Wildwechsel

19 11 2012

„Moment, Sie wollten doch…“ „Das war vor dem Parteitag.“ „… wegen der Sanktionen beim ALG II und überhaupt, da hatten Sie ja…“ „Vor dem Parteitag, ja?“ „Wollen Sie mich veralbern? Sie hatten auch vor, die Sanktionen abzuschaffen, weil die nicht mit dem Grundgesetz…“ „Hallo? Erde an Basis? Das war vor dem Parteitag, klar!?“

„Also sind die Grünen jetzt nach links gerückt?“ „Sagt wer?“ „Sagt Trittin.“ „Wer ist das denn? Hat der was zu melden?“ „Den hat die Basis immerhin in der Urwahl zum Spitzenkandidaten…“ „Das war vor dem Parteitag.“ „Sie wollen mir doch jetzt nicht ernsthaft erklären, dass die Grünen diesen ganzen Zirkus mit der Urwahl veranstalten, um hinterher das Ergebnis nicht anzuerkennen?“ „Kollege, das ist Demokratur.“ „Demowas?“ „Demokratur. Sie dürfen frei wählen, und dann machen wir, was wir für Sie am besten finden.“ „Dann ist die Partei nach rechts gerückt.“ „Sagt wer?“ „Das sieht man doch.“ „Das sieht nur so aus. Die anderen sind nach links gerückt, wir waren schon immer so.“

„Was wird dann aus dem Bekenntnis zu Rot-Grün?“ „Aus welchem?“ „Ja, eben aus dem…“ „Vor dem Parteitag?“ „Meinetwegen.“ „Dann war das vor dem Parteitag.“ „Aber Sie haben doch alle auf dem Parteitag…“ „Alle?“ „Naja, Roth und der Özdemir und…“ „Also nicht alle.“ „Aber die Roth ist doch als Parteivorsitzende…“ „Aber nicht als Spitzenkandidatin.“ „Meine Güte, die haben doch für die ganze Partei gegen den Sozialabbau und für die Rente in…“ „Das war…“ „Nicht vor dem Parteitag, Freundchen! nicht vor dem Parteitag!“ „… vor der Wahl.“

„Und was ist das jetzt mit der Energiewende?“ „Läuft.“ „Und Sie wollten das Asylrecht auch mal reformieren.“ „Machen wir gerade, wir schieben in Schleswig-Holstein keine Sinti und Roma mehr ab.“ „Aber in Baden-Württemberg sind doch…“ „Das sind Zigeuner, die gehören sowieso nicht nach Deutschland.“ „Was ist denn sicherheitsmäßig von Ihnen zu erwarten?“ „Natürlich Grüne Politik. Die Nacktscanner sind biologisch abbaubar und den Bescheid zur Abschiebung bekommen Sie auf Recyclingpapier ausgehändigt.“ „Man hat manchmal fast den Eindruck, als sei Ihnen völlig egal, was aus Ihren Wahlversprechen mal wird.“ „Stimmt.“ „Wie jetzt, Sie sind…“ „Das ist uns völlig wurst.“ „Sagen sie mal, haben Sie irgendwas geraucht?“ „Würde ich nie machen.“ „Lassen Sie mich raten: Sie sind so strikt für die Freigabe weicher Drogen, weil…“ „Erraten. Irgendwer muss ja auch Kanzler werden. Und wir brauchen das ganz bestimmt nicht.“

„Wobei – eine Unsicherheit haben Sie immer noch.“ „Dass die Wähler den Schwindel merken? Vergessen Sie’s. Die sind derart chloroformiert, das merken die erst, wenn es zu spät ist.“ „Nein, das meine ich gar nicht.“ „Dass sich die Basis plötzlich gegen die Parteispitze wendet? Lächerlich, die paar Männerchen kriegen eins auf die Nase, und fertig.“ „Das meine ich gar nicht!“ „Was denn dann? Steinbrück entdeckt plötzlich sein Herz für die Linke und koaliert gleichzeitig mit der FDP? Sie Utopist, das grenzt ja schon an…“ „Das meine ich nicht! Ich meine die Merkel!“ „Ach so. Hm. Kann ich mir nicht vorstellen.“ „Sie will auf jeden Fall mit den Liberalen weitermachen.“ „Also erstens ist diese Partei nicht liberal, und zweitens sind wir das auch nicht, also wo ist der Unterschied?“ „Nein, ich meine: sie will den Mythos mit Steuersenkungen und Wirtschaftswachstum noch mal vier Jahre lang vorturnen.“ „Und? Unsinn erzählen können wir auch. Was meinen Sie, warum wir Claudia Roth wiedergewählt haben?“ „Aber Ihre Rolle in der Eurokrise ist doch mehr als problematisch.“ „Nö, wir haben das von der FDP gelernt: rechtzeitig und in die richtige Richtung umkippen, dann klappt’s auch mit der Regierung.“ „Sie verwechseln sich nicht zufällig mit den USA?“ „Wir setzen geradezu auf den Wechsel.“ „Wechselstimmung?“ „Auch. Meinungswechsel. Richtungswechsel. Wir wollen die Entscheidung im Wechsel.“ „Klingt doch danach, als wollten Sie Deutschland zum Swing State machen.“ „Das klingt nach Wildwechsel.“ „Egal. Alles ist besser als die Wildsau aus Bayern.“

„Sie hoffen noch?“ „Wir sind voller Hoffnung, dass das ein voller Erfolg wird für unsere politische Langzeitstrategie.“ „Also hoffen Sie auf einen gesellschaftlichen, sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Wandel?“ „Wir hoffen jetzt erst einmal, dass auch alles so bleibt, wie es ist.“ „Aber Sie sind doch eine Ökologie-Partei? und sozial und nachhaltig und…“ „Wir sind nachhaltig, deshalb werden wir garantiert jetzt keine Anstalten machen, diese beschissene Energiewende vor dem Aus zu retten.“ „Aber – Sie sind doch die Grünen!?“ „Wir sind nachhaltig. Das heißt, wir wollen auch in zwanzig Jahren noch gewählt werden.“

„Also Schwarz-Grün?“ „Das habe ich so nicht gesagt.“ „Aber dieses Neue-Mitte-Gerede ist doch inzwischen nicht mehr mit der SPD möglich.“ „Mit denen schon, nur nicht mit Steinbrück.“ „Weil der zu weit rechts ist.“ „Deshalb sehen wir ja so links aus, schon vergessen?“ „Jetzt habe ich’s, Sie wollen die Nachfolge der FDP antreten!“ „Richtig. Wir verhindern die große Koalition.“ „Na, da bin ich mal gespannt.“ „Und dann suchen wir uns einfach aus, wer Kanzler wird.“ „Aha.“ „Wie die FDP.“ „Na gut.“ „Ja, wirklich!“ „Glaube ich Ihnen ja, Sie werden den Weg der Freidemokraten nehmen. Zumindest für vier Jahre.“