Robbie

12 06 2013

Er sah aus wie eine Schaufensterpuppe. „Aber nur, weil wir die Besucher nicht irritieren wollen.“ Bürgermeister Moritz sah nervös aus. Dabei tat Robbie doch nichts als seine Arbeit. Und genau das war das Problem.

„Unser Personalschlüssel machte Probleme.“ Der Ortsführer zog die Stirn in tiefe, sorgenvolle Falten. „Natürlich hätte ich früher oder später eine Hilfskraft einstellen müssen, aber wie? Wir sind eine arme Gemeinde – lauter Zahnärzte, ein paar pensionierte Bundesbeamte, die die Ruhe im Dülmseler Forst schätzen, drei Dutzend Millionäre, aber kaum einer, der Steuern zahlt.“ In der Zwischenzeit hatte der Verwaltungsautomat, denn um den handelte es sich schließlich, einen Vorgang aus dem Stapel gezogen, mit den Augen blitzschnell gescannt und gestempelt, einen Brief aus Textbausteinen zusammengefügt und mit einem erstaunlich echten Krickelkrakel unterzeichnet. „In weniger als zehn Sekunden“, stöhnte Moritz. „Und wir haben uns für die Genehmigung der Absenkung des Schnittgerinnes im Einfahrtbereich immer mindestens drei Wochen Zeit genommen. Mindestens!“

Er zupfte sich innerlich die Krawatte zurecht. „Ich bin hier in Bad Knölgenfelde ja die komplette Verwaltung. Sie kommen mit allem zu mir, wenn Sie geboren werden, wenn Sie sterben, und wenn Sie zwischendurch mal einen Bauantrag stellen. Und ich kann Ihnen sagen, das ist kein einfaches Amt. Hier muss man sich um jeden Bürger kümmern, um jeden einzelnen Bürger.“ „Wie schön“, gab ich zurück. „Sie haben wenigstens noch Kontakt zu den Leuten. Das ist doch in der Großstadt ganz anders.“ „Ach was.“ Er winkte ab, eine Spur von Resignation war ihm deutlich anzumerken. „Der Gemeindeverband hat ja inzwischen die Ortsteile Dülmselermoor und Krömpershagen mit aufgenommen – das war damals alles noch Knicken-Wieselang, bis auf Hoppenstede, das gehörte zur Ostzone – und wir müssen uns mit der neuen Verwaltungssituation befassen. Wissen Sie vielleicht, was das bedeutet?“ Ich wusste es nicht, und Moritz holte aus. „Da war also unser regelmäßiger Überprüfungstermin mit der Gewerbeaufsicht, und dann zieht mir der Apparat doch aus der Kartei das Hotel Seeblick. Das geht doch nicht!“ „Ihnen fehlten sicher die personellen Kräfte.“ „Ach was!“ Der Amtmann war sichtlich verärgert. „Das Hotel gehört doch meinem Vetter Ernst. Dreißig Jahre ist das jetzt gut gegangen – dreißig Jahre! Und ausgerechnet diese Blechbüchse muss mir die Wiederwahl aufs Spiel setzen!?“ Ich mutmaßte, es könne leichte Schwierigkeiten gegeben haben. „Leichte Schwierigkeiten?“ Moritz fletschte die Zähne. „Dreißig Jahre lang hat dieses Haus keinen Beamten gesehen, und dann meldet Robbie den Gesundheitsinspekteur nicht einmal an. Können Sie sich die Folgen ausmalen? Können Sie das!?“ „Ich weiß nicht“, stotterte ich, „was ist denn passiert?“ Moritz ballte die Fäuste. „Haben Sie am Ortseingang die Bruchbude mit den eingeworfenen Scheiben gesehen?“ Ich nickte. „Das war einmal das Hotel Seeblick!“

Den Akten entnahm ich, dass die Gewerbeaufsicht schon ein paar Jahre lang versucht hatte, die Absteige am Löschteich zu inspizieren. Einmal war der Kontrolleur in der Metzgerei gelandet, weshalb es Fleisch- und Wurstwaren seither ausschließlich in Krömpershagen gab, die anderen Male untersuchte der Lebensmittelmann den Dönerwagen des zugezogenen Syrers. Der Imbiss stellte sich als geradezu chirurgisch sauber heraus, was die Frustration des Aufsehers langsam ins Unermessliche steigerte.

Robbie war nicht alleine gekommen. Er hatte zwei baugleiche Kollegen mitgebracht, die nun unbeschäftigt im Keller saßen. „Einer von ihnen macht das ganz alleine“, stieß Moritz bitter hervor, „er macht das ganz alleine, was eine komplette Verwaltung dieser Gemeinde vorher erbracht hat: Strafzettel und Standesamt, Sperrmüll und Steuerformulare, und dazu die Bürgersprechstunde am Freitag von 18 bis 20 Uhr.“ „Sie meinen den Stammtisch im Hotel Seeblick?“ Er grollte. „Wenn es mal so wäre! Alles haben wir hier hingekriegt, und dann kommt dieser Stempelautomat und macht das von selbst. Unerhört! Eine ganze Verwaltung!“ „Immerhin“, wandte ich ein, „waren Sie ja auch nur alleine verantwortlich.“ „Umso schlimmer“, schrie Moritz. „Ich mache das genauso gut wie ein Roboter!“

Den Anstoß aber hatten die zahlreichen Beschwerden gegeben. Der Bürgermeister schien sich zunächst auf die Unterredung mit dem Ministerialdirektor zu freuen, bis ihm das Ausmaß der Katastrophe klar wurde. Es ging um einen riesigen Stapel von Beschwerden, denen Robbie anstandslos stattgab, Beschwerden über die Amtsführung des vormaligen Verwaltungschefs von Bad Knölgenfelde. „Eine arbeitslose Frau hat die Kosten für ein neues Bett eingeklagt, weil die Wiege für ihr Kind zu klein wurde.“ Ich schüttelte empört den Kopf. „Dieses Kind ist einfach so gewachsen? ohne einen vorherigen Antrag?“ Robbie prüfte derweil die Unterlagen für den Schornsteinfeger des Kehrbezirks Hoppenstede. „Was soll ich denn machen“, jammerte Moritz, „ich verstehe diesen Roboter einfach nicht. Er macht mir Angst – er macht mir Angst!“ Aus schreckgeweiteten Augen starrte er mich an. „Ich verstehe ihn nicht“, sagte Moritz mit heiserer Stimme. „Er ist menschlich.“


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