Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCI): Das Geschummel

12 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In inniger Kameradschaft gingen sie ins Dickicht, Ngg und Rrt, je ein Hominide und ein Speer, um ihre Familien einigermaßen satt zu kriegen an einem verregneten Wochenende in der Mitte des mittleren Mindelglazials. Nach den üblichen Formalitäten eines Jagdausflugs – Besänftigen von Gattin und Sippe, kurze Beschwörung mit Springtanz, Höhlenmalerei für zwei Personen plus Opfer am Grab der Ahnen – hatten die beiden ihre Wurfgeräte ins Grün geschlenzt, wohl wissend, dass sie irgendwo schon stecken bleiben werden. Gemeinsam stolperten sie in Wald hinein, stöberten und suchten, und schließlich fand Ngg die beiden Waffen. Dass des Gefährten Instrument einen kapitalen Keiler perforiert hatte, seine eigener Spieß jedoch nur ein Rotkehlchen an die Baumrinde gepiekt, das ließ sich leicht korrigieren. Man hätte es schon an diesem Tag ahnen können, die Menschheit würde nicht schwindelfrei sein.

Sicher ist das Geschummel, die mildeste Form der Neuinterpretation real existierender Zustände, eine allgegenwärtige Erscheinung. Grützbirnen hocken in den Grundschulen und pinnen in der Mathearbeit vom Nebensitzer ab, beim Blindekuh-Spielen luschert der aufgeweckte Knabe und hofft auf den Wettbewerbsvorteil, und wer würde beim Mikado nicht zufällig niesen müssen. Vorwürfe sind sinnlos, zwecklos, ziellos, denn sie tun es alle, nicht aus Boshaftigkeit, sie sind nur geistig nicht reifer geworden als die Pleistozänprimaten, obzwar sie erkennen müssten, dass sie aus nichtigeren Dingen und also überflüssig die Wirklichkeit verbiegen. Wo es um Brot und Rosen geht, mag man die Meute foppen, doch wer würde plump den Würfel drehen, um noch drei Felder vorzurücken? Dissozial zu sein erweist sich weder im Erfolg der Lüge noch in ihrer Wirksamkeit. Sie leiert die Grenzen aus, doch wo ist der Kläger?

Nun lügt man in selteneren Fällen auch aus reiner Höflichkeit, was kaum das Aufkommen eines Betrugs aus Eigennutz besitzen dürfte; nicht selten schwindeln sich Damen in Erwartung geheuchelter Höflichkeiten das Alter zurecht, stopfen sich Körperpartien aus oder schwiemeln sich andere mit Hilfsmitteln aus Ackerbau und Viehzucht an Stellen, an denen die Anatomie mit ihnen nichts anfangen kann. Der öffentliche Konsens, dass derlei fassadentechnische Manöver zum Allgemeingut der psychologischen Kriegführung wie auch des Paarungsverhaltens zu rechnen sind, er wiegt uns in Sicherheit, weil alle es tun und die Welt sich gleich bleibt, wenn keiner einen nennenswerten Vorteil daraus zieht, wo die Körperoberfläche des Beknackten der Schwerkraft folgt. Interessant ist, dass sämtliche Anwendungen der Täuschung von Balz bis Brettspiel sich nie als solche verstehen würden, denn wer gäbe schon zu, dass er löge, abgesehen von den Kretern.

Allenfalls als Diplomatie hat sich die Heuchelei einen gesellschaftlich relevanten Stellenwert geschaffen, und man braucht sie zur Aufrechterhaltung aller Art von Religion, wobei zu bedenken wäre, dass die Religion in ihrer organisierten Form selbst alles daran zu setzen meint, die Lüge zu stigmatisieren. Sie geht einen Labilitätspakt ein, und zwar mit sich selbst; bedauerlich, dass die Gesellschaft mit in diesen Morast gezogen wird.

Wo immer aus den hinlänglich bekannten Motiven getrickst und getäuscht wird, gibt sich der Bekloppte nur in einem Fall den Anstrich, ein notorischer Schummler zu sein, nämlich da, wo er aus niederer Gesinnung Betrug und Beschiss als bloße Schönfärberei auftischt. Dort, wo der naive Kurzstreckendenker sich die vereinfachte Variante des Seins mit intellektuellem Sperrmüll einrichtet, um nicht zu komplizierte Dinge unter der Kalotte zu transportieren, kommen die kognitiven Querschläger der scheinbar Schuldfreien gar nicht vor. Bunkert der durchschnittliche Arbeitnehmer den Flaum oberhalb der Lohnpfändungsgrenze je in finanztechnisch optimierten Feuchtgebieten? Zockt er sich akademisches Gemüse vor den Namen, um leichter an Tätigkeiten zu gelangen, in denen er nicht mit Erwerbsarbeit belästigt wird? Fädelt er mit Hilfe von Pferd und Gammelfleisch arglistigen Bluff ein, um den Kunden abzuziehen, der dann die Folgen des organisierten Erbrechens zu tragen hat? Wo immer die Mischpoke ertappt wird, sofort wird sie Gründe häkeln, warum ein kleines bisschen Steuerhinterziehung nicht so schlimm ist, weil die Kinder schließlich alle nach Weihnachtsgeschenken auf dem Dachboden gucken.

Die moralischen Grenzwerte bricht man am wirksamsten nieder, indem man sie biegt, bis sie geschmeidig genug sind. Ähnlich wäre es nichts als Wahrlügen, den Mord zu legalisieren, weil man unbedacht auch ein Ungeziefer aus dem Fenster schnipst, und nicht anders hat das Gefolge des Bettnässers aus Braunau dies auch praktiziert. Nicht abzustreiten ist, dass ihre Rechts-Nachfolger es bis heute auf dieselbe Art versuchen. Und es hat sein Gutes, dass sie es einfach nicht aufgeben. Denn je mehr man das Volk belügt, desto eher wird es die Wahrheit verstehen. Auch wenn es vorübergehend zu einem Engpass an Spenderorganen kommen sollte.


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