Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXXVI): Burnout

1 03 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war zu einer Zeit, in der das Gesetz der Steppe galt, auch und vor allem in der Steppe: wer Mammut essen wollte, musste Mammut jagen. Und so liefen Uga, Ngg und Rrt über die Ebene, bestückt mit Pfeil, Speer und Bogen, auf dass sie wenigstens selbst wieder heil die Höhle wieder erreichen würden. Einträglich mochte man das Geschäft nun nicht nennen, doch wenigstens war es immer für eine Überraschung gut. Würde es am nächsten Tag genug Säbelzahntiger für alle geben? oder genug von ihnen für die Säbelzahntiger? Da passierte es, dass sich Rrt die Steinaxt an die Murmel marmelte, und neben neurologisch nicht uninteressanten Aussetzern entwickelte er die Idee, ständig mehr Mammut zu jagen, als eine Rotte adipöser Schnellschlinger vertilgen könnte, vom Erlös mählich mehr und mehr Mammon zu mehren, zum Schluss aber behäbig im Moos zu lagern und zuzusehen, wie die Hungerleider für eine Handvoll Beeren Bären erbeuten. Konsequent angewandt hätte dies Vorgehen zu einer vorzeitigen Blüte des Kapitalismus geführt (und wir hätten diese geistige Fehlinkarnation schon hinter uns gebracht), beim derzeitigen Stand des Hominiden führte er stracks in den Burnout. Wohin auch sonst.

Die Geschwindigkeit ist das Schibboleth der Jetztzeit. Wer sich noch immer für existenzfähig hält, wenn er zehn Minuten lang auf Börsenkurse warten muss, steht schon im Abseits. Wir sind von der Realität erschöpft, weil ihr Band breiter ist als unsere Ohren tief, und entfremden uns von ihr, weil wir mit der Pommesgabel Sand in einen Vulkan zu schaufeln meinen. Ab und an treten Gurus mit der Ausstrahlung einer kaputten Mikrowelle auf und plärren Motivationsmantras durchs Wartezimmer, aber keiner interessiert sich dafür. Warum auch, sie atmen bereits selbst den Geruch des Ausbrennens., den uns die Manager vorgelallt haben.

Dieser sozial nach oben gespülte Morast der Blendergesellschaft, der seine eigene Unfehlbarkeit mit Talent verwechselt, impft den Untertanen seine Fehlwahrnehmung ein: dass nur das Ausleben der eigenen Deformation in der Führungsrolle wirklich lebenswert sei. Dass aber die Abwesenheit von Führungsqualitäten den Beginn einer langen Feindschaft mit sich selbst markieren kann, fällt dem Nebenbeiarbeiter nicht ein und dem Normalo erst dann auf, wenn es zu spät ist. Einkommen und Status lassen kurz die psychischen Schwellkörper andicken, was bleibt, ist die Schwierigkeit, die neu gewonnene Macht bewältigen zu können oder zu wollen. Die postmoderne Leidensdrückerkolonne zwingt den schneller, höher und weiter optimierten Menschen in die permanente Spitzenposition, vielmehr: kurz davor, denn keiner wird in diesem imaginären Rennen gewinnen, wenn es eine Führungsebene gibt, die man durch den souveränen Sieg gefährden oder ausschalten könnte. So weit reichen die Reflexe der Deckschicht noch.

Die eklatanteste Verdeppung ist es doch, in der Überholspurgesellschaft von Embryonalturnen, Babychinesisch und Turboabitur die Leistungs- und Regenerationsfähigkeit der Biomasse als Zopf abzutun und sich neoliberalem Voodoo hinzugeben, weil der Klamauk mit den vorschriftsmäßigen Hirnschäden logischer aussieht als alle Grundrechenarten zusammen. In der Folge kratzt die Durchschnittsbevölkerung nicht etwa schneller ab, weil dummerweise der Stand der Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten nicht stehen blieb, und ein Apoplex kloppt nun die Bilanz sämtlicher Sekundenherztode in die Tonne – dumm ist, wer Dummes organisiert, und wenn das arbeitsfähige Volk dadurch immer schlechter versorgt wird und der Wirtschaft mehr Kosten aufs triefende Auge schwiemelt, schneidet sich die Generation der Henker die eigenen Flossen ab. Sie haben unser Mitleid sicher nicht nötig. Wer maßlosen Schmalzkonsum propagiert und Fettleibigkeit zum sozialen Ideal erklärt, darf sich auch nicht über das Geknatter platzender Arterien beschweren.

Dass neben dem physischen Verschleiß der permanente Radau der Außenwelt die Frontallappen ausleiert, wird auch nur von denen nicht bemerkt, die entweder zu alt oder zu blöd sind, um diese Realität mitzumachen, von der die andren so viel reden. Eine große Müdigkeit setzt ein, die am Tode hängt, zum Tode drängt, ein degenerativer Prozess in wechselnder Verkleidung. Die einen wählen konservativ, die nächsten nagen sich nur die Pulsadern auf, wieder andere funktionieren mit der Präzision einer elektrischen Pumpe. Das ansonsten gesunde Gefühl, einer sinnlosen Beschäftigung zu viel Zeit zu opfern und sie daher aufzugeben, ist unwirksam unter der Kontrolle der regierenden Sklaven des Risikokapitals, sie setzen lieber auf ihre Droge, den Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen. Dann kommt der Teufel raus. Dann laufen wir. Und den Letzten beißen die Hunde nur dann nicht, wenn er kapiert, dass er nicht die Selbstbilder einer zum Schiffbruch verdammten Zufallsgemeinschaft von Nichtschwimmern nachzutanzen braucht, um glücklich zu sein. Am Ende wissen wir, Mammut gammelt, wenn man es nicht frisch verzehrt. Welche Frage bliebe denn angesichts solcher Erkenntnisse noch offen?