Gernulf Olzheimer kommentiert (CXC): Die Fachkräftelüge

5 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unter gewissen Umständen – präpubertäres oder seniles Alter, erhöhte Blutalkoholkonzentration, religiöse motivierte Bewusstseinseintrübungen, hormonelle Aussetzer – mag die Signalverarbeitung unter der Kalotte des Hominiden nicht so gut sein wie sonst. Vereinzelte Exemplare neigen zu noch größeren Fehlleistungen, indem sie etwa Menschen nach Hautfarbe sortieren. Der durchschnittliche Depp schaltet den Denkapparat schon ab, wenn er weiß, dass er von echten Experten belehrt wird, klugen Typen, die so klug sind, dass sie ihre Klugheit gar nicht erst mehr unter Beweis stellen müssen. Die verkünden dann ewige Wahrheiten: Frauen können nicht Auto fahren, Spinat enthält Eisen, und Deutschland steht kurz vor dem Kollaps. Wegen des Fachkräftemangels.

Denkste. Wenn auch mediale Quakverstärker den Sums bis zum Ohrenbluten von sich geben, es wird durch Wiederholung und Lautstärke nicht wahrer, was die Vorzeigehonks der neoliberalen Sekte an Brauchtumsterrorismus veranstalten. Nichts davon lohnt sich aufzuschreiben, nichts davon zu merken für die Geschichte. Der Popanz wird aufgeblasen, damit man der Menge zeigen kann, wie ein aufgeblasener Popanz aussieht – die angemalte Hülle über etwas Heißluft. Und schon schwiemeln sich interessierte Kreise aus Lüge und Ideologie, wo auch immer der Unterschied bestehen mag, ein politisches Kampfinstrument zurecht. Früher hat man uns wenigstens noch erzählt, bald käme der Russe, um uns das Dosenbrot zu klauen, aber man ist ja heutzutage schon recht zufrieden mit dem Kleckerkram, den uns die Parlamentaster vor die Füße schmeißen.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Die Glasbläser von Murano, die Besten der Besten, sie wurden waren Gefangene auf ihrer Insel; jeder Fluchtversuch hätte zugleich ihre ganze Familie ins Verderben gestürzt. Wenig später erfand man den Kapitalismus und ging dazu über, Arbeitnehmer durch kleine Vorzüge auf ihrem Posten zu halten: Dienstwagen, größerer Schreibtisch, Schlüssel zum Privatklo, öffentliche Demütigung von Kollegen. In entarteten Zeiten müssen Manager mit sehr viel Geld geködert werden, um ganze Firmengruppen zu ruinieren und Steuermilliarden zu verbrennen. Man bemüht sich so oder so, immer wird der Markt von sich aus aktiv, um die Spezialisten an sich zu binden. Man heißt den Investmentbanker nicht zu gehen, sollte er im Drogenrausch exorbitante Gehaltsvorstellungen hervorlallen, man lässt ihn nicht einfach bei der Konkurrenz ein paar hundert Existenzen in die Scheiße reiten. Man ist da doch besorgt um den guten Ruf. Bevor aber das Gerücht aufkommt, dies gelte auch für wirklich relevante Gruppen wie Krankenschwestern und Klempner, es handelt sich um eine Schwimmhilfe, um über den Schwefelsee zu kommen. Nichts Sinnvolles.

Denn das Geschwafel vom fehlenden Personal ist nichts als Schwachsinnsbulimie, doppelt gekaut und frisch über die Stammtische gewürgt. Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht die Arbeitskraft, sondern die Entkräftung der Arbeitenden. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt erzeugt den wünschenswerten Zustand, nämlich eine möglichst große Auswahl zwischen qualifizierten Bewerbern, die jedoch nur dann zur Verfügung stehen, wenn es immer genug Arbeitslose gibt. Und schon befindet sich ein System in Widerspruch zu sich selbst. Die Arbeitgeber versprechen ausreichend Arbeit, wenn der Gesetzgeber für ausreichend Arbeitslosigkeit sorgt. Es sind, man sieht’s, qualifizierte Kräfte am Werk. Logisch denkende Menschen hätten diesen Hirnplüsch nicht ohne Schädelimplosion erzeugt.

Öffentlich schwabbert die Lobbyeska wieder von den Ausländern (die im Wahlkampf dann rausgeschmissen werden müssen, weil sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen und die Renten und die Kitaplätze, die es aber eh nicht gibt), die man ins Land holen müsse, statt deutsche Schulabsolventen schlicht auszubilden. Ausländische Abschlüsse anzuerkennen ist aber kostspielig, langwierig und angesichts der perfektionierten Bürokratie eine lästige Unterbrechung des Gejammers. Wozu also das Geweine? Für die Galerie, die es noch glaubt.

Längst stolpert der Abbau der Qualifikation fröhlich nach vorne, wir schaufeln uns den Abgrund im Alleingang. Es werden durch Frühverrentung und das immer schnellere Ausscheiden arbeitsloser Ingenieure mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt getreten, als Hochschulabsolventen je eingestellt würden. Wer sich die Pulsadern aufnagt, braucht wohl nicht über Blutverlust zu jammern. Dazu schickt die Politik ebenjene Ingenieure in die Frittenbude, anstatt sie durch Zusatzqualifikationen und fachspezifische Tätigkeiten auf der Höhe der Zeit zu halten – die Verwaltung nimmt billigend in Kauf, dass Arbeitslose zu einem nachwachsenden Rohstoff werden. Sie sitzen in Mangelhaft.

Es fehlen keine Fachkräfte, es fehlt Personal, das für immer weniger Geld qualifizierte Arbeit leistet. Wer viel Geld dafür bekommt, steht nicht zur Verfügung. Meist leistet er unqualifiziertes Zeug dafür. Unter gewissen Umständen ist das ja durchaus erwünscht.


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