Singlefrust

21 05 2013

Vorsichtig behauchte Köchler den Stempel, bevor er ihn langsam und traurig auf den Vordruck presste. Es würde keine Volksfront zur Rettung des Gebrauchsdackels geben, wenigstens keine mit Parteienstatus. Köchler gab das Blatt in die Aktenmappe zurück, schloss sie und legte sie auf den rechten Stapel. Ich wartete.

„Parteien“, hub er mit Bedacht an, „sollten immer dessen eingedenk sein, dass sie nicht für eine einzige Gelegenheit gegründet sind. Man muss da klug vorgehen. Haben Sie sich denn schon einmal Gedanken gemacht, was Sie in die Politik geführt hat?“ Ich blätterte in meinen Unterlagen, fand jedoch keine der vorgefertigten Antworten wirklich gut; sie waren allerdings auch für die erste Bundespressekonferenz vorgesehen. „Etwas mit Frau und Karneval“, stammelte ich, „und vielleicht irgendwie Umweltschutz oder Natur. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich mir gedacht habe.“ Köchler rieb sacht seine Fingernägel. „Das mit dem Karneval ist natürlich ganz aussichtslos.“ Ich legte die Stirn in Falten. „Schon die außenpolitischen Folgen könnten sich als schwierig erweisen“, gab er zu bedenken, „stellen Sie sich nur einmal vor, Sie sollen als Bundespräsident – Sie wollen sicher höhere Staatsämter ausüben? – ein Staatsoberhaupt begrüßen. Und dann stehen Sie da, auf dem roten Teppich. Mit einer roten Nase.“

Ich blätterte weiter in meinen Papieren. „Man könnte ja auch etwas mit Wirtschaft machen.“ Er blickte mich erstaunt an. „Das ist gar nicht schlecht, zumal Sie in eine echte Marktlücke stoßen würden. Die meisten Parteien verstehen von der Sache nicht wirklich viel, das würde Ihre Chance sicher sehr vergrößern.“ Er sah kurz in sein Verzeichnis. „Außerdem ist Wirtschaft ein großartiger Begriff, recht schwammig und für alles zu verwenden, wie Freiheit, Fortschritt, Moral oder Bürgertum. Das ist wie Wurst. Auch wenn man sich ungefähr denken kann, was drin ist, von außen sieht man meist nicht, was einen erwartet.“

„Automobil?“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist keine Marktlücke, Bier und Bildung auch nicht. Sie müssen schon ein bisschen origineller sein.“ „Eine Partei für Nichtwähler?“ Köchler besah seine Knöchel und schnippte behutsam ein Stück Konfetti vom Ärmel. „Bedauerlicherweise auch das nicht, und sie hatten selbst darunter zu leiden. Sie haben ihre Arbeit inzwischen eingestellt.“ „Was ist ihnen zugestoßen?“ Er wiegte bedauernd den Kopf. „Sie wurden nicht mehr gewählt.“

Vor meinem geistigen Auge entstand bereits die Kulisse eines pompösen Bundesparteitages, auf dem ich in flammender Rede ein wie auch immer geartetes Argument variieren würde, warum ich (und zwar nur ich) geeignet wäre, den Vorsitz dieser Partei zu führen. Sicher wäre es eine Vereinigung zum Schutz des Gebrauchsdackels vor der Wirtschaft, möglicherweise aber auch genau andersherum. Wer wollte das schon so genau sagen in einer politischen Landschaft, die sich zu schnell entwickelt, um Ahnung von den Erfordernissen der Wirklichkeit zu haben. „Etwas für Rentner?“ Köchler nickte. „Gute Idee, die sterben nie aus. Und ihre Bedürfnisse bleiben immer dieselben. Sie wollen ihre Ruhe und wissen alles besser. Das ist ein nachwachsender Rohstoff.“

In der Informationsbroschüre hatten viele schöne Beispiele gestanden von Sozialisten, bibeltreuen Monarchisten und Reichsbünden für Dinge, die man so wenig brauchen konnte wie einen Reichsbund. Ich suchte in meiner Tasche nach dem Heftchen. „Wenn Sie schon die Umwelt genannt haben, könnten wir da nichts machen?“ Köchler nickte nochmals, diesmal schon ein wenig deutlicher erkennbar. „Ja, aber bitte nicht zu sehr ins Detail gehen.“ Ich sah ihn erstaunt an. „Es muss schon eine gewisse Offenheit vorhanden sein, wenn man sich auf ein einziges Thema beschränkt. Wenn Sie für den Schutz der Wale eintreten, haben Sie Pech gehabt.“ Noch immer verstand ich nicht. „Sie werden entweder die Wale retten und internationale Gesetze zu ihrem Schutz erzwingen – oder die Art verschwindet von unserem Planeten. Dann können Sie Ihre Partei auch beerdigen. Man nennt das Singlefrust.“ „Singlefrust?“ „Richtig“, bestätigte Köchler, „ein einziger Programmpunkt bringt oft nichts als Scherereien. Denken Sie an die Grünen, kaum haben sie den Ausstieg aus der Atomkraft einigermaßen in Aussicht, schon suchen sie sich mit den Windkraftwerken neue Ziele. Denken Sie an die Zukunft.“

„Wo wir gerade bei der Wirtschaft sind, haben Sie noch etwas frei für Rentner?“ Köchler fuhr mit dem Zeigefinger an einer Liste entlang, doch er schien nichts Passendes zu finden. „Es gäbe noch eine Vakanz im rechten Lager“, stellte er fest, „wir haben knapp ein Prozent Nationalisten aus dem bildungsfernen Segment – wollen Sie da nicht etwas versuchen?“ „Ich hätte hier eine schlimm ausländerfeindliche Rede“, gestand ich und lief schamrot an. „Eigentlich wollte ich die gar nicht…“ „Lassen Sie es“, gab Köchler streng zurück. „Sie müssen viel besser zuhören – was hatte ich Ihnen gesagt? Setzen Sie sich die richtigen Ziele. Wenn Sie alle Ausländer loswerden wollen, was tun Sie dann, wenn Sie es geschafft haben? und welche Entschuldigung haben Sie, wenn es nichts gebracht hat?“ „Gut“, sagte ich knapp, „dann wird es wohl nichts. Zumindest diesmal nicht. Ich werde mir einen Job suchen, Politik scheint nichts für mich zu sein.“ „Moment noch.“ Er zog ein Blatt aus dem Stapel heraus. „Könnten Sie sich vorstellen, etwas gegen den Euro zu haben?“


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