Schwarzrosagold

22 11 2012

Wasserklar und ölig schwappte die Flüssigkeit in dem kleinen Fläschchen. „Die Wirkung ist gar nicht auszudenken“, kicherte Nötzke. „Seien Sie gewiss, dass wir in den nächsten Monaten nach Kräften weiterforschen werden, um das Zeug in großem Maßstab herzustellen.“ Ich betrachtete das Ding. „Sie meinen, man sollte diese Substanz literweise produzieren?“ Erstaunt hob der Forscher die Augenbrauen empor. „Aber nein, keinesfalls. Hektoliterweise, das träfe es wohl eher.“

Ich entkorkte das Gefäß und fächelte ein wenig von diesem blumigen, bananenartigen Duft in meine Richtung. Es stach erst in der Nase, milderte sich sofort ab und schwankte zwischen Heu, frischen Erdbeeren und einer viel befahrenen Autobahn. „Vorsicht bitte“, mahnte Nötzke. „Noch sind die Wirkungen nicht vollständig erforscht, und wir wollen natürlich kein Risiko eingehen.“ „Sie möchten mir natürlich nicht verraten, wer Sie bei diesem Projekt unterstützt?“ Er lächelte. „Wir erhalten Bundesmittel. Mehr darf ich nicht sagen.“ Für eine Chemikalie, die gegen Infektionen schützen, das Hautbild verbessern und den Appetit zügeln sollte, erschien mir dies ungewöhnlich; allein, ich zweifelte nicht an seinen Worten. Die öffentliche Hand hatte schon für ganz andere Sachen Geld aus dem Fenster geschaufelt.

Nötzke steckt mir ein Zettelchen zu. „Ich habe Ihnen die Telefonnummer aufgeschrieben, wenn Sie sich entschließen könnten, unseren Geschäftsbericht zu betreuen.“ Ein schmales Papier, das ich faltete und in die Rocktasche steckte. „Wir halten Sie auf dem Laufenden. Und benachrichtigen Sie mich am besten sofort, wenn Ihnen etwas einfällt.“

Den leichten Husten auf der Treppe ignorierte ich, aber ich begann zu keuchen, als ich die Halle betrat. Für einen Moment lang suchte ich nach einer Sitzgelegenheit, dann war es schon wieder vorbei. Der Herbsthimmel breitete sich über die Stadt, in lustigem Grau, in dem heitere Sprühregentropfen herumtänzelten. Ein junger Mann, muskulös und nach der aktuellen Mode gekleidet, rempelte mich an. Ich muss ihn nicht richtig verstanden haben. Er bestellte Grüße an meine Mutter oder so ähnlich.

Ein Hupkonzert tauchte den Theaterplatz in komplexe Rhythmen. Der eine oder andere Fahrer hatte die Scheibe heruntergekurbelt und hielt ein lautstarkes Schwätzchen mit seinem Nebenmann. Sie schüttelten die Fäuste und gaben sich alle Mühe, dem Ernst ihres Ausdrucks zu verleihen.

Am Zeitungskiosk erfuhr ich, was gestern in der Welt passiert sein musste – der Händler hatte die Nachrichten eigens für mich einen Tag lang aufbewahrt. Dicke Schlagzeilen verkündeten den erfolgreichen Einsatz von Rüstungsgütern im Nahen Osten, der tausende junger Männer zu einer spannenden, actiongeladenen Tätigkeit rief. Zugleich zeigten internationale Diplomaten und Regierungsgeschäft, wie gut sie den bewaffneten Konflikt verhindern konnten. Es war alles so schön, ich hätte mir nichts Schöneres vorstellen können.

Eines Besseren belehrt wurde ich in der Linie 3, genauer gesagt im Bus, den ich an der Uhlandstraße Ecke Museumsplatz bestieg. Eine fröhliche Schar halbwüchsiger Rangen demonstrierte die Lebendigkeit ihres Alters und sang mit Vorwitz sowie aus voller Kehle ein Potpourri heiteren Liedguts, vornehmlich in dauernder Rotation, so dass ich es bald hätte mitsummen können – wenn es nicht den kontaktbedürftigen Hund gestört hätte, der seine spitze Schnauze immer wieder liebevoll in meine Kniekehle stieß. Ich fühlte mich geborgen, denn wer kann das schon für sich in Anspruch nehmen, die aufmerksame Hinwendung der Mitwelt nach einem langen, von aufregender, fordernder Arbeit versüßten Tageslauf.

Frischluft drang mir entgegen, als ich das Verkehrsmittel in der Bismarckstraße wieder verließ. Heiter blinkerte eine Herde hyperaktiver Stimmungsleuchter durch das abendliche Dunkel. Die Leuchtreklame empfahl mir den Geschmack der großen, weiten Welt. Eine Recyclingtonne schmückte die Garageneinfahrt. Kaum hatte ich die Wohnung betreten, da knipste ich begierig das Abendmagazin meines Lieblingssenders an. Ein Personenkraftwagen auf dem Bahnübergang hatte für eine freie Wohnung gesorgt, die Nation jubelte einem Superstar zu, der unter vielen anderen Superstars super sang, eine Zahnbürste schrubbte spurlos Tomaten ab, die Kanzlerin verkündete, dass sie die beste Bundesregierung seit der Vereinigung zweier gleicher Völker anführte, und sie verhieß uns Sonnenschein und Vollbeschäftigung, scharfe, aber gerechte Steuern für alle, die sich für die Mittelschicht hielten, Sicherheit und weiter so für alle Bürgerinnenundbürger und eine Komikernation voller Liebe und Frieden, Liebe und Frieden, Liebe und Frieden. Und Frieden. Und Liebe. Und Frieden.

Schweißgebadet kam ich zu mir. Das Telefon jodelte durch den Raum. „Ich kann es nirgendwo finden“, jammerte Nötzke. „Ich habe es doch nicht versehentlich in den Müll geworfen?“ Man konnte deutlich hören, dass er vor Angst am ganzen Leib bebte. „Die Formel steht doch darauf – ohne die Formel müssen wir wieder ganz von vorne anfangen!“ Ich tastete nach meiner Anzugtasche. „Wenn ich die Formel nicht wiederbekomme, dann können die Bundestagswahlen nicht stattfinden!“ Die Streichhölzer lagen griffbereit neben dem schweren Kristallascher. „Beruhigen Sie sich“, besänftigte ich Nötzke. „Es ist alles in bester Ordnung. Glauben Sie mir.“