die Menschen für die Welt interessiert, das heißt: für die Grenzen ihrer Welt. Ob Scheibe oder Kugel, sie haben über deren Werden und Vergehen gesonnen, wie es ihnen der Kreis der Natur vorgab, über Schöpfung und Tod im großen Maßstab. Die Sache mit dem Urknall scheint der Kurzstreckendenker langsam gerafft zu haben, doch was es mit dem anderen Pol auf sich hat, das steht auch auf einem anderen Blatt. Alles hat ein Ende, nur die Welt hat mehrere, je nach Wasserstand und Grad der kognitiven Belastbarkeit.

Der Weltuntergang war schon immer ein Sujet, das sich nicht auf literarische Verarbeitungen beschränken ließ, obzwar er nur hier fruchtbar und erträglich sein kann. Das Aufbrechen der Erde, Tunguska und Tsunami in einem Aufwasch, ohne dass der zivilisierte Depp eigens Bomben schmisse oder seinesgleichen im Meer verklappte, all das regt die Fantasie an, führt zu Kassenschlagern in der Filmbranche, aber nicht zur Rückkehr in den Urzustand. Der Big Crunch findet vorerst nur auf dem Papier statt, und nicht einmal da ist man sich sicher. Bevor die Hirnprinzen von der Existenz der Gammablitze wussten und in Lichtjahren zu rechnen wussten, entwarfen sie wirre Konstrukte der Demontage, laut, schmerzhaft und gründlich.

Große Geister waren vor dem Hokuspokus nicht gefeit. 1532 kündigte Luther das Finale an (nichts passierte), 1538 rollte er eine runderneuerte Version der Prophezeiung durchs Dorf (nichts passierte), und 1541 versuchte er es zum dritten Mal (nichts passierte). Sir Isaac Newton verlegte sich in weiser Voraussicht auf das Jahr 2000, wohl wissend, dass er dann den kompletten Übertritt zur Biomasse vollzogen haben dürfte. Beda Venerabilis, diverse päpstliche Legaten und Bischöfe wussten es ganz genau. Und nichts passierte.

Die Wahrscheinlichkeit hat sich seitdem nicht verändert. Die Szenarien gleichen sich durch Zeit und Kulturräume, und doch spiegeln auch sie nur ein antiquiertes Weltbild, im vorwissenschaftlichen Zeitalter erfunden und gründlich überholt. Natürlich stürzen heute seltener Kometen zur Erde – auch wenn die Variante nicht auszurotten ist, diverse Sekten halten sie noch immer für millimetergenau steuerbare Marschflugkörper – und es fällt eher eine Raumstation auf Paris, aber beides ist so blöd wie langweilig. Kein Himmelskörper nähert sich dem Sonnensystem in Überlichtgeschwindigkeit, keiner schleicht sich von hinten an und überlistet die Astronomen, schwarze Löcher entstehen nicht ad hoc zwischen Merkur und Erde; die Gruselmärchen entbehren astrophysikalischen Anfängerwissens, sie gehören in die Tonne getreten. Gleich daneben kommen die abstürzenden Raumschiffe, die immer und überall nur zielgerichtet das Zentrum einer Millionenstadt treffen, statt ordnungsgemäß beim Eintritt in die Atmosphäre zu verglühen. Die Fantasien gehen nur mäßig mit den Vorstellungen einer jeweiligen Zeit: Blutregen und Erdbeben, Magnetismus, Aliens und explodierende Vulkane unter dem Meeresboden sind letztlich nur verschiedene Facetten für eine einzige Urangst vor dem Irrationalen, das sich über die Vernunft und ihr Bedürfnis nach Kontinuität hinwegsetzt.

Gerade deshalb nutzen nicht wenige Ideologen, Religioten und andere geistig verdackelte Despoten das Inferno als willkommenen Anlass für eigene Zwecke. Wo sich ungewisses Dunkel auftut, blinkt selbst das Glühwürmchen noch hell genug, um einen Eindruck zu hinterlassen. Wahn, Macht und Rache, verschwiemelt zu gärender Pampe, mutieren zur Ausgeburt des Dämonischen, und das meist mit den einfachen Mitteln, die die Kanalisierung der Ängste hervorbringt. Das endgültige Strafgericht wird aufgebläht zur Sündenkeule, da jeder Mensch seine ihm eingehämmerte Verfehlung hat – die paranoiden Moralvorstellungen der organisierten Transzendenzprovider sorgen schon dafür, dass jeder mit den Zähnen klappert, der möglicherweise das Abschmieren dieses Planeten miterleben muss. Furcht ist als Triebfeder durch nichts zu ersetzen, und was ließe sich da besser verwenden als die Synthese sämtlicher Horrorvorstellungen, die den Zweibeiner in die kollektive Psychose zu treiben geeignet wäre? Sie werden alles tun, alles bezahlen, sie werden brav wie Lämmer sein, und sie lassen sich sogar damit abspeisen, dass sie mit den Abfallprodukten ihres Therapiesurrogats die eigene Sterblichkeit rationalisieren können. Denn wie entkommt man dem Ende der Welt? Lebend jedenfalls nicht.

Und wer wird es erleben? Angesichts der Tatsache, dass die gesamte Hominisation im Lauf der interplanetarischen Begebenheiten eine Art Schrecksekunde darstellt, die auf einigermaßen solider Datenbasis erahnen lässt, dass es sich um eine evolutionäre Fehlentwicklung handeln könnte, wird es nicht glaubhafter, dass ausgerechnet in diesem Äon das Licht ausgeknipst wird. Menschen erfinden Weltuntergänge nach ihren eigenen Maßstäben, denn die Beschreibung des Weltendes ist auch nicht viel mehr als eine Beschreibung der eigenen Welt, wie wir sie kennen. Sicher wird dereinst das Zentralgestirn seine Wasserstoffvorräte fusioniert haben und flugs zum Heliumbrennen übergehen – sollte es der Bekloppte nicht vorher geschafft haben, den Planeten in ein FCKW-verseuchtes Atomklo zu verwandeln, spätestens dann hat er keine Probleme mehr, über die sich eine gründliche Meditation noch lohnen könnte. Dann wird endlich Ruhe sein. Schade, dass wir sie nicht mehr genießen können.