Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCVII): Die Krise als Religion

24 05 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es braucht nicht viel, den Hominiden von der Überlegenheit des Metaphysischen zu überzeugen; meist reicht ein Sonnenaufgang, schon fühlt er sich unterlegen. Sobald sich der Alltag nicht mehr mit Bordmitteln bewältigen ließ – warum ist dieser verdammte Hirsch so schnell, warum kriegt die Frau drei Dinge gleichzeitig erledigt, warum schläft Nggrs Urahn seit Wochen im Freien und riecht so unangenehm – sucht sich der Einwohner des Paläolithikum kompetente Antworten, meistens bei eingebildeten Wesen oder Strukturen, die nicht im Klartext antworten und kaum ein gesteigertes Interesse am Dasein des Troglodyten zeigen. So wird auch schnell begreiflich, dass der Ägypter selten dem Ren huldigt, der Polarkreisanrainer kaum häufiger das Krokodil kultisch kategorisiert; man reserviert für die spirituellen Dinge das, was man kennt, aber nicht oder nur mangelhaft intellektuell durchdringt. Warum sich schnell erklären lässt, dass nur kurze Zeit später der Affe im Nadelstreif die Eurokrise als Religionsersatz hinnimmt.

Der durchschnittliche Europäer, ein zahlendes Mitglied der Mittelschicht, hat sich hübsch in seiner Existenz eingerichtet. Er bedauert das Ableben der anderen, hält sich selbst für unsterblich und wird nicht an den Gerüsten seiner Gesellschaft zweifeln, gleichwohl er die härtesten Kritiker seiner Lebensart für durchaus kluge Leute hält. Was bisher an Krise über ihn hereingebrochen ist, hält er für die Folge entfesselter Gier – nicht seiner Gier, so gut ging es ihm schließlich nie – und kommt damit zurecht, dass jetzt die Rechnung bezahlt werden muss, wie es diese komischen alten Männer und das Ding mit den Halsfalten in den Abendnachrichten von sich geben. Auf Sünde folgt Buße, mehr hat er nicht aus der ideologischen Indoktrination seiner Schulzeit behalten, und glücklicherweise hatte die Kultusministerkonferenz noch einmal die Kurve gekriegt, bevor sie den Begriff der Gnade in den Lehrplan hätten vitriolisieren können. Die Botschaft ist egal, allein es zählt der Glaube: vor uns steht ein Gottesgericht biblischen Ausmaßes, unabwendbar in seiner Art als Gottesgericht, und nach bester Tradition werden wieder einmal die bezahlen, die diesen ganzen Dreck nicht verursacht haben. Wir kapieren die Zusammenhänge nicht, also muss es, sagt unsere Führung, gerecht sein.

Das Tupperhirn setzt sich gar nicht erst den drängen Fragen der Menschheit aus – wer sind wir, wohin gehen wir, wer verbietet uns das Denken – sondern akzeptiert die Instanterkenntnis, die ihm seit ehedem eingehämmert wurde: was uns erhält, darf nicht falsch sein. Folglich gerät der ab Werk Verdübelte nichts ans Grübeln, da er die Risse im Gebälk seines sozioökonomischen Plattenbaus sieht. Wie uns die Erzählung des Abendlandes weismachen will, konnte die Folgen der Krise niemand sehen; sie verbarg sich auf der Rückseite der Medaille, sicherlich marktkonform, aber wer soll diesen Kausalkonnex schon kapieren. Die Schatten der Schulden erscheinen dem Subjekt wie eine primitive Götzenfigur: solange man an sie glaubt und sie fürchtet, ist sie lebendig und beherrscht alles, doch faktisch ist sie nichts als die Projektion von Allmachtsfantasien, die einer dazu bestimmten Kaste helfen sollen, den Basalkasten die Geworfenheit in der kapitalistischen Religion zu erklären. Sie haben sich ihren Gott nicht geschnitzt, sie dürfen nur daran glauben.

Denn die medialen Spulwurmaufzuchtstationen werden nie müde, uns das Schicksalhafte der ganzen Verstrickung vorzuweimern. Wie die Politik vergangener Jahrzehnte über uns hereingebrochen war, haben uns Parteiprogramme, Konzerne und Ideologien heimgesucht, für die keiner etwas gekonnt haben muss. Allenfalls die immanenten Dogmen, Austerität, Gelddrucken und noch mehr Abbau der gesellschaftlichen Strukturen, lassen sich aus der Heimsuchung zweifelsfrei ableiten, wie es der Führungstypus dieses Zeitalters erahnen lässt. Sie wissen nicht, was sie tun, halten aber sich selbst für alternativlos.

Seltsam sinnfreie Riten schwiemelt sich der durchschnittliche Depp zurecht und integriert sie in den Alltag des Volkes, wobei es egal ist, ob man zu Ehren des großen Watumba Würste in die Luft schmeißt oder jeden Tag regredierten Rübennasen lauscht, die die Börsennachrichten konzelebrieren. Die Krise dominiert den gesellschaftlichen Diskurs, sie lässt uns entscheiden, wer noch als Zweifler und wer schon als ungläubig gilt, und sie organisiert das größte säkulare Glaubensprojekt, seitdem es ein diesseitiges Heilsversprechen mit unbeschränkter Haftung gibt: die Hoffnung auf Wiederauferstehung in alter Gestalt, die Vergebung sämtlicher Sünden dank sozialisierter Buße, die Erlösung aus der ganzen Scheiße, obwohl wir sie tatkräftig verhindert haben. Halleluja. Das Dumme ist, dass die ganze Grütze danach wieder von vorne beginnen wird. Vermutlich sollten wir die Kapitalisten einfach mal ins Nirwana jagen.


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Eine Antwort

24 05 2013
castellvecchio

Hat dies auf castellvecchio rebloggt.

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