Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXIV): Medienwandel

16 11 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war Keilschrift, und Keilschrift zeugte Knoten, und Knoten zeugte Papyrus, und Papyrus zeugte die Schiefertafel, und die Schiefertafel zeugte Pergament, und Pergament zeugte Dünndruck, und Dünndruck zeugte Stereo, und Stereo zeugte DVD, und DVD zeugte Vierfarbkugelschreiber, und wenn sie nicht gestorben sind, dann haben es die meisten Dumpfschlümpfe auf diesem höchst zweifelhaft beleumundeten Rotationsellipsoiden wohl nur noch nicht bemerkt, weil sie mit Antiquitäten zu tun hatten, Loseblattsammlung von Tontäfelchen oder Tageszeitungen im Tischtennisplattenformat. Alle Lust will Ewigkeit, nur hat sich die Natur wieder nicht an die Hausordnung gehalten. Während der Intellekt da, wo er sich zu Hause fühlt, öfters mal neue Kommunikationsformen hervorbringt, kreischen die Bremsklötze, weil das ihre Aufgabe ist – mehr auch nicht. Es wäre zu viel von ihnen verlangt, den Medienwandel kritisch zu begleiten.

Nicht nur Gallien – ganz Gallien? falsche Frage – zerfällt in drei Teile, auch die Öffentlichkeit hat drei Möglichkeiten, sich zu Medien zu verhalten. Die einen nutzen sie mehr oder weniger, die anderen nutzen sie bewusst und eingedenk dessen, dass sie gerade ein Medium nutzen; die dritten veranstalten eine durchschnittliche Apokalypse, dass es Personen gibt, die nicht genau wie sie selbst Medien nutzen oder es sein lassen. Sie sind unterhaltsam wie ein Kürbis von hinten, gesegnet mit dem IQ einer mittelgroßen Tüte Streusand und ansonsten schon mit Bleistift und Papier geistig herausgefordert. Medien wandeln, werden gewandelt und wandeln sich selbst, aber das darf man ihnen nicht sagen.

Es ist der technische Fortschritt, der neue Medien und Neue Medien erfindet, entwickelt, verbreitet, popularisiert und schließlich in die Kanalisation der Kulturgeschichte schnippst. Eben noch haben sie in Wachswalzen geblökt, dann plärrten sie in Schellack, jodelten in Vinyl und wurden schließlich digital, bald mit, bald ohne Trägermedium. Hier und da werden noch die Nachrichten von gestern mühsam abgetippt, Bäume werden gefällt und geschreddert, damit Rollen von Papier die Ansicht der Redakteure im Gegensatz zum Fernsehprogramm des Vorabends aufsaugen können, mit benzinbetriebenen Autos in der Gegend ausgestreut und nach einmal Auffalten so überflüssig wie Niespulver beim Hochseilakt, hernach in die Container geschwiemelt, weil den Schrott schon beim Ausliegen am Kiosk die Wirklichkeit überrundet hatte, nutzlos wie eine Pferdekutsche im Salon der Hybridkarren.

Da gibt es borderlineintelligente Industrielle, hineingeboren in die Postkutschenbranche, wie sie uns mit jahrelangem Gelalle auf den Zeiger gehen: ohne Postkutsche sei das Leben ein Fehler, das Auto setze sich nicht durch und sei dem Pferd eh unterlegen, der Verbrennungsmotor sei unpatriotisch, gegen den Entwurf irgendwelcher Götter oder Ausdruck zu linker, rechter, liberaler oder gar keiner politischen Gesinnung, kriminell, zu teuer und erzeuge Syphilis, Dauerregen oder das Ende der Weltwirtschaft. Vorerst bestehen sie auf Strafsteuern, dann verlangen sie von Autokäufern den Erwerb einer Quotenkutsche, und sobald es im ganzen Land keine Kutschen mehr gibt, gründen sie eine Lobbyistenorganisation, die mit wüsten Verschwörungstheorien die Postkutsche als einzig legitimes Verkehrsmittel propagiert, ungeachtet der Tatsache, dass die Lobbyisten noch nie in einer Postkutsche gesessen haben noch je vorhätten, eine zu bauen, und dass sie ihr komplettes Vermögen in Autokonzerne stecken. Fortan heulen Hasstiraden durch die Landschaft. Keiner weiß, wozu. Aber wenigstens sind die Fronten geklärt.

Ähnlich sinnvoll wäre es, Textsorte und/oder Sprache via Gebrauchsanweisung im Lehm festzustampfen. Lässt sich der Normalbürger den Liebesbrief mit Federkiel und Galltinte aufdrücken, wo seine Message, die eh dem Medium entspricht, für eine SMS reicht? Kann eine Wandzeitung ihren revolutionären Impetus gegen Blogs in Überzahl verteidigen? Bleibt die Steuerung der Ausdrucksform nicht per se ephemer bis lächerlich und zum Scheitern verurteilt? Sind wir auch ohne Hieroglyphen noch knapp überlebensfähig? Werden wir ohne Reiseschreibmaschinen alle untergehen, und wenn ja, warum lassen wir dann die Diskettenlaufwerke aussterben?

Selten sterben Medien aus, wenn sich nicht bessere Möglichkeiten ergeben; die Höhlenmalerei wurde peu à peu durch Öl auf Leinwand ersetzt. Doch sie verlieren ihre Eigenschaften. Fernsehen killte den Radio Star nicht, er wurde nur zur Geräuschkulisse beim Fensterputzen (was inzwischen die Glotze mit galoppierendem Niveauverlust einzuholen trachtet) und gewann proportional Aktualität gegen das Format-TV. Die Tageszeitung hätte eine reelle Chance gehabt, wäre sie als regionales und reflektierendes Medium mit analysierenden Kommunikationsformen gegen die schnelllebigen Quasselstrippen im Funk angetreten, um den geistigen Tiefgang des gedruckten Wortes zu nutzen. Doch zugleich bleibt sie ein Umsonst-Ding, das sich zur Résistance der Verwertbarkeit aufplustert, während die Informationsgesellschaft längst weiterzieht. Welcher Idiot hatte auch beschlossen, sie mit der Postkutsche auszuliefern.