Geisterbahn

8 07 2013

„Wir machen das nicht.“ „Und wenn keine andere Lösung möglich sein sollte?“ „Dann machen wir es nicht.“ „Aber wenn keine andere Lösung…“ „Wir machen es nicht, klar!? Wir machen es nicht!“ „Welche Alternative haben wir denn bitte?“ „Wir gewinnen einfach die Wahl, basta!“

„Wir brauchen eine vernünftige Lösung, sonst wird das kein gutes Ende nehmen, und das wissen Sie so gut wie ich.“ „Das mag ja alles sein, aber ich mache eine Große Koalition nicht mit. Nicht noch eine.“ „Aber…“ „Nicht noch eine! Mir hat die erste schon gereicht. Wir machen die Arbeit, und die Kanzlerin gibt es als ihren Erfolg aus.“ „Aber das wäre doch im fall von Rot-Grün dasselbe.“ „Da würde es aber nicht so stören, weil da nämlich wir den Kanzler stellen.“

„Könnte man nicht den Kandidaten noch kurz vor der Wahl…“ „Auf keinen Fall. Steinbrück bleibt.“ „… mit mehr sozialpolitischem Profil ausstatten?“ „Wie wollen Sie das denn anstellen?“ „Er müsste sich halt öfters mal sozialdemokratisch äußern.“ „Unsinn, dann können die Leute doch gleich CDU wählen. So spricht doch sonst nur noch die Bundeskanzlerin.“ „Dann muss man eben die Deutungshoheit über die Sozialpolitik wieder zurückgewinnen.“ „Wie wollen Sie das denn anstellen? und vor allem: wozu? Wenn Sie jetzt einen lupenreinen Sozialdemokratiewahlkampf machen, dann zeigen Sie doch höchstens, dass Sie der CDU die Themen klauen wollen. Dann können Sie doch auch gleich Webung für die Große Koalition machen.“ „Darum geht’s doch eben, wir müssen herausarbeiten, dass Merkel eben nicht für eine sozial verträgliche und gerechte Politik steht.“ „Ja und? Steinbrück doch auch nicht.“

„Damit hätten wir doch zumindest eine Option auf eine Ampelkoalition.“ „Die Liberalen sind auf einmal wieder auf unserer Seite?“ „Nein, nur die FDP.“ „Das können Sie vergessen. Das wäre ja wie mit Rückenwind auf den Hintern fallen. Diese Partei ist ja für alles gut, womit man sich selbst schaden kann…“ „Deshalb würde sie ja auch so gut zu uns passen, meinen Sie nicht?“ „… aber sicher nicht für eine Ampel. Und wenn Sie jetzt meinen, wie bei Merkel braucht man in der Koalition einen Hallodri, damit man selbst nicht ganz so inkompetent aussieht: was glauben Sie, wofür wir Die Grünen haben?“

„Es gäbe ja noch eine Option.“ „Das ist nicht Ihr Ernst!“ „Doch. Aber dazu müssten wir jetzt das umsetzen, was wir seit Jahren in die Wahlprogramme reinschreiben.“ „Auf keinen Fall! Mit den Linken zu koalieren ist vollkommen ausgeschlossen!“ „Wo doch Merkel jetzt auch schon den Abzug aus Afghanistan fordert…“ „Das ist Kokolores, diese Lippenbekenntnisse sind doch nichts wert, weil es überhaupt nicht umgesetzt wird.“ „… und die Mindestlöhne…“ „Ich sagte: Kokolores!“ „… und eine Mietpreisbremse. “ „Hören Sie mir eigentlich zwischendurch auch mal zu? Das meint die Frau doch nicht ernst!“ „Aber die Linken.“ „Eben, und solange diese Stalinisten mit solchen hirnverbrannten Ideen Wahlkampf machen, kann man mit denen nicht zusammenarbeiten. Vollkommen ausgeschlossen!“ „Was stört Sie denn so an denen? Die sind doch ganz harmlos.“ „Das denken Sie! Die sind nicht regierungsfähig, das sehen Sie doch.“ „Weil keiner mit denen regiert.“ „Eben!“

„Gut, dann hätten wir das ja geklärt. Und was würde jetzt gegen die Große Koalition sprechen?“ „Sind Sie noch ganz bei Trost!? Wir können doch nicht einfach klein beigeben und der Kanzlerin der Drecksarbeit erledigen!“ „Hat auch keiner verlangt. Wir müssten nur ein bisschen konsequenter auf die Versprechen der CDU eingehen.“ „Wie soll denn das funktionieren?“ „Einfach mal die ganzen leeren Versprechungen der Bundeskanzlerin auf den Tisch.“ „Mindestlohn?“ „Mindestlohn. Und Atomausstieg, aber richtig. Und Mieten und Strom und Boni und Einlagensicherheit und Truppenabzug und Kita-Plätze, und dann wollen wir mal sehen, was sie macht.“ „Was sie immer macht: nichts.“ „Das wollen wir doch mal sehen.“ „Wie wollen Sie das denn anstellen?“ „Wir treiben sie vor uns her. Entweder sie setzt das um, was sie vor der Wahl versprochen hat, und wir haben das auch versprochen, also setzt sie das um, was wir versprochen haben. Klar?“ „Oder?“ „Oder sie setzt eben gar nichts um.“ „Wo ist da die Drohung?“ „Wieso Drohung?“ „Wie wollen Sie die Kanzlerin vor sich hertreiben, wenn Sie ihr nicht drohen können?“ „Man könnte sie doch bloßstellen.“ „Und womit?“ „Dass sie nichts umsetzt.“ „Und das ist eine Drohung?“ „Das wird bestimmt total peinlich.“ „Ich sehe es schon vor mir: Vizekanzler Steinmeier lamentiert, dass Merkel eine elende Lügnerin ist, die den Parlamentarismus aushöhlt und die Wähler nach Strich und Faden auszieht, damit ein paar Großaktionäre sich die Taschen vollstopfen.“ „So hatte ich mir das gedacht.“ „Und dann sagt sie noch, die Merkel-Regierung ist das Schlimmste, was Deutschland seit dem Krieg passiert ist.“ „Ich würde das gutheißen.“ „Und sie ist auch an der Verschärfung der Staatsschuldenkrise schuld und an den Milliardenzahlungen zur Bankenrettung und an der Jugendarbeitslosigkeit sowieso.“ „Finde ich gut, schreiben Sie das gleich mal auf, das brauchen wir bestimmt noch.“ „Und mit diesem politischen Monster, das Sie da aufblasen, wollen Sie in eine Große Koalition? nur, um hinterher sagen zu können, dass wir für diese Geisterbahn nicht zur Verantwortung zu ziehen sind, weil wir versucht haben, das Schlimmste zu verhindern?“ „Ja sicher.“ „Das ist Ihr Ernst!?“ „Aber ja doch! Die Leute erwarten das doch von uns. Wir sind schließlich Sozialdemokraten.“


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2 responses

8 07 2013
George

Wieder mal auf den Punkt. Besonders das Ende von Absatz 5.

8 07 2013
bee

Und das ist um so absurder, als die SPD hier personell und parteipolitisch die eigene Vergangenheit bekämpft, in der sie noch Erfolg und Einfluss hatte.

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