Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCIX): Sightseeing

7 06 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird auf der Völkerwanderung begonnen haben. Die römischen Gastwirte hatten die Tische vor die Tür gestellt, der Duft von Rosmarin und Wein hing in der Luft, als zack! Horden von Hunnen das Imperium pulverisierten. Keiner wusste, woher sie gekommen waren, keiner konnte die fremdartigen Sitten und Gebräuche dieser Stämme einordnen. Sie überfielen ohne Warnung Thermen und pflasterten alles mit Handtüchern. Sie trugen unförmige Socken mit farbigen Streifen zu offenem Schuhwerk, pflegten heimatländisches Liedgut in den Tempeln der ewigen Stadt, ja viel schlimmer noch: sie drückten sich um Kolosseum und Janusbogen herum, sie tanzten Ringelpiez um die Engelsburg. Kein öffentlicher Platz war vor ihnen sicher. Die Unart des Sightseeing hatte ihren Lauf genommen.

Sightseeing ist der weit verbreitete Irrtum, eine Rotte Aliens würde auf mitgeführten Schildern verkünden, sie käme in Frieden – und würde es auch so meinen. Sie vermeiden maximal ein blitzkriegsartiges Szenario, ansonsten assimilieren sie den Raum. Die Besucher, aus aller Herren Länder an den Ort gekarrt, hatten sich das alles auch ganz anders vorgestellt. War im Reiseführer zwischen Dom und Stadtpark nur knapp ein Fingerbreit auf der Karte, so wächst São Paulo im Maßstab 1:1 rasch zu einem nicht unmittelbar überschaubaren Konglomerat der Dinge, die man an sich gerne zu Hause gelassen hätte.

Es ist nicht die Tatsache, dass Menschen fremde Länder aufsuchen, um allerlei Zeugnisse von Bau- und Kriegskunst, Politik und Plattentektonik zu betrachten und zu fotografieren. Es ist die Tatsache, dass sie dies in beknackter Geschwindigkeit tun. Es ist die Tatsache, dass sie es in überdimensionalen Rudeln absolvieren, die man ohne touristische Aktivitäten als nicht minder störend begriffe.

Ein Tempolimit braucht die Invasion fremder Übernachtungsarmeen als letztes. Wie Blattläuse regnen sie überall hernieder, wo man Zeugen der Geschichte geballt und atmosphärisch verdichtet sieht, in Heidelberg und Paris, Neapel und New York. Wer schon dem irrigen Glauben anhängt, ein Londoner hätte sämtliche Ecken seiner Stadt bis in die kleinste Verwinkelung gesehen, studiert und für überlebenswert befunden, der meint auch, man könne im Überholspurmodus eine Metropole an einem Wochenende komplett besichtigen, begreifen und bewerten, was seitens der Reiseveranstalter – einer Spezies übler Betrüger, die für ihr Prospektmaterial ganze Paralleluniversen aus Schmierseife kneten – meist mit höherem Wahnsinn gekontert wird. Da reichen Eiffelturm, Notre Dame und Louvre, sonntags Pont Neuf und Place de la Concorde kostenlos dazu, und erster Klasse gibt es Sacré-Cœur plus Fahrt mit der Metro bis zum Restaurant mit dem goldenen M, und wer das gesehen hat, hat Paris gesehen. Meint der Depp, der schon Moskau und Madrid an einem Mittwoch und den Schwarzwald im Sprungwurf hinter sich gebracht hat. In letzter Konsequenz prügelt sich der Reisende aus purem Guckreiz Europa in einer Viertelstunde in die Birne und prallt, hyperschnell wie er ist, mit dem Kopf gegen Sachen, die gerne im Weg stehen. Es ginge kaum Substanz verloren.

Zweitens die Masse Mensch. Wenn ein manisch klickerndes Geräusch amorphe Gebilde durch die Korridore der Pinakothek glibbern lässt, dann weiß der geplagte Anrainer, dass in Kniehöhe mit vermehrtem Aufkommen asiatischer Honks zu rechnen ist, die ihre Erinnerungen an Europa im Schnellfeuer erledigen: alles abgelichtet, alles in Hochauflösung gefilmt, konserviert und in jeder Facette porentief abgetastet, damit in zehn Jahren die Familie in Yokohama entdecken kann, dass sie außer in Australien auch in Germany war. Jodelnd fallen amerikanische Bataillone ein und glotzen wie in Trance die Weißwurst vom Teller. Lautstark und ohne Hemmungen schranzen sich französische Fraktionen durch das meditative Halbdunkel gotischer Kathedralen. Sie tun so, als wären sie dort zu Hause. Zumindest benehmen sie sich so.

Was der Bekloppte davon hat, in einer Menschenschlange an der Sixtinischen Madonna vorbeigeschoben zu werden, verbirgt sich dem gesunden Menschenverstand. Im Reiseführer hätte man mehr als anderthalb Sekunden gehabt, das Bild zu betrachten, abgesehen von einer Aura, die größtenteils aus Schweiß und Bohnerwachs besteht. Im Zweifel fängt sich der Sightseer ein solides Stendhal-Syndrom ein; eine affektive Störung als Souvenir ist immerhin nicht zu verachten.

Inzwischen schwiemelt man Touristen in Großraumbusse, gerne doppelstöckig, um das Gefrett netzhautschonend durchs Ambiente zu karren. Die getönten Scheiben machen es leichter, die Contenance zu wahren – wer will schon die in Beige broschierten Pensionäre sehen, die der Fremdenverkehr täglich in die Städte kübelt. Kritiker mögen einwenden, dass der zahlende Gast nicht mehr viel von der Umgebung zu Gesicht bekommt, Kenner der Angelegenheit wissen, dass das auch vorher selten der Fall war. Zwar walzt sich die Kolonne von Menschencontainern am täglichen Feierabendstau vorbei, aber was ist das schon gegen die Aussicht, das rundfahrende Volk maximal aus den Augenwinkeln wahrnehmen zu müssen. Sie haben es immerhin nicht schlechter als ihre mühsam wandernden Landsleute, denn sie sehen wenig bis nichts, aber sie sehen es immerhin im Sitzen und voll klimatisiert. Was sich eigentlich für die Lektüre eines ordentlichen Reiseführers auch anbieten würde.


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