Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXV): Astroturfing

23 11 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie irren, alle irren sie sich, wenn sie denken, nur der Tod und die Steuern seien sicher, in welche Kategorie von Staat oder Gesellschaft man auch durch pränatale Zufallsereignisse hineingeraten sei, marktkonforme Demodiktatur, Klerikalfaschismus, kleptosome Mischformen oder die gute alte Monarchie. Nichts und gar nichts ist gleichermaßen verhasst und gefürchtet bei den einen, mit purer Gleichgültigkeit quittierst bei den anderen, wie es der Spalter jeder totalitären oder Spaßgesellschaft nur sein kann. Sie ist die öffentliche Meinung, das Schmirgelpapier am Gesäß der Machthaber, die unentschärfbare Sprengbombe, die die Hohlpfosten in Regierung und Aufsichtsrat, in Lobby und Kamarilla gleichermaßen in die Embolie treibt, denn sie ist nicht näherungsweise so gut zu berechnen wie das Konsumverhalten oder die Trendabhängigkeit. Stehen Wahlen ins Haus, käme vielleicht eine kleine Revolution zwischendurch in Betracht, wer würde da nicht gerne eine handliche Notbremse neben dem Schleudersitz griffbereit wissen? Es gibt sie, zumindest in der kindischen Welt der pseudoelitären Grützbirnen. Nichts macht sie glücklicher als Astroturfing.

Leicht gewöhnt man sich an den besonderen Service unserer geliebten Führer: sie machen sich unseren Kopf. Wo immer diese Horde von Homo-sapiens-Parodien in die Gefahr käme, sich mit Großbaustellen, Währungspolitik oder einer Gebietskörperschaftsreform den Feierabend zu versauen, schickt man ihnen die Nanny, die sie mit vorgekautem Stoff füttert. Argumentation aus vorletzter Hand kleckert in die Ohren der Masse, breiiger Beton für den Pfropf in Richtung Cortex schottet sie ab von der widrigen Wirklichkeit. Man wundert sich lediglich, warum keiner der geistig Ungesegneten merkt, wie Meinungsmacheten und Begriffseinpeitscher sich unter die Menge mischen, um sich distanzlos anzukumpeln. Dumme jubeln den Soundtrack zum Untergang nach, das Volk schreit nach der Peitsche – man hat es zu lange im Glauben gelassen, es dürfe sich aussuchen, an welcher Seite des Geräts es dereinst stehen dürfe.

Dabei haben wir das Werkzeug der Pöbling-Relation-Manager schon voll verinnerlicht und schniefen es mit jeder Waschmittelwerbung tief in die Hirnrinde rein: glückliche Menschen in einer zutiefst glücklichen Umgebung (tiefenentspannte Kühe und glückliche Zapfsäulen im Hintergrund, die Musi spielt einen volkstümlichen Junglejingle, ein Alpenpanorama wird wie zufällig um eine Tube Zahnpasta zentriert) benutzen glücklich eine beliebige Plempe im Tiegel, hernach quarren sie in die Kamera, wie authentisch sie sich fühlen, wenn sie ihre Schuhe mit dem Zeug putzen. Echte, authentische Menschen, die drittklassige Kleindarsteller, die echte, authentische Menschen spielen – wir nehmen ihnen von einem gewissen Möblierungsgrad der Kalotteninnenseite abwärts den Schmodder ab.

Weil der Bekloppte in einer Top-down-Welt lebt und früh gelernt hat, seine Wirbel knacken zu lassen, wenn der Befehl von oben quäkt. Der Hanns Guck-in-die-Luft lässt es lieber in die Nase regnen, anstatt den Wuchs der Graswurzeln auf seine Richtung und Tiefe zu kontrollieren. Sein von verbalem Gerümpel versautes Sensorium hat die Bedienungsanleitung für die Dialektik gründlich missverstanden. Er hält den Chorgesang plötzlich auftauchender Jubeltuten für reine Natur mit Schleifchen; vermutlich jault er im Knabenbass die gut abgehangenen Stimmungsschlager aus der Populismushitparade gleich mit. Deus lo vult. Und während er diesen merkwürdig verschwiemelten Zufall für keinen hält, um den sich eine dufte Verschwörungstheorie kneten ließe, so wittert er lieber bei anderen Dingen den Dunst des Skandals.

Dass der Blindgänger bei übermäßiger Claque misstrauisch wird, scheint an seiner tief im Neidzentrum eingewurzelten Beißroutine zu liegen, die immer dann zuschnappt, wenn der Beknackte in unverbindliche Larmoyanz flieht und sich in Selbstmitleid ergehen kann. Wo aber die gesteuerte Kampagne den Besuch der Logikkita zwingend voraussetzte, wird’s halt wohlig düster unterm Schädeldach. Der Hohlrabi ist es gewohnt, seine Regierung zu wählen, wie er seine Brötchen kauft: ohne erheblichen Einsatz der arteigenen Vernunft, zur Not auch gegen die eigenen Interessen, weil das Verkaufspersonal so hübsch grinst. So liest er sein Meinungssurrogat in den Kommentarspalten der Totholzzeitung, bekommt in der Repetierhandlung die Sache als eigene Denkleistung eingepoltert, bis sie nachschwatzfähig wieder rauskommt – auch dies übernimmt, da gerade biegsam beschäftigt, das Rückenmark. Edlere Teile werden nicht damit behelligt.

Es bleibt doch zu fragen, wie man auf dem eingeflogenen Teppich bleiben kann, wenn man dessen Hinterseite aus unglücklich verketteten Umständen einmal zu Gesicht bekommen sollte. Die Erfahrung lehrt zwei Dinge. Einerseits kippt jede Aktion eines Tages auf, denn sie hat einen der Behämmerten als Sollbruchstelle vorgesehen, der plappert, Papiere liegen lässt, Passwörter streut oder mit angefüllter Hose zur Gegenseite überläuft; andererseits erzeugt jede nicht gehörte Schuss einen gewaltigen Rückstoß, der die Einflüsterer von der Platte putzt. Etwas viel Aufwand, gleich die Bude abzufackeln, wenn man einen Dieb darin hört. Aber es wird sich nicht bessern, denn auf der anderen Seite sitzen dieselben Idioten. Was übrigens auch zu den Unverbrüchlichkeiten dieser an sich witzlosen Existenz gehört, wie etwa Steuern. Oder der Tod.


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