Probieren geht über Studieren

26 03 2013

„Purrnacher Welkstöckle“, knirschte Bruno. „Ausgerechnet Purrnacher Welkstöckle – kann denn dieser Idiot nicht einmal etwas richtig machen!?“ „Ich habe doch genau den bestellt, den Du haben wolltest.“ Hansi zog die Stirn in Falten, während Bruno, den sie Fürst Bückler nannten, der große Küchenchef im Landgasthof seiner Väter, mit der Faust auf den Tisch hieb. „Aber doch nicht zwanzig Kisten für eine Weinprobe!“

Die Katastrophe schien perfekt. „Dreißig Gäste haben sich angesagt“, tobte Bruno, „dreißig Gäste, und anstatt, dass dieser Hornochse von einem Bruder je eine Kiste von zwanzig Weinen bestellt, ordert er einen Wein, und davon zwanzig Kisten!“ Ich langte nach der schlanken Bouteille. „Ein ganz passabler Riesling“, mutmaßte ich. „Gut zu einem Bachsaibling in Estragonschaum, nehme ich an.“ „Ausgezeichnet“, murmelte Hansi. „Aber das hilft uns jetzt nicht weiter!“ Brunos Schnurrbartspitzen zitterten bedenklich. „Wie soll ich eine Weinprobe machen, wenn ich nur einen Wein habe? Wie!?“ „Warte mal“, antwortete ich. „Wenn ich mich recht entsinne, dann ist mir Linda noch einen Gefallen schuldig.“ Hansi sah mich entgeistert an. „Wie kannst Du jetzt an diese Werbeagentur denken? Meinst Du, die Weinprobe kriegt man mit etwas Reklame weggezaubert?“ „Nicht weg“, kicherte ich, „hingezaubert trifft es eher. Ich muss mal eben telefonieren.“

Zwei Stunden später saß Linda, ihres Zeichens frisch gebackener Senior Art Director von Partner Partner Friends & Partner, mit Hansi in der Küche. Die Flaschen waren längst im Wasserbad gelandet. „Die Etiketten lassen sich leicht abziehen“, erklärte die Designerin, „und Du wolltest jetzt die Probeserie haben, die wir für den Wettbewerb im vergangenen Jahr gestaltet hatten?“ „Ein Etikett pro Kiste“, bestätigte ich. Bruno beobachtete die Sache genau. „Keine Ahnung, was Du vorhast, aber ich vertraue Dir.“ Ich klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Wird schon werden.“

Die ersten Gäste trafen ein, unter ihnen Generaldirektor Hutzke und andere Weinfreunde. „Der da“, stieß Hansi mich an. „Der junge Staudinger, er hat gerade den Laden von seinem Vater übernommen.“ Dies war ein alteingesessenes Delikatessengeschäft, das der Urenkel des Gründers nun weiterführte, die Ware bleib gleich, nur die Preise wurden fürstlich. „Er wird wieder so tun, als hätte er Ahnung vom Wein.“ „Sie sind also“, eilte Generaldirektor Hutzke auf mich zu, „und heiße Sie herzlich willkommen, Herr äääh…“ Hansi rollte mit den Augen. Gut, dann sollte es so sein.

Kaum hatten wir Platz genommen, kredenzte der Sommelier den ersten Tropfen. „Wupperburger Brüllaffe“, sagte er an. Leicht und goldig glänzte der Wein im Glas, und während die anderen noch rochen, hub ein Herr im rostroten Anzug schon an. „Ein pikantes Bukett, geschmeidig, aber noch nicht groß.“ Die anderen nickten beifällig und kosteten. „Säuerlich“, grunzte Staudinger vorlaut. Schmerz durchzuckte die anderen Gäste; der Herr in Rostrot kniff die Augen zusammen. „Ganz leichter Grünton und eine grasige Note“, befand er. „Kurz im Abgang, noch keine Rasse und kaum Spiel.“ „Meine Güte“, platzte der Feinkostfritze heraus, „wenn Ihnen der Weißwein nicht passt, dann bestellen Sie sich doch eine Flasche Bier.“ Betreten sahen die Herren auf die Tischdecke.

„Gurbesheimer Knarrtreppchen.“ Geschickt hatte Hansi die Situation wieder ins Reine gebracht. Ein Kahlkopf mit mächtigem Seehundsschnäuzer gurgelte den Riesling weg. „Schön“, sagte er kurz und knapp, „nicht mehr, aber schön.“ „Wie kann ein Wein schön sein“, äffte der Juniorchef dazwischen. „Wollen Sie den heiraten?“ Schon setzte der Kahle zu einer Rechtfertigung an, doch ein halbes Dutzend Blicke zeigte ihm, dass es keinen Zweck hätte. „Schön“, bestätigte ich, „das Sortenbukett ist gut umgesetzt, noch nicht so spritzig wie die letzten Jahrgänge, aber durchaus nicht eckig.“ Staudinger glotzte. Der Rostrote nickte mir zu. „Ich finde ihn schon ein bisschen lebendiger als den letzten.“ „Sehr leicht“, sekundierte ein anderer. „Noch eine feine Apfelnote, dann wäre es perfekt.“ Langsam bildete sich ein Graben.

