Kursverlust

18 02 2013

„Von wem hatten Sie angerufen? FDP? Kann ich nicht erinnern. Bedaure. Muss ein Kollege gewesen sein. Und das war wirklich die FDP? Nicht di Naturgesetzpartei? Oder Bibeltreue Senioren? Echt von Ihnen? Nee, das wüsste ich. So Splitterparteien behalte ich meistens gut in Erinnerung.

Ein Angebot? Vier Prozent? Gewinnbeteiligung oder was? Ach so, Stimmen. Und Sie wollen das als langfristige Projektion in den Deutschlandtrend einbauen? Fernsehen, Print, Internet, PR, die ganze Bandbreite? Aber das Kinderprogramm müssen wir nicht für Sie produzieren?

Verstehe ich das jetzt richtig, Sie hatten sich das so gedacht: die Freidemokraten haben bei der Landtagswahl in Niedersachsen eine reelle Chance, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen, also wollen Sie lieber als Fast-drei-Prozent-Partei in die Nachrichten. Passt ja. Das verschreckt den Wähler nicht, so kennt der Sie. Und wenn es dann tatsächlich so kommt, dann haben Sie eine gute Rechtfertigung, den Vorsitzenden zur Hölle zu jagen. War das eigentlich Ihre Idee oder hatten Sie dabei noch externen Sachverstand eingekauft? Weil, ich meine, Geld haben Sie ja wenigstens noch.

Wir sind als Meinungsforschungsinstitut sehr gut am Markt platziert, weil wir immer ganz genau die Meinung der Bevölkerung abbilden. In dem Fall eben die Meinung der FDP. Und Sie lassen für Geld arbeiten – wir vertreten nur forsch Ihre Meinung. Dann wissen die Leute wenigstens, wen sie nicht wählen sollen. Wir haben das schon richtig verstanden, im Grunde machen wir Ihnen die Wahlergebnisse. Das Ankreuzen und Auszählen, das ist dann nur noch Formsache. Falls man nicht zwischendurch aus der Form gerät.

Übrigens gut mitgedacht. Das mit dem Kaufen. Hatte doch Ihr Chinakracher neulich auch gesagt, wenn den Leuten die Mieten zu hoch sind, sollen sie doch ihre Wohnungen kaufen. Das hat doch was von Marie Antoinette, aber Obacht: es waren Leihstimmen. Keine gekauften. Die muss man irgendwann wieder zurückgeben. Mit Kursverlust.

Oder meinten Sie, unsere Wahlprognosen seien wie die Börsennachrichten? Die FDP als Bad Bank, die Kurse rauschen in den Keller und die Anleger kaufen wie verrückt, weil es mit Ihrer Bude nur noch bergauf gehen kann? Interessante Einstellung. Aber dann frage ich mich, warum gehen Sie nicht offiziell pleite? Bankrott? Warum liquidieren Sie nicht endlich? Warum lösen Sie den Laden nicht einfach auf? Ihr großer Vorsitzender redet doch bei Griechenland auch nichts anderes, als dass so eine Staatsinsolvenz ein Kindergeburtstag wäre? Warum klatschen Sie Ihr Ding nicht einmal richtig an die Wand? Ah, verstehe. Bei den Banken hilft der Staat. Überhaupt, ich finde, das passt zum politischen Konzept der Partei. Entwicklungsministerium abschaffen, Steuern senken, Hotelfrühstück – wenn auf hoher See ein Sturm aufkommt, hauen Sie zur Sicherheit den Kiel durch. Das stabilisiert. Meeresgrund erdet auch irgendwie. Und auf lange Sicht ist das nachhaltig. Was da unten vergammelt, kommt irgendwann wieder in den Stoffkreislauf.

Nein wirklich, das war eine soziale Tat. Stellen Sie sich mal vor, die Liberalen hätten nicht die ganzen Leihstimmen von der Union abgeräumt, sondern wäre programmgemäß bei drei Prozent abgeschmiert. Rösler wäre mit in der Versenkung verschwunden, vermutlich hätte Mutti sich die Pfälzer Weinkönigin ins Wirtschaftsministerium zurückgeholt und auf die Schnelle einen neuen Vize aufgepumpt – ganz Deutschland hätte aufgehört, sich Gedanken um die Überlebensfähigkeit dieser Koalition zu machen. Ganz Deutschland? Natürlich ganz Deutschland.

Ich finde das sogar ganz nützlich. Die Leute erwarten doch von Ihrem Laden, dass einer den anderen wegmobbt. Sie sind doch schließlich der Intrigantenstadl, oder? Ist das dann nicht völlig nebensächlich, ob Niebel abgesägt werden sollte oder den Attentatsversuch auf ihn nur inszeniert hat, um am Ende als Held in den rauchenden Trümmern dazustehen? Wenn’s bei Ihnen mal nicht mehr klappt, dann machen Sie doch einfach ein Abbruchunternehmen auf. Mit sich selbst als bester Referenz.

Deshalb ist das ja auch vollkommen idiotisch, die Feinde der Liberalen im sozialistischen Milieu zu verorten oder beispielsweise in der SPD. Die größten Feinde der liberalen Idee sitzen noch immer in der FDP. Nehmen Sie das positiv! Das ist doch eine tröstliche Gewissheit: solange diese FDP noch existiert, gehen ihr die Feindbilder nicht aus.

Ich faxe Ihnen mal ein Angebot zu: jetzt vier Prozent, bis Juni knapp oberhalb von drei und dann bis kurz vor der Wahl zwei Prozent. Mit Garantie. In beide Richtungen. Wenn Sie dann tatsächlich bei zwei Prozent landen, dann wissen Sie, dass wir unsere Arbeit ordentlich gemacht haben. Wer Ihre Umfrageergebnisse liest, merkt ja von selbst, dass keiner mehr die FDP braucht.

Nur, was ich nicht verstehe: wie kann man Ihnen eigentlich Realitätsverlust vorwerfen? Sie wissen doch selbst am besten, wie tief Sie in der Scheiße stecken, oder?“


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