Gernulf Olzheimer kommentiert (CCIV): Risikohysterie

19 07 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die ureigenste Krankheit der postindustriellen Gesellschaft ist der Optimierungswahn. Feuerwerk und Arien begleiten den Aufstieg der Klongurke, deren eine aussieht wie die andere, haptisch und geschmacklich auf unteres Mittelmaß gezüchteter Grünschlurch, doch jeder, der einmal einen dieser Wassertransportbömmel in die Finger bekam, wird sie für den Rest des Lebens wiedererkennen, da als Standardsituation abgespeichert. Sie gleichen einander wie Eier, die einander wie Parteien gleichen, die man von Weitem für Gurkenrudel durchgehen ließe, würden sie sich bewegen. Das Optimierte aber, sei es Feldfrucht oder Lebenslauf, dient vor allem dazu, das noch nicht Optimierte, das Optimierungsunfähige oder, horribile dictu, -unwillige auszusondern. Weil dann alles besser wird, preisgünstiger, schneller und ohne Risiko. Was eine voll ausgeprägte Hysterie erst so richtig schön macht.

Könnte Biomasse reden, die Generationen vor uns würden uns erzählen, dass das Leben vor allem eins ist: tödlich. In mancherlei Hinsicht macht auch gerade dies seinen Reiz aus, den wir uns mit der Konsequenz unseres Handelns erkaufen. Wer sich kubanische Zigarren reinpfeift, hat für gewöhnlich gerafft, dass das Zeug dem Kollegen Krebs die Landebahn teert. Alle Augenwischerei, Light und Laber, der dem Verdeppten Genuss ohne Reue als Mantra der Stromlinienförmigen ins Hirn schwiemeln will, ist Milchmädchengedusel vor der sachzwangreduzierten Ehrlichkeit – wer nur die halbe Dosis durch den Filter zieht, saugt eben doppelt so viele Lullen, damit die Kondensatwerte wieder passen. Wer lieber Bier trinkt statt Schnaps, erreicht seinen Pegel genauso, und wer den Kuchen in sechs Teile schneidet, weil er zwölf nicht schafft, lässt auch keine Kalorien unverbraucht zurück. In der Landschaft herumzurelativieren verschafft dem Bürokratienazi quasireligiöse Ekstase, anders ist diese Schwachsinnsbulimie nicht zu deuten.

Ein Paradies für borderlineintelligentes Personal ist der öffentliche Raum, da hier der beinahe erotische Reiz dazukommt, den anderen etwas verbieten zu dürfen. Altglascontainer? Regelschule? Mäh! Tobt sich der linke Rand der IQ-Kurve erst einmal richtig in Stimmung, dann ist der Satan dran, das rote Tuch für die Schwurbelgurken mit Pensionsanspruch. Radfahren nur mit Helm! Wer ohne Helm radelt, soll doch nach drüben – gut, geht nicht mehr, aber der gefährdet sich, und wer soll das alles wieder bezahlen? So plärrt ein vom Risikominimierungskeim infizierter Torfschädel, dessen Welt mir linearem Unfug auskommt. Wer ohne Helm radelt, kriegt Kopfaua, folglich bleibt heile, wer die Bumsmütze aufschraubt.

Pustekuchen. Das Unfallrisiko, abgesehen ob aktiv oder passiv, ist das Risiko, in einen Unfall verwickelt zu werden, plus das Risiko, dabei dem Bestattungswesen Umsätze zu verschaffen. Möglich ist wenigstens theoretisch, dass der Zweiradfahrer komplizierte Gesichtsbrüche teilweise vermindert. Doch der Kalottenverstärker gibt dem Radler ein trügerisches Gefühl der Sicherheit, die Optimierung ist rein subjektiv. Die Gesamtzahl der Unfälle sinkt, doch die Anzahl der schweren Verletzungen steigt. Wen wundert es, die rollenden Rüpel nehmen sich auf ihrem Freiluftegoshooter unverwundbarer wahr und heizen noch risikofreudiger durch die Pampa – kann ja nix passieren mit dem Ding auf der Rübe. Dass daneben Autofahrer, die meist der Grund für Radunfälle sind, die Rollhelme besser geschützt und damit weniger schützenswert ansehen, erhöht die Totquote nochmals. Helme machen Radfahrer um. Wer das in Gegenwart linksalternativer Sozialpädagoginnen mit Doppelnamen ausspricht, ist doppelplushitler und darf angeschossen werden.

Unangenehmerweise entspricht genau das der Wahrheit. Die Homöostase ist im Straßenverkehr zu finden wie beim Nikotinkonsum – wer technisch die Sicherheit zu erhöhen sucht, steigert das Risikoverhalten der Beknackten über den identischen Faktor hinaus. Ein statistisch perfekt ausgeleuchtetes Feld ist der Kraftfahrer und sein Verhalten dank Sicherheitsgurt. Die heutigen Motorfahrzeuge sind in weniger gefährliche Materialkaltverformungen verwickelt, weil sie an Sicherheitsvorkehrungen reicher wurden, doch der Gesamtschaden verteilt sich lediglich besser. Die rollenden Schützenpanzer mit ABS und Seitenairbag gaukeln dem Automobilisten einen Grad von Unverletzlichkeit vor, der Sonntagsfahrer zu Formel-Möchtegern-Piloten werden lässt, drängelnden PS-Prolls mit weniger Profil als Neurose, deren lautstarkes Ableben an der Leitplanke nicht einmal eine Organspende hergäbe. Je mehr Bremsassistent, desto mehr Radlermatsch, denn die Opfer im Kfz-Rodeo sind im Zuge der Homöostase Zweiradler und Passanten, die sich vor dem im Gasgeberschädel entstandenen Ballerspiel nicht mehr ausreichend schützen können.

So optimiert eine Gesellschaft mathematisch Minderbegabter sich in den Wahnsinn und wird demnächst aus reiner Angst vor dem Leben die Zwiebeln gemäß Gesetz mit der Pinzette pellen. Sollte auch nur einer der kognitiv naturbelassenen Risikotzbrocken in Anwesenheit eines geistig Gesunden sein Hütchen von der Birne popeln und danach, wie linksalternative Sozialpädagoginnen mit Doppelnamen das zu tun pflegen, ein Litschi-Eigenurin-Hipstertrendgetränk mit karzinogenen Zuckeraustauschstoffen ordern, so soll man ihn an Ort und Stelle standrechtlich erschlagen. Und zerstückeln. Besser kein Risiko eingehen.


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