Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXXI): Alternativlosigkeit

25 01 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das ganze Leben besteht aus Entscheidungen. Hü oder hott, zu Dir oder zu mir, geschüttelt oder gerührt, der kleinste Entschluss kann Wohl oder Wehe bringen, fortdauerndes Glück oder ewige Verdammnis. Gut, wer Entscheidungsfreude seine Tugend nennt, wer frei von Zaudern und Zweifel einfach das Rechte tut. Doch was nützt es dem Impulstäter, der mit Axt und Bogen vor dem großen, brüllenden Tier steht, wenn er intuitiv zum einen Instrument greift und nicht recht bedenkt, welche Chancen ihm daraus erwachsen und welche Risiken. Reflektierend erst zeigt sich überlegen der Sieger im täglichen Kampf, wo zu seinen Füßen kraucht faselnd die soziale Zusammenrottung der Bessergewussten, wie sie Erleuchtung funzeln im Strahlungsbereich der Glühwürmchen und das Mantra der Verdeppten lallen: Alternativlosigkeit.

Wer während der Embryonalphase aus Versehen Wasser in die Birne bekam, fühlt sich beglückt über das Klickibunti des Systems. Die drängenden Fragen der Gesellschaft – weg, die einzig mögliche Entscheidung ist bereits präexistent in der Frage, die dann per Definition nur noch ein Nanodenker zu stellen wagte. Die Wissenden, die erkannt haben, dass es weder etwas zu wissen noch zu erkennen gibt, dürfen mit dieser Querkämmerweisheit die Geschicke der Gebietskörperschaften lenken. Es gibt nichts zu tun, sie aber packen es an. Wo auch immer.

Die Definition von Alternativlosigkeit beruht auf der eingeschränkten Sichtweise eines Panzerfahrers, der vor sich ein paar Sandhügel plattmacht und nicht weiß, dass ihn von hinten gerade eine Feuerwalze wegpustet. Je enger die Scheuklappen gezogen werden, desto logischer scheint der Schritt in den nächstbesten Abgrund. Wen nimmt es Wunder, dass das Laberpersonal sich vorwiegend da für die Alternativloslösung entscheidet, wo eine Auseinandersetzung auf argumentativer Ebene schnell einen Platten in der Hirnrinde brächte. Vorwiegend auf unsicherem Terrain blockt der postdemokratische Haufen die Beschäftigung mit unschönen Dingen wie der Realität und ihren ästhetisch unbefriedigenden Folgen ab, wie Eltern im kausalen Laberinth der Warum-Warum-Warum-Fragen irgendwann den Blagen das Dogma aufs Maul hauen, dass die Welt nu mal so ist, wie sie eben ist – halb aus purer Unwissenheit, da sie für den philosophischen Akt des Konflikts durch Überraschung noch zu viel Dünnluft unter der Kalotte haben, halb jedoch aus antrainierter Unterwürfigkeit unter die bloße Meinung, die um so heftiger verteidigt, wer sie nicht kapiert. Der Hominide hat ab Werk seine Anlagen, die ihm helfen könnten, die Zustände auf diesem Rotationsellipsoiden in der Lokalen Flocke hinlänglich zu kapieren, doch er preist als Erfolg der Evolution eher die Tatsache, dass er sich den Brägen schnell und unbürokratisch auszuknipsen in der Lage ist. Das schafft himmlische Ruhe, und was sonst würde den Beknackten interessieren.

Erst recht wird die Wahlunfreiheit greifbar als Feindin der Demokratie, wo sie erhoben wird zum politischen Konzept, ohne jedoch politisch zu sein, geschweige denn ein Konzept anbieten zu können. Was sich selbst Unfehlbarkeit zuschreibt, hat bereits den Boden des Parlamentarismus verlassen, weil es sich in seinem Größenwahn außerhalb der Debatte postiert. Wo die Alternative von vornherein nicht zur Diskussion steht, nimmt das Diktat die Stelle der Debatte ein. Das politische Personal jedoch degradiert sich selbst, wie es fortwährend am Selbstgleichschalter fummelt. Wozu bräuchte es in einer alternativlosen Welt überhaupt Entscheider, wozu Machtpositionen und fürstlich bezahlte Bedenkenträger, um sie auszufüllen? Wenn das Korrektiv des Kontingenten fehlt und sich die ganze Existenz zu einem Brei des Unverfügbaren schwiemelt, wer genau ist dann der Handelnde und wer das Objekt der Handlung? Die vermeintlich Handelnden, sie setzen nur um, was die überwertige Theorie ihnen befiehlt und werden zu Sklaven der eigenen Ergebenheit; Macht wird zwingend zu Ohnmacht, um die Vortäuschung von Macht noch länger inszenieren zu können.

Wird nicht ex post alles, was als unumgänglich bezeichnet wurde und dann doch in die Hose ging, zum Schicksal hochemotionalisiert? Den Politikern ist es egal, sie sehen nur anfallsweise, dass sie nicht unter hellseherischer Begabung leiden. Zudem sind sie jeder Haftung ledig – präventiv kloppt sich die Kaste der Dummschlümpfe den Freispruch-Stempel in den Gesichtsversuch, damit ihnen keiner planenden Vorsatz unterstellen könnte. Es ging ja nicht anders. Gerade hier beginnt die geistige Raumkrümmung die schönsten Blasen zu werfen, wie sie kein Weichstapler besser erfinden könnte: unter den unabänderlichen Gegebenheiten, Schwerkraft, die Erde ist keine Scheibe, wir haben das schon immer so gemacht, konnte es keine andere Entscheidung geben. Natürlich hätte man das eine oder andere Gesetz nicht erlassen, die Folgen bedacht, vorher die Verfassung konsultiert oder einfach mal die Klappe gehalten, aber wie soll man die Schwerkraft dafür abschaffen? Es klingt schon derart bescheuert, dann muss es wohl logisch einwandfrei sein.

Der Totalitarismus mit menschlichem Antlitz kann nicht vertuschen, dass er ein Auswuchs des Dogmas ist, das die Alternativlosigkeit gebiert, die billigend in Kauf genommene Wahnvorstellung der ideologischen Einbahnstraße. So bleibt nicht viel mehr als die öffentlich verkündete Gewissheit, man könne das Ergebnis des Stoßgebets einpreisen – wer sich nur genügend ohnmächtig macht, macht sich um so mächtiger. Selig sind die geistig Armen. Sie bedürfen keiner Alternative. Der Rest befindet sich, man entnimmt es der Verbraucherinformation der grassierenden Regierungen, gerne mal in der Hand metaphysischer Wesen. Hoffen wir, dass sie es sich nicht anders überlegen. Gründe gäbe es ja genug.


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