Drei Rieslinge später – einer davon mit üblem Böckser und einem unangenehmen Möpseln, recht brandig – lobte Generaldirektor Hutzke den Furtheimer Eselstall. „Das nenne ich adelig, ein Wein von durchaus diskretem Charakter.“ „Und so feinnervig“, attestierte der Glatzkopf. Staudinger goss sein Glas in sich hinein und fixierte mich. „Was verstehen Sie eigentlich vom Wein?“ „Das wollte ich gerade Sie fragen“, schoss ich zurück. „Immerhin“, stieß er hervor, „verkaufe ich das Zeug in meinem Laden, hören Sie? In meinem Laden!“ Indigniert schob Hansi ihm ein sauberes Glas auf den Tisch. „Sie labern doch hier nur von Abgang und Gemöpsel und haben gar keine Ahnung!“ Ich faltete die Serviette und zupfte ein Stückchen Brot auseinander. „Sie erkennen Weißwein an der Farbe, wenn’s hoch kommt, aber damit erschöpfen sich Ihre Kenntnisse. Verschwinden Sie, Staudinger. Sie haben hier nichts verloren.“ „Ein echter Kenner würde jeden großen Wein erkennen“, bestätigte der Kahle. „Aber Sie?“ Die anderen nickten beifällig.

Da reichte ich Hansi mein Glas. „Ich biete Ihnen eine Wette an, Staudinger. Herr Bückler wird mir einen beliebigen Wein aus seinem Sortiment zum Verkosten geben, und ich Ihnen sagen, welcher es ist. Und dann will ich Sie hier nie wieder sehen.“ Er grinste. „Soll ich mir die Augen verbinden?“ „Nee“, meckerte der Delikatessenkrämer, „das schaffen Sie ja auch so nicht.“ Ungerührt stellte Hansi mir das Glas auf den Tisch. „Topp!“ Ich roch. „Ein ganz rundes Bukett, leicht herzhaft, aber in sich stimmige Fruchtnoten.“ Offensichtlich langweilte er sich. „Er hat Körper“, schmatzte ich, „aber auch einen beschwingten Abgang mit einer durchaus knackigen Restsäure.“ „Na und?“ Immer nervöser beobachtete er, wie ich die blasse Flüssigkeit im Glas bewegte. „Ein vornehmer Tropfen, die Rasse zeigt sich spät, aber sie ist ungemein ausdrucksvoll. Ich tippe auf einen – warten Sie, diese weiche Andeutung von schwarzer Johannisbeere – eine gute Scheurebe ist das, recht typisch.“ „Jetzt gilt es“, sagte der Kahle tonlos. „Ich bin mir über den Jahrgang noch nicht sicher“, sinnierte ich und roch ein weiteres Mal. „Doch, es muss ein Purrnacher Welkstöckle sein. Kein Zweifel.“ Hansi lüftete die Serviette und zeigte die Flasche. „Staudinger“, sprach er mit kalter Höflichkeit, „Sie wissen ja, wo die Garderobe ist.“

Bruno rieb sich die Hände. „Den sehen wir nie wieder.“ Ich blickte mich um. „Wo ist eigentlich Hansi?“ Bruno rückte sich das Halstuch zurecht. „Hinten im Büro. Er musste gerade einmal telefonieren.“ Mir schwante etwas. Da war er, der Servicechef, und drückte sich verstohlen an der Küchentür vorbei. Als könnte er meine Gedanken lesen, drehte er sich auf dem Absatz um. Doch ich hatte die Tür schon aufgestoßen und versperrte ihm den Weg. „Was hast Du jetzt wieder ausgeheckt?“ Er schaute betreten zu Boden. „Ich hatte da nur so eine Idee“, murmelte er. „Für die Weinkarte.“


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2 responses

26 03 2013
lamiacucina

war wirklich Scheurebe in der Flasche ? auf dem Etikett steht doch Riesling. Ein Fall für die Gewerbeaufsicht.

26 03 2013
bee

Normalerweise kündigen die beiden Herren sich immer rechtzeitig an und ziehen dann befriedigt mit zwei Kistchen wieder ab. Eine Scheurebe, ein Riesling.

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