Lagerhaltung

6 03 2013

„Das geht auch schneller!“ Ein Ruck fuhr durch die matten Gestalten im Lagerhaus, wie sie mit ihren Plastikkörben durch Regale und Förderbandstraßen hetzten, stets mit einem Blick über die Schulter, ob sie nicht gerade beobachtet würden.

„Dabei nützt das gar nichts“, erklärte mir Kelm. „Sie haben in ihrem Helm einen Chip, der den Aufenthaltsort verrät, die Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegen, die Richtung, in der sie das tun, und wir haben einen Zentralrechner, der alle diese Daten zu einem lückenlosen Profil addiert. Hier entkommt keiner.“ Ich räusperte mich. „Wenn man bedenkt, dass diese Fabrik gegen jede erdenkliche Vorschrift verstößt…“ Er grinste. „Das ist korrekt, wenngleich auch erst nach der Gesetzesreform. Als diese Sache eingeführt wurde, war das alles noch vollkommen legal.“ Es gab einen Tumult unten in den Regalreihen; Sicherheitsbeamten fuhren mit ihren elektrischen Zweirädern in die Lagerzeilen, immer zwei Mann nebeneinander. „Vermutlich wieder eine der typischen Arbeitsverweigerungen aus individuellen Gründen.“ „Individuelle Gründe?“ Kelm nickte monoton. „Kreislauf. Oder ein Herzanfall. Wir können ja nicht auf alles Rücksicht nehmen.“

Mit der Monotonie eines abstrakten Balletts kippten die Arbeiter den Inhalt ihrer Plastikkörbe auf den Tisch, wo sich das Förderband plötzlich beschleunigte, so dass sie nicht mehr mithalten konnten und hilflos neben den Waren herstolperten. So verpassten sie immer wieder ihren Anschluss, die Ware wurde vor ihnen eingebucht, und sie hatten ein Stück zu wenig im Soll. „Wir sind da human“, beruhigte mich Kelm, „bis zehn Stück kriegen sie einen Anschnauzer, und dann gibt es einen Punkt in der Personalakte.“ „Was bedeutet der Punkt?“ „Dass man die halbe Kündigung schon geschafft hat.“ Er sagte es mit ruhiger Stimme, ganz und gar unbeteiligt, und es schien ihn nicht zu bekümmern, dass einer der Arbeiter nicht einmal richtig laufe konnte. Seine Schuhe waren zu groß; ich hatte davon gehört, dass man den Lageristen für teures Geld gebrauchte Schuhe verkaufte, die nur in wenigen Größen vorhanden waren, aber dies schien mir doch zu grotesk. „Immerhin bewegen sich die Leute vorsichtig“, teilte mir Kelm mit, „man kann in den Dingern nicht gut rennen.“

Unterdessen hatten zwei Sicherheitsleute einen Lageristen abgeführt, der die Treppe heraufgelaufen war. Er befand sich nur ein paar Meter unter unseren Füßen, doch man verstand nicht, was sie sprachen; zu laut war der Lärm der Förderbänder, das dumpfe Stoßen der Kisten, das kreischende, wimmernde Heulen der elektrischen Motoren, wenn die Aufseher auf ihren Rädern durch die Halle sausten. „Nichts“, ließ Kelm mich wissen, „nichts von Belang. Er wäre morgen drei Monate hier, da müssen wir ihn leider rausschmeißen, sonst würde sich sein Gehalt um ein Drittel erhöhen.“ „Und dazu muss man ihn fast die Treppe herunterstoßen“, begehrte ich auf, „das ist doch unmenschlich.“ „Er war Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit“, gab Kelm ungerührt zurück. „Er hat die Regeln gemacht. Jetzt spielen wir mit ihm.“ „Was werfen Sie ihm vor?“ „Er hat nicht beide Seite des Handlaufs angefasst. Vorschrift ist Vorschrift, das wissen Sie so gut wie ich.“ „Ach was“, wandte ich ein, „wie sollte er das denn auch mit einem Korb in jeder Hand.“ Kelm schmunzelte. „Wie gesagt, wir haben die Regeln nicht gemacht. Sie sind alle selbst schuld.“

Die meisten hier arbeiteten ohnehin zur Probe. Zwei Wochen lang schoben sie Pakete hin und her, rissen sich die Finger an den Kartons auf, krochen in Regale und torkelten durch die Halle, ziellos, wache Zombies, die bereits eine halbe Stunde nach Schichtbeginn erschöpft waren, vertrocknet, verbogen, innerlich wie äußerlich zum Reißen spröde. Sie hatten sich das alles ganz anders vorgestellt. Aber wie stellt man sich dieses Arbeiten schon vor, wenn man bisher nie ernsthaft gearbeitet hat.

Eine ehemalige Familienministerin wurde wegen eines falschen Artikels angeschnauzt. Dort hinten bekam ein pensionierter Polizeipräsident die Gummiknüppel zu spüren, die der Wachschutz laut Einsatzplan gar nicht dabei hatte. „Wir hatten nach dem Auffüllen mit zwei Bundestagsmannschaften noch etwas Platz“, erläuterte Kelm, „und die besonders renitenten Fälle, bei denen auch keine demokratische Rückbildung mehr half, die haben wir gleich integriert. Es muss ja auch jemand die Drecksarbeit erledigen.“ „Was ist das da für ein Geschrei?“ „Unser ehemaliger Innenminister“, winkte Kelm ab, „er beschwert sich schon wieder, dass er von seinem Helm auf Schritt und Tritt überwacht wird, obwohl er als braver Untertan doch nie eine Pause macht, nicht die Bahnen der Flurförderfahrzeuge kreuzt und regelmäßig seine Kollegen verpfeift, wenn die langsamer gehen, als die Vorschrift befiehlt.“ „Und, hat er damit Erfolg?“ Kelm schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Und ich weiß auch ehrlich nicht, warum er sich ständig beklagt. Wer nichts zu verbergen hat, muss doch auch nichts befürchten, oder?“

Unten zogen die Scharen vorbei. „Und man kann sie wirklich nicht mehr erreichen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nichts zu machen. Sie würden nach zwei oder drei Wochen Tagen aus dem Betrieb kommen wie aus einem Abenteuerurlaub: es war ein angenehmer Nervenkitzel, aber jetzt ist es vorbei.“ „Man muss sie in diesem Lager lassen?“ Kelm nickte. „Man hat keine andere Chance. Das geht auch schneller.“


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