Doppelspitze

8 04 2013

„Aber sagen Sie das bloß nicht weiter. Wenn sich das rumsprechen sollte – nicht auszudenken! Vor allem in Europa. Eine Kanzlerin wie Merkel, das geht ja noch. Aber zwei? Das gibt ein Drama!

Das ist so weit korrekt, wir haben die Kanzlerin verdoppelt. Technisch war das kein Problem, so viel Substanz war das ja wohl nicht beteiligt. Wir haben dann so eine quantenphysikalische Sache gemacht, da brauchten wir was dunkle Antimaterie, oder wie das Zeug heißt – so ganz genau hat das keiner verstanden, aber es scheint zu funktionieren. Ist ja bei der Eurokrise dasselbe. Und nun haben wir eben eine Bundeskanzlerin. Und noch eine.

Es hat so seine Vorteile. Bei dem Arbeitspensum einer Regierungschefin, in Italien Urlaub machen und zwischendurch das deutsche Rentensystem schleifen, das ist schon recht aufwendig. Und dann müssen Sie ja auch mal diese Mehrfachbelastung sehen. Bundeskanzlerin und CDU-Chefin und Außenministerin und Europas Vorstandsvorsitzende und dann noch die Merkel sein, das schafft doch sonst keiner. Wirklich, damit hat sie einen großen Vorteil.

Es hatte ja erst wieder eine Riesendiskussion gegeben, ob man das machen darf. Therapeutisches Klonen, Sie wissen schon. Aber irgendeiner hat dann gesagt, letztlich hilft es auch der Wirtschaft. Da ging’s dann plötzlich sehr schnell. Sie wissen ja, was der Wirtschaft nützt, das ist gut für die Partei, und was der Partei nützt, ist sicherlich auch von Vorteil für die Wirtschaft. Bevölkerung, wollte ich sagen, Bevölkerung.

Es bestand nämlich eine gewisse Nachfrage, müssen Sie wissen. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, es mit zwei Merkels zu probieren, die den unterschiedlichen Erfordernissen des politischen Geschäfts Rechnung tragen. Die Deutschen wollen eine Regierung, auf die sie schimpfen können, weil das Land vor die Hunde geht – kriegen sie die Merkel. Dann wollen sie aber auch eine Kanzlerin, die sie bewundern können, weil sie nichts macht. Kriegen sie halt die andere Merkel. Damit schafft man langfristig Vertrauen in die Regierung. À propos Regierung, die eine Merkel kündigt den Deutschen an, sie hätte die beste Regierung seit der Wiedervereinigung. Die andere Merkel hat dann das amtierende Kabinett. Wie finden Sie das? Die eine Merkel brockt uns die ganze Zypernkrise ein, die andere Merkel wird dafür gelobt, dass sie sie so gelassen und kompetent aussitzt.

Oder nehmen Sie die innenpolitischen Themen. Die eine Merkel verspricht den NSU-Opfern, dass wir jetzt aber auch ganz bestimmt viel toleranter sind und gar nicht mehr so sehr auf diese ganzen Ausländer schimpfen wollen. Die andere Merkel pöbelt dann gegen die faulen Griechen, die ihre Milliardenkredite nicht zurückzahlen wollen und lieber vom Arbeitslosengeld leben. Schauen Sie, ohne diese Doppelspitze gewinnt man heute einfach nicht mehr die Lufthoheit über den deutschen Stammtischen.

Aber mal so ganz unter uns: woran ist es Ihnen eigentlich aufgefallen? Dass sie quasi überall ist? In der CDU und mal liberal und mal konservativ und mal christlich-sozial – die steht plötzlich hinter ihnen, und zack! sind Sie entweder erledigt oder Bundespräsident. Oder beides. War es das? Oder dass sie Westerwelle so gut erträgt? Ja, das war schon während der Koalitionsverhandlungen der entscheidende Vorteil, länger als drei Minuten hält dieses Geschwabber doch kein Mensch aus, und nach drei Minuten haben wir sie ausgetauscht. Fiel keinem auf, dem Westerwelle schon gar nicht. Der kriegt von Sachen, die außerhalb seiner Vorstellung stattfinden, nur in Ausnahmefällen mit, deshalb ist er ja auch der beste Außenminister seit – auch nicht? Ah so. Ja, das macht Sinn. Diese moralische Flexibilität, die ist so einfach auch gar nicht zu schaffen. Das muss man erstmal hinkriegen. Da hat sie natürlich die Nase vorn. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt, und wir müssen damit rechnen, dass das in verschiedenen Weisen sich wiederholen kann. Hat sie gesagt. Und das gilt dann auch. Meistens. Nach den Wahlen.

Ja, das zieht Kreise. Wird auch langsam etwas gefährlich, weil man ja nie weiß, wann es aufkippt. Beispielsweise das mit der Gleichstellungspolitik. Die eine Merkel findet das Grundgesetz scheiße, die andere findet das Grundgesetz nur solange scheiße, bis das Bundesverfassungsgericht sie zwingt, es anzuerkennen. Wieso das ein Problem ist? Denken Sie immer daran, dass wir in einer Art Demokratie leben, die auch ein Markt ist. Oder auf einem Markt, der sich für eine Demokratie hält. Man verliert Wählerstimmen, Marktanteile, wollte ich sagen, Marktanteile, man verliert Marktanteile mit einer einseitigen Strategie. Stellen Sie sich mal vor, die Klimakanzlerin hätte irgendwann gesagt, dass sie das mit der Energiewende wirklich ernst meint. Das kann man doch keinem zumuten! Und genau da kommt die zweite Merkel ins Spiel.

Wir haben einen Wartungsvertrag mit dem Institut abgeschlossen. Wenn das Double nicht mehr funktioniert, bekommen wir kostenfreien Ersatz. Oder ein Austauschmodell, bis bei dem alten die Quanten wieder geradegebogen sind. Ob das klappt? Ich habe so meine Zweifel. Das letzte sah aus wie Peer Steinbrück.“


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2 responses

8 04 2013
lamiacucina

Die Quantenphysik ist noch nicht so weit. Ich vermute eher einen natürlichen Vorgang. Wie z.B. die aus dem Tierreich bekannten Farbänderungen von Chamäleons. Deren Farbwechsel dient nicht nur der Tarnung in Gefahrensituationen, sondern auch zur Kommunikation mit Artgenossen. Die wechselweise rote, grüne, gelbe oder schwarze Merkel, liesse sich mit diesem Phänomen erklären.

8 04 2013
bee

Aber es muss da gewisse Tunneleffekte geben, sonst besäße sie nicht diese geradezu mystische Fähigkeit zur Allgegenwart.

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