Vergebliche Liebesmüh

3 07 2013

Sie war kaum fünf Minuten zu Hause, als ich an ihrer Tür geklingelt hatte. „Die Fahrt ging ganz gut“, berichtete Anne, „aber bis man aus dem Flughafen raus ist – erst wartet man aufs Gepäck, dann kommt man nicht aus dem Parkhaus, und bis man endlich auf der Autobahn ist, hat man die ganze Erholung schon wieder vergessen.“ Man sah ihr die schrecklichen Strapazen an, wie sie dastand, sonnengebräunt und mit einer echt vergoldeten Brille im Haar.

„Die habe ich mir gleich am ersten Abend geholt, weil ich meine in der Kanzlei vergessen hatte.“ Ich stemmte den ersten Koffer die enge Wendeltreppe hinauf, bugsierte das Ding durch die Schlafzimmertür und wuchtete schätzungsweise die Ausrüstung einer kompletten Polarexpedition aufs Bett. Auf dem Schreibtisch lag eine Sonnenbrille. „Das ist nicht die richtige“, informierte sie mich. „Die sieht zwar auch so aus, aber da ist nicht die, die so aussieht, wie die aussieht, die ich mir jetzt gekauft habe. Weil, die sieht anders aus.“ An sich war ich bloß gekommen, um Anne den Schlüssel auszuhändigen, ihr schonend beizubringen, dass die Zimmerpflanzen ihre Abwesenheit unbeschadet überstanden hatten (ihre Anwesenheit ist für sie weitaus gefährlicher) und vielleicht einen Espresso aus der von mir nachgefüllten Maschine zu trinken, daher ließ ich mich nicht auf eine Diskussion über Accessoires ein. Doch ihr Blick war ungewohnt und sie schien zerstreut; ich beschloss, wachsam zu bleiben. „Man isst da ja ganz ausgezeichnet“, plapperte sie weiter, „also im Hotel war es so lala, aber die hatten am Strand ein entzückendes Bistro, die hatten Jägerschnitzel, und weißt Du was, es gab Donnerstags immer Zwiebelrostbraten und dann die rote Grütze, die schmeckte wie zu Hause, die von KaufDas, nur noch süßer.“ Ich seufzte. Dazu fliegt man auf die Balearen.

„Und Cocktails hatten die! Antonio hat nämlich immer…“ Der Luftzug hinter meinem Rücken ließ nur die Erklärung zu, dass Anne zusammenzuckte. „Es ist nämlich, Du musst ja wissen, das war gar nicht in dem Hotel, und er war eigentlich auch so gut wie nie, und Du weißt ja, dass ich sonst nur sehr selten, aber bitte sag das nicht Max!“ Sie sah mich flehend an. Würde Hülsenbeck, dieser Kotzbrocken von einem Idioten, es erfahren, er ginge in die Luft. Keine schlechte Idee. „Ich habe mich vor vier Wochen von ihm getrennt, aber diesmal endgültig! Er darf mich nicht einmal mehr anrufen!“ „Und wer ist dann bitte Antonio?“ Sie fiel kraftlos in einen Sessel. „Er ist eigentlich Spanier.“ „Das grenzt fast an ein Wunder“, gab ich trocken zurück. „Aber nicht so, wie Du denkst!“ Anne war empört, offenbar dachte sie, ich würde denken, was sie dachte, dass ich denken würde. „Alles völlig harmlos, auch die Bootstour und wie wir beide bei diesem Diavortrag waren.“ Ich schwieg. „Er lernt gerade Deutsch“, beharrte sie. „Wenn man als Kellner arbeitet, muss man doch Deutsch können.“ Ich nickte beflissen.

Er hatte ihr neben einigen preiswerten Urlaubssouvenirs aus Leder, Messingdraht und Taiwan auch das Bild eines kleinen Mädchens mitgegeben. Sie hieß Maria, war seine Nichte, eine Waise in der Obhut hartherziger Ordensschwestern, die sie den ganzen Tag in einem Institut in der Nähe einer Stadt, deren Namen man nicht aussprechen konnte, einsperrten. Nur für sie kellnerte Antonio, eigentlich ein gelernter Taxifahrer, da er sein Diplom als Tanzlehrer für einen Bootsführerschein verkauft hatte, und Anne hatte ihn großzügig unterstützt, meist in Form von Wein, Eintrittskarten, Hummer oder kostspieliger Kleidung, für die er dann ja kein Geld mehr auszugeben brauchte, so dass ihm für das kleine Waisenkind wieder genug zur Verfügung stand. Sie sah herzig aus. Das Bild steckte an genau der Stelle, wo sich sonst Annes Kreditkarte befunden hätte. „Das ist nicht wahr“, hauchte sie. „Sag, dass das nicht wahr ist!“ „Das träumst Du sicherlich gerade“, antwortete ich pflichtgemäß, fing sie auf und drapierte sie auf der Matratze. „Das kann nicht wahr sein“, wimmerte sie, „und dann habe ich ihm auch noch gesagt, dass ich nächstes Jahr wiederkomme!“ Sie war am Boden zerstört. „Er hat mir sogar seine Nummer gegeben.“ Sie zeigte auf das Zettelchen im Scheinfach. Die deutsche Vorwahl hatte sie nicht misstrauisch gemacht. So weit war es gediehen.

Fredi Grumpeter, Seniorchef der Dorfmetzgerei Bad Schnörringen, war außerordentlich hilfsbereit und erbot sich, sofort Nachforschungen anzustellen, ob er in den vergangenen zwei Wochen vielleicht aus Versehen auf Ibiza gewesen sei.

„Lass uns nachdenken.“ Ich schloss die Augen. „Du wirst die Kreditkarte sofort sperren lassen, dann sprichst Du mit Staatsanwalt Husenkirchen, dass er den Schmierlappen zur internationalen Fahndung ausschreibt, und dann…“ „Ich will ihn nie wieder sehen“, schrie sie. „Dieses miese Schwein! Und ich wollte ihm auch noch…“ Das Telefon. Ich hastete die Treppe hinunter. Eine heisere Stimme meldete sich. „Hallo? Isse Frau da?“ „Nicht für Sie“, sprach ich. „Sie rufen hier besser nicht mehr an.“ Was für ein Chaos. Lippenstift, Würfelzucker mit Sternzeichen, Erfrischungstücher, eine vertrocknete Kastanie, Pflasterstreifen, noch ein vertrocknete Kastanie, ein ebenfalls vertrockneter Kugelschreiber, eine Kreditkarte. Was man so in einer Handtasche findet. Anne schniefte. „Nächstes Jahr“, beschloss sie, „bleiben wir zu Hause.“


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