Vatermutterkind

4 04 2013

Der Beamte legte die beiden Aktendeckel mit sanfter Akkuratesse auf Kante. Dann rückte er den Bleistift gerade und zog ein frisches Formular hervor. „Hochzeitsvorbereitungen“, informierte Ruckteschel mich. „Ich muss etwas aufpassen, damit ich nichts verwechsle. Die Braut nimmt den Namen der Braut an.“

Gustav Ruckteschel hatte noch ein paar Jahre vor sich, doch galt er als erfahrener, vorbildlicher Standesbeamter. „Diese neuen gesetzlichen Regelungen sind etwas verwirrend, aber sie bringen uns endlich weiter. Kein Wunder, dass dagegen demonstriert wird.“ Er schien meine Frage schon zu ahnen, jedenfalls hatte ich gar nicht erst Zeit, sie zu formulieren. „Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie die Bevölkerung auf Rechtsvorstöße reagiert. Und dabei geht es noch nicht einmal um bedeutsame Dinge, sondern nur um die Banalität, ob man zum Heiraten zwingend Mann und Frau sein muss. Lächerlich.“ Er bügelte sorgfältig ein Eselsohr flach. „Und dabei haben wir es eigentlich mit einer zivilrechtlichen Einrichtung zu tun, in die erst die Kirche ihre Nase gesteckt hat, als sie sie in allem anderen schon längst drin hatte.“ Noch sträubte sich die Ecke, aber Ruckteschel ließ nicht locker.

„Und dann haben wir ganz nebenbei unsere alternativlose Bundesregierung dazu gebracht, dass sie sich in einem Paradoxon verrennt.“ Er blickte mir missbilligend dabei zu, wie ich ein Formular in die Hand genommen hatte; sicher würde ich es nicht regelkonform auf den Stapel zurücklegen. „Sie hat zwar die Ehe als Keimzelle des Staates zu etablieren versucht – früher war das die Familie, da waren noch Reste von Aufklärung am Werk – allerdings hat sie die Alleinerziehenden als Wähler entdeckt und musste sich logischerweise selbst widersprechen. Das wäre sonst kein Problem, nur hier wird es etwas schwierig. Was macht man mit denen?“ Ich wusste es nicht; tröstlich, dass auch er es nicht wusste. „Zwangsverheiraten geht nicht, auch keine Zwangsbeelterung des Alleinerzogenen, aber das wäre ja nicht das rechtsdogmatische Problem.“ „Und was wäre dies?“ Er holte tief Luft. „Man müsste ihnen die Kinder wegnehmen. Aber das kriegt selbst diese Regierung nicht zustande.“

Behutsam leerte Ruckteschel den Inhalt des Bleistiftanspitzers in den Papierkorb. „Das ist doch eine wesentliche Verbesserung gegenüber der bisher geltenden Vorschrift, oder?“ Er schaute kurz auf, wiegte dann aber bedenkend den Kopf. „nicht für alle. Schauen wir uns diesen Fall an.“ Er zupfte einen blauen Aktendeckel aus dem rechten Stapel. „Alois und Therese Gschwürlpointner waren trotz anderslautender Versicherungen auch innerhalb der Dreijahresfrist nach der Eheschließung nicht Eltern geworden, daher haben wir sie vor die Wahl gestellt. Eine Möglichkeit, da die Ehe nach Ansicht der bayerischen Regierungsbestandteile ja in besonderem Maße der Sicherung des Fortbestandes der Bevölkerung dient, eine Möglichkeit ist die Sanktion, was dem bekannten Denkschema der konservativen Parteien entspricht. Läuft irgendetwas nicht so, wie es gedacht war, finde jemanden, der sich nicht wehren kann, und bestrafe ihn dafür, dass er keine Möglichkeit hat, sich zu wehren.“ Ich runzelte die Stirn. „Sie erhängen also Geldbußen für Kinderlosigkeit?“ Ruckteschel lächelte. „Aber nein. Wir gruppieren beide wieder in Steuerklasse I ein. Nur eine dauerhafte Strafe ist wirksam, wenn man die eheliche Moral verteidigen will.“ Er legte eine stählerne Reißschiene an der Tischkante an – alles war noch immer rechtwinklig, keine Gefahr. „Trotzdem haben wir den Eheleuten Gschwürlpointner natürlich eine Möglichkeit gelassen, sich zu rehabilitieren. Sie hatten die Möglichkeit, ein Waisenkind zu adoptieren.“

Sorgsam rührte er den Tee um, bis sich keine erkennbare Spur von Zucker mehr in der Tasse wahrnehmen ließ. Es ergab ein vollkommen einheitliches Gemisch. „Und Sie sind wirklich sicher, dass das eine gute Lösung ist?“ Er nickte entschieden. „Sie haben ja gehört, was das Bundesverfassungsgericht zu Adoptionen geäußert hat. Auch gleichgeschlechtliche Paare dürfen nun Kinder des jeweils anderen annehmen. Man mag es für eine unzulässige Parallele halten, aber ich würde das Grundgesetz doch so interpretieren.“ Fragend blickte ich ihn an. „Es gibt keinen Grund, sie von der Adoption eines Kindes auszuschließen. Sie besitzen dieselben Recht wie alle anderen Menschen. Selbst dann, wenn es sich um Bayern handelt.“

Millimetergenau lochte Ruckteschel den Durchschlag der handschriftlich ausgefüllten Unbedenklichkeitserklärung, die nach menschlichem Ermessen innerhalb der nächsten zehntausend Jahre kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen würde. „Wir haben ihnen also ein Kind zur Adoption zugeteilt – wie gut, dass sich endlich nicht mehr reiche, ältere Paare ein Kind besorgen können, weil man die jungen Leute solange mit Papierkram ausbremst, bis sie angeblich zu alt sind, Kinder zu erziehen – und sie haben sich beschwert. Einen Neger, sagte Herr Gschwürlpointner, den wolle er nicht. Er hat sich damit für die höhere Steuerklasse entschieden. Lebenslang.“

Nach drei Kontrollen war Ruckteschel davon überzeugt, dass er den Kugelschreiber weglegen konnte. „Übrigens“, kicherte er, „ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Kanzlerin keine Kinder hat?“