Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCIV): Die akustische Tapete

3 05 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sanft säuselt der Wind durch die Föhren. Aufreizend leise knirscht der Kies unter Nggrs Fuß, als er im Morgenlicht die Eigentumshöhle verlässt, um sich den ästhetischen Herausforderungen des beginnenden Tages zu stellen. Flüsternd tropft der Regen auf das Blätterdach, hell plätschert der Bach hinter dem Felsvorsprung, das akustische Profil jener Epoche lässt im hörbaren Raum noch genug Platz, um die Eindrücke in jene Schubladen zu sortieren, die Kant dermaleinst als apriorisch vorhandene begreifen wird. Leiser Tierlaut ist nicht nur als solcher merklich, der Hominide rafft auch ad hoc, ob es sich um Kohlmeise, Dompfaff oder Säbelzahntiger handelt, und gestaltet seinen Tagesablauf dementsprechend. Die Welt war noch in Ordnung. Es gab noch Stille, und man musste nicht erst die Fresse halten, um sie als solche wahrzunehmen.

Das Gegenteil ist die akustische Tapete, die unsichtbar, aber nie zu überhören an den Wänden der uns umgebenden Architektur klebt. Nicht die sich wandelnden Geräusche von Transport und Verkehr, nicht Pferde und Straßenbahnen, Diesel und Mofa zersägen den Wechseldruck zwischen den unschuldigen Molekülen, es ist jener absichtsvoll als Ästhetisierung des Nichts konstruierte Baggermatsch, der in den Neocortex suppt und dort bleibende Schäden hinterlässt durch die mähliche Erosion des Geduldsfadens. Nicht ganz so schmerzhaft wie Jodeln, weniger prägend als der erste Körperkontakt mit den Bassboxen der Schülerdiskothek, und doch sind hier nicht minder schwere Verstümmelungen zu erwarten. Denn es handelt sich um ein Pendant zur weißen Folter: die Spuren sind hinterher nicht nachzuweisen, allein die abnorme Verhaltensänderung des Delinquenten lässt auf den Einsatz inhumaner Methoden schließen.

Die Zerrüttungbeschallung setzt ein mit dem Betreten des ersten Konsumtempels, in dem das Trallala und Ufftata als Dauerschleife aus den Trichtern sickert. Hier mag man noch geneigt sein, die Schlagerschwallmasse als Trägersubstanz der ansonsten an den Zähnen schmerzenden Werbung zu akzeptieren; was dort intellektuell an der Grasnarbe hobelt, bedarf zwischendurch eines entspannenden Kontrastes, um den Käufer nicht gleich wieder aus dem Supermarkt zu kärchern. Doch schwiemelt sich das Schallalu ins Innenohr, dann pfropft es wie Bauschaum die letzten Hohlräume der Hasenhirnverkleidung aus. Kein vernünftiger Laut dringt mehr nach innen, keine natürliche Regung wird mehr durch den Klang der Eigentlichkeit ausgelöst – längst hat die Kulturindustrie zugeschlagen mit dem silbernen Hämmerchen, das die Reflexe testet. Günstig, der Fluchtreflex ist bereits lahmgelegt, sonst ließe sich auch der am härtesten gesottene Koksgnom keine ganze Sekunde lang im musikalischen Rieselfeld mit Bröckchen beschmoddern.

Phänotypisch ist alles nichts als ein organisiertes Komplettverdeppungsgeräusch. Ein Endlosband mit dem Besten der 80er, 90er und den widerlichsten Nervbolzen der Jetztzeit liegt an, um spätestens nach zweieinhalb Stunden den standhaftesten Probanden in die schizoide Psychose zu entlassen. Aus den Aufzügen, im Wartebereich, zwischen den Kleiderstangen, im Wartezimmer von Zahn- und anderen Nervenärzten, in der Lobby und bei sämtlichen Lobbyisten lallt uns das an, die Musik zum Weghören – wie aus der Sprühdose pufft es künstlich und falsch konzentriert in den Äther. Ist das die subliminale Botschaft, die uns Muzak in den Denkglibber pflanzen möchte? Und was, wenn er nicht wahr ist?

Vereinzelt haben Wissenschaftler sich dem auditiven Brackwasser genähert, ohne degenerative Symptome auszubilden; sie haben weder vermehrt Popcorn in die Figur gepanzert noch koffeinhaltige Zuckerplempe geschlonzt, die meisten haben es mit einem mittleren Anfall von Übelkeit hinter sich gebracht. Nicht einmal die Tatsache, dass Musik an sich dazu gedacht sei, die beschissene Existenz auf diesem Planeten metaphysisch halbwegs erträglich zu gestalten, bringt sie ins Schleudern. Sie konstatieren einen gleichförmigen Schalloutput ohne jeglichen künstlerischen Brennwert, vom Informationsgehalt durchaus in einer Liga mit dem Testbild oder dem perennierenden Freizeichen in der Telefonleitung. Der Nasenflötenindio neben den kackenden Lamas scheint demgegenüber fast als kulturelle Bereicherung.

Warum also dieser Dauerbeschuss in Dur, warum das Konditionieren einer ganzen Population auf drittklassiges Genödel? Es kann nur eine rationale Erklärung geben. Wir werden von den Betreibern der Rundfunkanstalten vorgekocht, damit uns deren Geballer nicht die letzte Synapse wegschmirgelt. Alles andere wäre eine Verschwörungstheorie.


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2 responses

3 05 2013
lamiacucina

Die „Zerrüttungsbeschallung“ ist nicht nur auf Trallala und Ufftata beschränkt. Wer je in gehobenen Restaurants sein bestelltes Menu zu Mozartgeklimper und Pavarottigeschmetter essen musste, wird seine Mahlzeiten nur noch zu Hause in aller Stille einnehmen wollen.

3 05 2013
bee

Es kommt immer auf die Begleitumstände an. Telemann und Rathgeber haben wohl allerlei Vergnügliches komponiert, aber eine Belcanto-Arie bei Tisch ist wie ein Jongleur auf der Beerdigung: an sich unterhaltsam, aber im Augenblick entbehrlich.

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