Arm dran

7 03 2013

„Das wird man in Deutschland doch wohl noch sagen dürfen!“ „Hören Sie mal, wenn Sie hier irgendeinen rechtspopulistischen Scheißdreck absondern wollen, dann halten Sie besser gleich die Klappe.“ „Nein, ich wollte ja nur über die FDP…“ „Sagen Sie mal, sitzen Sie auf Ihren Ohren!? Ich sagte: kein rechtspopulistischer Scheißdreck!“

„Aber es geht doch um den Armutsbericht.“ „Sie sagen das so ironisch?“ „Warum, was ist denn daran ironisch?“ „Naja, das Ding heißt doch: Armuts- und Reichtumsbericht.“ „Und?“ „Nach dem, was man gesichert weiß, scheint Armut gar nicht vorzukommen.“ „Das wollte ich doch gerade sagen: ich prangere an, dass hier eine ganze Reihe von Wahrheiten schlicht nicht mehr gesagt werden. Das darf doch nicht sein!“ „Natürlich dürfen Sie immer noch die Wahrheit sagen. Die Verfassung nimmt sie in Schutz. Nur die FDP eben nicht.“

„Warum hat eigentlich die von der Leyen so vehement widersprochen, als man ihr lückenlos die Komplizenschaft nachweisen konnte?“ „Sie konnte ausnahmsweise mal nicht jemand anderen für ihren Müll verantwortlich machen oder Forderungen stellen, dass die Sozialministerin jetzt aber sofort ein Auge auf die Verfehlungen der Sozialministerin zu werfen habe.“ „Sie sagt ja, der größte Teil sei drin.“ „Man hat nur kurzfristig die Vorzeichen gewechselt, die Milchmädchenrechnung ist immer noch erhalten.“ „Deshalb hat sie die komplette Redaktion, die größtenteils aus ersatzlosen Streichungen bestand, dem Wirtschaftsministerium überlassen.“ „Das war nicht schwer. Wichtigere Dinge lässt sie immer gerne von kompetenteren Kräften erledigen. Also eigentlich alles.“ „Und sie gibt sich dieser Vorstellung von Zensur einfach so hin?“ „Immerhin die einzige Sache, mit der sie sich einigermaßen auskennt.“

„Es war in der Originalfassung zu lesen von knapp über viel Millionen Menschen…“ „Wie bitte!? Sie können doch dieses Pack, das für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss, nicht auch noch als Menschen bezeichnen.“ „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ „Lassen Sie das mit dem Populismus, letzte Warnung!“ „Gut, knapp über vier Millionen Wirtschaftssubjekte…“ „Schon besser.“ „… verdienen brutto weniger als sieben Euro.“ „Gut so.“ „Dass sie unter sieben Euro verdienen?“ „Die Bundesregierung sagt sich: Hauptsache Arbeit.“ „Und zahlt den Arbeitnehmern dann auch noch Stütze.“ „Es gibt halt immer noch Subjekte, die den Hals nicht voll kriegen.“ „Ich dachte, ich sollte nicht mehr von der FDP anfangen?“ „Pardon, aber so war das nicht gemeint. Wir können doch nicht jeden in Deutschland durchfüttern, der sich in Armut befindet.“ „Und was macht man damit?“ „Was man immer macht, wenn eine Behörde daran beteiligt ist. Die Armut wegdefinieren.“

„Im ursprünglichen Bericht hatte auch gestanden, dass die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend gewesen sei, die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren aber gesunken seien. Die Einkommensspreizung habe demnach zugenommen.“ „Das muss man doch rausnehmen, haben Sie etwa die Entschuldigung nicht gelesen?“ „Warum druckt man das nicht ab?“ „Dies verletze das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung…“ „Wie bitte!?“ „… und könne den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.“ „Das darf doch nicht wahr sein! Sie verschweigen das, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet, weil die Einkommensspreizung immer mehr voranschreitet, und geben als Entschuldigung an, dass sie die Bürger die Nachrichten nicht verkraften!“ „Richtig. Neoliberalismus heißt ja nicht nur, dass man die Bürger für dumm verkauft. Man lässt es sie auch wissen.“ „Würde das nicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden?“ „Jedenfalls nicht so sehr wie die Spreizung der Einkommen.“

„Darf man denn überhaupt noch von der Einkommensspreizung reden, oder ist das auch schon verboten?“ „Sie haben recht, das muss man in Neusprech ausdrücken. Das heißt jetzt strukturelle Verbesserungen.“ „Wieso strukturell?“ „Erstens ist das ein großartiges Schwammwort, und zweitens drückt man damit alles aus, was man selbst nicht beeinflussen kann, weil man nicht kapiert, an welchen Faktoren es hängt.“ „Gut, und was ist mit Verbesserungen?“ „Das stimmt ja auch. Oder sind Sie anderer Meinung?“ „Seit wann ist es eine Verbesserung, wenn die unteren Einkommen immer weiter schrumpfen?“ „Strukturell, ja? die unteren sinken ja nicht, sie steigen nur strukturell anders als die Spitzengehälter.“ „Wie anders?“ „Naja, negativ halt. Ist alles eine Frage der Interpretation.“ „Wo sind die Verbesserungen?“ „Man hat im Niedriglohnsektor so viele Möglichkeiten, durch tätige Solidarität unserem Staat finanziell unter die Arme zu greifen.“ „Wo, verdammt noch mal, sind die Verbesserungen!?“ „Bei den Reichen natürlich, oder was dachten Sie?“

„Wir haben also einen Vizekanzler, der den Arbeitnehmer, die ihre Miete nicht zahlen können, ein eigenes Haus empfiehlt.“ „Der Mann ist zu bedauern, das hätte er so gerne in den Reichtumsbericht geschrieben.“ „Das ist für den also gesellschaftlicher Zusammenhalt?“ „In einer Gesellschaft, wie sie sich der Vizekanzler vorstellt, hätte man ein Stück Menschenmüll wie ihn in der Gosse von Saigon verrecken lassen.“ „Pardon, das ist mir nun doch zu populistisch.“ „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen?“


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