Gestochen scharf

21 02 2013

Georgi blinzelte; der rechte kleine Monitor in der dritten Reihe musste etwas nachjustiert werden. „Das ist ganz schön anstrengend“, informierte er mich. „Sie stellen sich den Beruf des Pförtners wohl recht einfach vor, aber das hat hier alles mit Technik zu tun. Ganz technische Technik, wissen Sie. Und da muss man ganz schön aufpassen.“

Der schon grau angelaufene Feuerwehrmann saß in seinem Glaskasten, links und rechts und hinten eine Wand aus grauen Bildschirmchen, eins neben und unter und über und neben den anderen grauen Bildschirmchen, wie ein rechteckig angeordnetes, graues Fliegenauge. Nur manchmal musste er sich umdrehen und seinem Beruf als Pförtner nachgehen. Dann tippte er sich mit zwei Fingern an den Mützenschirm, ließ einen der Direktoren passieren, guckte einem Abteilungsleiter jovial hinterher oder schnauzte einen Praktikanten an, der nicht schnell genug den Eingang passierte. Währenddessen sah man Treppenabsätze auf den Monitoren, einen Innenhof, eine Ecke des Parkplatzes und zahlreiche undefinierbare Maschinen, die stampften, kreiselten und Dinge taten, die man nicht begriff. Die Klöbner-Werke stellten sicher etwas her, das dem Fortbestand der Welt diente, allein ich wusste nicht, was. Und es interessierte mich auch nicht sonderlich.

„Wir mussten ja nun diese Kameras bei uns aufstellen.“ Er deutete auf seinen Schaltkasten. „Hier können Sie die drehen, und dann runter, und zack! sehen Sie gar nichts mehr. Weil man die drehen kann.“ Ich nickte. „Sie erfüllen die Vorgaben der Bundesregierung ja ziemlich genau.“ Zwar hatte die Regierung die umfassende Überwachung von Arbeitnehmern gerade auf öffentlichen Druck vom Zettel genommen, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass die Wirtschaft angekurbelt werden muss. „Die wollen alle ihre Geräte verkaufen, und das gibt ganz schön Druck, müssen Sie wissen. Wir sind sogar von der Gewerkschaft aufgefordert worden, offene Überwachung zu installieren. Und das haben wir dann ja auch gemacht, Willi und ich.“

Man konnte förmlich hören, wie der Apparat an der Wand surrte und zur Seite fuhr. „Hier haben Sie den sogenannten toten Winkel, und hier haben Sie ihn nicht.“ Ich runzelte die Stirn. Georgi bemerkte es und drehte die Kamera sofort zur Seite. „Von hier aus sehen Sie die ganze Treppe von links, und von da aus sehen Sie die ganze Treppe von rechts.“ „Großartig“, bemerkte ich trocken. „Ich schätze, Sie haben für diesen Film bereits einen Grimme-Preis bekommen?“ Georgi schüttelte den Kopf. „Das nun gerade nicht, aber es ist eine sehr wichtige Kamera. Jeden Morgen um halb zehn kommt Herr Direktor Klöbner die Treppe herunter, um Halle D zu besichtigen.“ „Lassen Sie mich raten: Sie können ihn nun vorher von zwei Seiten sehen?“ Der Pförtner nickte befriedigt. „Allerdings“, antwortete er. „Und das Beste ist, dass ich damit die Kamera in Halle D bewegen kann.“ Er ließ den Bildapparat hin und her, her und hin fahren. Sofort stürzten die Arbeiter zu ihren Werkbänken, droschen auf Bleche und polierten Metallstangen. In dieser Firma herrschte noch Ordnung.

„Man kann also durchaus behaupten, dass die Geräte der Sicherung von Arbeitsplätzen dienen.“ Er nickte. „In der Tat, und nicht nur das. Schauen Sie mal hier.“ Einer der kleinen Bildschirme links unten zeigte einen Treppenabsatz des Westflügels. Langsam zoomte die Kamera sich heran, immer größer wurde die Fensterbank. „Hier hat der Kollege Schnedermann letzten Monat seinen Schlüssel vergessen, als er auf Kontrollgang war. Er hat sein Taschentuch aus der Hose gezogen, und dabei muss ihm das Schlüsselbund entglitten sein.“ Ich begriff sofort. Die Kamera hatte den Verlust im Nu aufgeklärt und lückenlos für präventive Sicherheit gesorgt, bevor der Hauch einer Straftat auch nur geplant worden wäre. „Schnedermann war kaum zurück von seinem Kontrollgang, da hatten wir die Schlüssel auch schon gefunden. Ich habe sie dann von einem Lehrling holen lassen.“ Georgi sah befriedigt auf die Linse, die langsam wieder rauszoomte. „Gestochen scharf!“

Natürlich konnte man mit den Dingern auch noch andere Sicherheitsmaßnahmen durchführen. „Das ist doch ganz schön“, meinte er. „Die Kamera nimmt die Rückbänke unserer Wagen auf dem Parkplatz auf. So wussten wir, dass der Abteilungsleiter seiner Frau zu Weihnachten einen Pelzmantel schenkt.“ Das war in der Tat praktisch; am Ende hätte sonst noch die ganze Belegschaft zusammengelegt und ihr einen Nerz spendiert, obwohl sie bereits einen hatte. Georgi drückte ein paar Tasten und legte den Kanal E12 auf den Hauptmonitor. „Unser Anti-Stress-Programm“, bemerkte er nicht ohne Stolz. „Wir haben die Kamera eigens auf einem Pfahl montiert und so herum angebracht, dass man über den Zaun sehen kann. Hier genießen Sie den Blick über die Blumenwiese jenseits der Warenanlieferung.“

Natürlich gab es auch einen Monitor ganz rechts in der Ecke, der hinter einer Papiertüte mit den Frühstücksbroten des Pförtners stand. „Und das ist…“ Georgi errötete heftig. „Das ist Fräulein Blümelein aus der Buchhaltung. Die Kamera ist nicht versteckt, aber es hat ihr keiner gesagt, dass sie an ihrer Zimmerdecke hängt.“ Ich begutachtete das Bild. „Hübsch“, lobte ich. Gestochen scharf. Das dient sicher auch dem Zweck, die Arbeit in Ihrem Betrieb kräftig anzukurbeln. Aber mal eine Frage, was stellen die Klöbner-Werke eigentlich her?“ Er blickte mich entgeistert an. „Das wissen Sie nicht? Überwachungskameras natürlich.“


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