Gesichtsverlust

13 03 2013

„Gute Idee, das trage ich gleich mal weiter. Damit könnten wir wahrscheinlich auch das Budget im Rahmen halten. Der Raab ist auf dem absteigenden Ast, der macht uns das für trocken Brot.

Politisch? Ach so. Konnte ich ja nicht ahnen, dass Sie eine politische Sendung machen wollen. Dann können Sie den Raab natürlich vergessen, der ist ja überhaupt nicht für solche Sachen – mit Moderation? Das ist nicht das Problem, das Problem ist, dass er zwischendurch redet. Ja, ganz schrecklich. Ich wusste, dass wir damit kein Format für die Öffentlich-Rechtlichen hinkriegen. Da müssen die richtigen Fachleute ran. Jauch zum Beispiel. Den können Sie über alles aus der Politik fragen. Ernsthaft, der hat von nichts Ahnung und zu allem eine Meinung. Der ist wirklich gut.

Naja, nicht für die ganze Familie. Nehmen Sie Gottschalk? Ja, wir hatten den im preiswerten – das mit dem Niedriglohnsektor haben Sie gesagt. Nicht ich. Aber es ist richtig, wir vermieten ihn jetzt gerne mal für die etwas einfacheren Formate, bevor wir seine alte Sendung einschläfern. Lanz? Nee, bloß nicht. Mit dem können Sie höchstens kleine Kinder erschrecken. Oder wollten Sie jetzt tatsächlich eine richtige Familienshow? Dann müssen wir eine Kamera verstecken, und Hape Kerkeling macht irgendwas. Also irgendwas halt. Seien Sie nicht anspruchsvoll, es ist immerhin Hape Kerkeling.

Der Yogeshwar macht doch diese Sendungen immer so schön. Dieses unglaubliche Dings der Dingsshows. Oder der Hirschhausen. Das ist doch genau die richtige Besetzung für Ihre – wie, was ist denn dann Bildung? Wollten Sie Schulfernsehen? Meine Güte, wir können doch nicht die ganze Zeit so tun, als wären wir intellektuell. Wollen Sie denn 24 Stunden am Tag Literarisches Quartett? Gut, wir könnten Ihnen Biolek vorbeischicken, aber der bleibt nie lange.

Also doch etwas Witziges. Wie witzig, wenn ich fragen darf? Naja, wir haben mehrere Kategorien. Es gibt witziges Sachen, solche, die witzig sind, die Sachen mit Witz, dann haben wir Witzsendungen – also mit Humor. Und welcher Art? Doch, das ist ein Unterschied. Es gibt die Sachen mit Humor, die humorvollen Sendungen, die etwas mit Humor zu tun haben, und dann – also Humor. Gut. Das hat ja mit Fernsehen nicht wirklich etwas zu tun. Wir könnten die Sendung natürlich durch ein paar Stargäste auflockern, die Witze erzählen, aber dann brauche wir den Rest nicht. Nehmen Sie doch Satire, da haben Sie Humor, und es ist etwas für die Bildung, und vielleicht Politik – nicht gut? Ich weiß, wir sind das im Regierungsfernsehen gewohnt.

Dann machen Sie doch Action. Friedman interviewt den Sarrazin, und Dobrindt kriegt von Joko und Klaas eins auf die Fresse. Warten Sie mal, mit etwas Glück haben wir die Rechte am letzten FDP-Parteitag, da ging’s ja richtig zur Sache.

Sport, klar. Sport ist immer gut. Formel 1, oder meinetwegen Fußball, das wird ja immer wieder gern genommen. Wir lassen dann den Hartmann kommentieren, und vielleicht kommen auch ein paar Sportler vorbei, wenn Sie Pech haben. Wenn Sie richtig Pech haben, kommt auch noch der Beckmann vorbei. Und wenn alles schiefläuft, auch noch der Kerner. Ja, ich weiß, wir sind nicht so wie früher. Uns kommen die Gesichter abhanden. Das ist irgendwie symptomatisch im Fernsehen. Permanenter Gesichtsverlust.

Dann machen Sie doch eine Tiersendung. Da können Sie auch irgendwie Umweltschutz und die Tourismusbranche und vielleicht wird es witzig und Sie haben etwas für Familie und – Wirtschaft? Mein Gott, was denn mit Wirtschaft!? Wir können doch diese ganzen Sozialreportagen schon gar nicht mehr senden! Entweder die DAX-Konzerne beschweren sich am nächsten Tag, dass wir zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt haben, oder wir haben Stress mit den Sozialverbänden, dass wir ständig turbokapitalistische Propaganda senden würden. Und dann die Werbung. Glauben Sie, wir machen uns bei den Unternehmen unbeliebt, wenn wir Sponsoren für Krimis und Fußball suchen?

Wie wäre es mit Feature? Sie können ja gerne eine Check-Sendung über Geflügelmastbetriebe machen, das ist auch politisch und mit Tieren, und Stargäste rein, und dann gewinnt ein Anrufer ein Cabrio, und dann – natürlich ist das für die ganze Familie. Aber dann kriegen wir vielleicht wieder Ärger mit den Umweltverbänden, weil wir die größten Schweinereien nicht gezeigt haben.

Dann lassen Sie Biolek eine kulturell wertvolle politische Show über Erstklässlerwissen produzieren, Gottschalk und Jauch moderieren um die Wette, Raab kriegt von Joko und Klaas aufs Maul, Deppendorf erzählt Witze, Co-Moderation Olli Kahn, und wenn Sie ganz genau hinschauen, dann sehen Sie, dass die Sendung von dem Geflügelmastbetrieb bezahlt wurde. Inklusive Cabrio.

Will er nicht. Ich weiß nicht, was mit den Leuten heutzutage los ist. Woher haben die bloß diese Ansprüche?“


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