Gernulf Olzheimer kommentiert (CCIII): Technik als Verlängerung des Menschen

12 07 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seit Tagen juckte es Uga am Rücken. Die Dusche war noch erfunden, seine Arme kurz und der Beerensammler mit seinen knapp dreißig Jahren ein rüstiger, aber ungelenker alter Herr. Wie er sich auch an der Wand der Einsippenhöhle schubberte, der penetrante Hautreiz blieb. Da fiel plötzlich sein Auge auf den Kollegen am Rande des Buschs, jenen freundlichen Gesellen von der anderen Straßenseite der Hominisation, der einen Stecken mit Hilfe feinmechanischer Operationen in eine gekröpfte Kratzaxt transformierte, das Ding zwischen die Schulterblätter beförderte und mit wohliger Miene die Parasiten aus dem Pelz putzte. Uga sah sprachlos zu; bald schon würde der Funke des Geistes das Missing Link überwunden und das Menschengeschlecht zur klugen Spezies gemacht haben. Selig ahmte er den Werkzeuggebrauch des Anthropoiden nach. Noch hatte er nicht begriffen, in welchen Abgrund ihn das Stöckchen hatte springen lassen. Es ging um nicht weniger als die Technik, die als Verlängerung des Menschen dienen sollte. Wenn auch nicht immer segensreich.

Die einfacheren Dinge sind nicht das Problem. Lesebrille und Fingerhut, Schaufel und Hammer inne sind noch immer das Werkzeughafte des Dings, das des zielgerichteten Impulses bedarf, um als Werkzeug die Materie sinnvoll zu wandeln. Wüsste der Bekloppte mit dem Hammer nicht zu hämmern, das Gehämmerte wäre nicht den Plan des Hämmernden nahe und endete in der Geworfenheit des Hammers. Auch die Brille gibt nur wieder, was der Lesende sich, bedürfte er ihrer nicht, ins Hirn geschwiemelt hätte. Gleichfalls ist eine jegliche Elektrifizierung von drehendem, häckselndem, heizendem und anderweitig brummendem Gedöns nur der Ars mechanica geschuldet, die da nicht mehr selbst Sahne schlägt, Löcher bohrt oder den Rasen rasiert. Sie führt die Absicht des Menschen aus, ist wohl Erweiterung seiner Bewegung, doch noch nicht die Verlängerung des Technischen in den Menschen hinein. Denn erst hier beginnt das wahre Grauen.

Da hockt sich der wenig bis nichts ahnende Bescheuerte in sein Motorfahrzeug, Steiß voran, und lauscht dem Gefiepe der Maschine: passt, Motor an. Dutzende von Sensoren, grapschenden Fingern gleich, tasten die Identität der Sitzmuskels ab, ob die respektiven Backen auch auf den Eimer passen, und geben dann den Motor zum Starten frei. Eine Art Arschgesichtserkennung.

(Am Rande nur einige Probleme, die den Konstrukteur dieses Kompetenzimitats als Schnabeltassenlutscher qualifizieren: wie kriegt man die Mühle gestartet, wenn der Besitzer gerade nicht erreichbar ist? Darf der Originalfahrer sein Körpergewicht um ein paar Kilogramm nach oben und unten variieren oder schaltet die Diebstahlsicherung dann dauerhaft auf Durchzug? Was passiert, wenn die Zündung trotz korrekter Backeneingabe den Fahrer ignoriert? Kann er die Kiste dann mit einem zehnstelligen Sicherheitscode wieder in die Gänge kriegen, und wenn ja, wer verkauft einem dies technologische Tischfeuerwerk noch ernsthaft Diebstahlsicherung?)

Die in der Stoma knirschende Bürstenapparatur passt sich dem Anpressdruck in vorauseilendem Gehorsam an und verringert die Rotation – dass der Kasper, der sich gerade der Mundhygiene hingibt, aus gutem Grund den Druck erhöht, um dann von der Maulmaschinerie nur ausgebremst zu werden, wirft Zweifel am Verstand des Konstrukteurs auf. Einen halben Meter weiter links wartet die erste personalisierbare Klobrille – mutmaßlich nur eine Weiterentwicklung des Autositzes – und initialisiert das individuelle Spül- und Schrubbprogramm nach Gewicht und Fettanteil des Gluteus. Die gründlich schmerzbefreiten Macher der schönen neuen Welt werden sich vor Begeisterung einnässen, wenn sie sehen, wie die Komfortschüssel nach japanischem Vorbild den Besucher mit beheizter Brille empfängt (mutmaßlich wird die Wunschtemperatur ebenso sensorgesteuert erkannt und reguliert), so dass die per Schmierinfektion übertragenen Keime noch komfortabler eine zünftige Ruhr auslösen können. Dazu jodelt eine Synthesizertröte kernige Weisen durch den Gebäudekomplex, um das Rauschen der Spülung zu übertönen; was für ein kognitives Kunststück, wo doch jeder Bescheuerte spätestens beim zweiten Durchgang gerafft hat, dass das Geblök des Chiporchesters nur die Beigabe zum Schlürfen des Fallrohres ist.

Längst hat das Zeug die Herrschaft über den Bediener übernommen, der zum Bediensteten der Apparate wird. Die gestengesteuerte Glotze schafft es, dass der Zugucker wie paralysiert auf der Couch krampft, um nicht aus Versehen das Programm zu wechseln. Vermutlich ist der normale Sessel eh schon komplett verwanzt, speichert den BMI, schickt ihn an Krankenkasse und NSA, bestellt automatisch Bier und TK-Pizza für den WLAN-fähigen Kühlschrank nach und gibt auf Nachfrage die beruhigende Antwort, die Situation sei normal und alles unter Kontrolle. Das mag auch stimmen, nur: für wen?


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