Dealer

13 11 2012

„Da müssen Sie aber schon ein bisschen mehr drauftun.“ „Langt das denn nicht? Was wollen Sie denn noch?“ „Wir haben hier immerhin einen Bankraub, das muss man doch nach Recht und Gesetz ahnden.“ „Aber deshalb machen wir doch den Deal, dass wir das nicht…“ „Recht und Gesetz.“ „Schauen Sie, wenn wir dem zwei oder drei oder vielleicht vier oder…“ „Recht und Gesetz!“

„Jetzt schauen Sie mal, mein Angeklagter ist doch ein unbescholtener Mann.“ „Wie bitte!?“ „Vor der ersten Vorstrafe war er jedenfalls mal einer.“ „Aber die bei den Haftstrafen vorher? und dass er gerade drei Jahre auf Bewährung hatte?“ „Das müssen Sie im Kontext sehen, im Grunde ist er ein Opfer der Gesellschaft.“ „Welcher Gesellschaft?“ „Der schlechten Gesellschaft, die man im Knast halt so kennenlernt.“ „Und deshalb soll ich den so mir nichts, dir nichts auf freien Fuß setzen?“ „Er muss ja nicht gleich auf freien Fuß kommen.“ „Dann bin ich ja beruhigt.“ „Es langt ja schon, wenn Sie ihm Haftverschonung gewähren.“

„Warum sollte ich Ihren Mann freilassen?“ „Sie haben da doch einen Mann, den Sie wegen – was war da noch mal? schwerer Landfriedensbruch?“ „Er soll einen Ladendiebstahl begangen haben, aber es gibt keine Zeugen.“ „Und er hat ein Alibi?“ „Weiß ich nicht, wir mussten ihn laufen lassen.“ „Das ist doch schon mal ein Anfang. Es herrscht natürlich akute Fluchtgefahr.“ „Hören Sie doch auf, das klappt doch nie.“ „Lassen Sie mal, das bescheinige ich Ihnen schon. Er hat keine gute Sozialprognose.“ „Wie das denn?“ „Immerhin wurde er gerade aufgrund einer schwierigen Faktenlage des schweren Landfriedensbruchs verdächtigt.“ „Und das kriegen Sie hin?“ „Wer von uns beiden ist denn der Staatsanwalt?“

„Dann könnte ich bei Ihrem Bankräuber…“ „Na?“ „… also bei, äääh, das war ja dann eher ein Vermögensdelikt?“ „Müssen wir das so in den Vordergrund stellen?“ „Er hat die Bank mit einer Schusswaffe betreten.“ „Das lässt doch noch nicht sofort auf eine Bereicherungsabsicht schließen. Möglicherweise hatte er an dem Tag ganz einfach schlechte Laune.“ „Aber die Waffe!“ „Er hat doch auf niemanden geschossen.“ „Aber er hat damit auf mehrere Personen gezielt.“ „Das ist doch kein Wunder, wie hätte er denn sonst schießen sollen?“ „Ich dachte, er wollte gar nicht schießen?“ „Wollte er auch nicht. Aber wer würde das schon so offen zeigen? Zumal er ja eigens eine Waffe dabei hatte.“ „Also wollte er nun schießen oder nicht?“ „Das hängt davon ab, ob Ihr Kandidat diesen Diebstahl ursprünglich als Raub geplant hatte.“ „Wie kommen Sie bitte auf die Idee!?“ „Nun, wir könnten die illegale Schusswaffe natürlich aus dem Fall raushalten. Aber dann müssten wir schon mal sehen, dass wir in Ihrem Fall einen Raub hatten, möglicherweise erpresserischen Menschenraub.“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Lässt sich das ausschließen?“ „Das können Sie doch nicht einmal beweisen.“ „Aber wir können anklagen.“ „Und dann?“ „Steht Ihr Angeklagter vor Gericht.“ „Und was passiert dann?“ „Man steht doch nicht einfach so vor Gericht – da wird doch an der Sache wenigstens etwas dran sein.?“

„Da würde ich Ihnen entgegenkommen, dass ich noch einmal prüfen lassen müsste, ob wir diesen Bankraub…“ „Herr Kollege, bitte!“ „… dieses nicht angemeldete Betreten der Bank, also eine Art Hausfriedensbruch, ob wir das nicht als einen untauglichen Versuch werten könnten?“ „Untauglicher Versuch?“ „Ihr Angeklagter wusste ja unter Umständen gar nicht, dass die Sache auch hätte schiefgehen können.“ „Darauf war ich ja noch gar nicht gekommen.“ „Und man könnte jetzt ja auch mal fragen wegen der zwanzig Polizisten, die da in die Bank gestürmt kamen.“ „Vereitelung im Amt?“ „Auf jeden Fall haben die ja die Arglosigkeit Ihres Angeklagten ausgenutzt.“ „Und er hatte dann gar keine Chance mehr, den Bankraub wie geplant zu vollenden.“ „Dann blieb es folglich beim Versuch – ob das überhaupt strafbar ist, das steht dann doch sehr zu bezweifeln.“ „Würde ich auch so sehen. Jedenfalls eine klassische Affekthandlung.“ „Die Polizisten?“ „Nein, er hat dann ja sofort die Bank verlassen, obwohl das vorher gar nicht geplant war.“ „Also war das nicht mehr als grober Unfug.“ „Naja, Hausfriedensbruch.“ „Aber er hat ja keine Sachen beschädigt.“ „Die alte Dame hatte einen Schock bekommen.“ „An dem Tag war es ganz besonders heiß.“ „Ja, verstehe, verstehe. Das ist immer recht gefährlich.“ „Dann haben wir letztlich nicht mehr als Ruhestörung?“ „Das kann man dann mit einem Platzverweis ahnden.“ „Und sein Auto stand im Parkverbot.“ „Wollen Sie echt darauf herumreiten? Mann, sind Sie vielleicht ein Korinthenkacker!“ „Ich dachte nur, wir sind hier ja schließlich bei Gericht. Da muss schon Recht und Ordnung sein, oder?“ „An sich schon, aber man kann es auch übertreiben.“

„Dann bleibt uns der Terrorist.“ „Halt mal, so ja nun nicht!“ „Also er hat einen besonders schweren Fall von Eigentumsdelikt begangen, das reicht doch wohl?“ „Aber er…“ „Jetzt fassen Sie sich mal ein Herz, Kollege: einmal fünf Jahre wegen Erpressung oder sonst was, das ist doch zu machen?“ „Und wenn das nicht geht?“ „Sie haben doch noch diesen anderen Fall – was war das noch gleich?“ „Schwarzfahren.“ „Sehr gut. Ein Jahr und zehn Monate. Ohne Bewährung. Deal?“ „Deal.“ „Wusste ich’s doch. Sie sind eben ein anständiger Mensch.“