Systemrelevant

24 07 2013

„Ja, mit Ihren Noten würde ich auch studieren. Aber nur mit einer guten Perspektive – ganz recht, man sollte immer den Arbeitsmarkt im Auge haben. Entscheiden Sie sich nicht für irgendeinen Beruf. Entscheiden Sie sich für eine Lebensaufgabe. Werden Sie Terrorist.

Ich würde es jetzt nicht unbedingt als staatlich geförderte Ausbildung bezeichnen, dafür ist das Berufsbild noch viel zu durchlässig. Die Branche ist offen für Quereinsteiger. Wenn Sie beispielsweise vorher Militärerfahrung gesammelt haben oder bei einer Sicherheitsbehörde waren, stehen Ihre Chancen genauso gut wie mit dem klassischen Maschinenbaustudium oder als Elektrotechniker. IT-Kenntnisse werden in letzter Zeit auch zunehmend geschätzt, man macht sich fit für eine integrierte Kriegführung. Am Internet kommt man heute nicht mehr vorbei, ganz recht. Hier in Deutschland haben Sie außerdem den Vorteil der dualen Ausbildung, Sie können eine Universität besuchen und sich zugleich in ideologischen Kursen radikalisieren. Gerne auch im Internet. Wir haben grundgesetzlich verankerte Religionsfreiheit. Wenn Sie die Demokratie als katholischer Fundamentalist hassen, das steht Ihnen frei.

Das Berufsbild ist vielschichtig, ganz recht. Sie können sich frühzeitig spezialisieren, Sie können nach der Ausbildung auch erstmal in die zivile Wirtschaft gehen oder in die Verwaltung – wie gesagt, das Berufsbild ist vielschichtig – oder sich selbstständig machen. In wenigen anderen Berufen ist man so flexibel. Selbstverständlich lassen sich Beruf und Familie sehr gut in Einklang bringen. Die meisten Arbeitgeber ermöglichen Ihnen schon frühzeitig eine Elternzeit, die Sie als Schläfer im Home Office verbringen können.

Auch unter bildungspolitischem Aspekt kann ich Ihnen das nur empfehlen. Stellen Sie sich mal vor, Sie studieren Verfahrenstechnik, und dann landen Sie nach zwei bis drei Jahren Praktikum in einem mittelständischen Unternehmen, wo Sie bis zum Burnout für einen Lohn arbeiten, für den vor zwanzig Jahren kein Klempner den Arsch bewegt hätte. Da bleibt nicht viel Zeit für Weiterbildung. Das ist nichts. Nicht, wenn man wirklich einen erfüllenden Beruf haben will. Werden Sie Terrorist, da haben Sie was Eigenes, etwas fürs Leben.

Gerade Auslandserfahrung wird sehr geschätzt. Ein paar Gastsemester im Nahen Osten, dann haben Sie gleich eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Oder Sie erwerben ein paar Zusatzqualifikationen in der Berufspraxis bei international tätigen Anbietern. Alles auf höchstem technischem Niveau, alles sehr gut organisiert. Sie werden sofort in einem Netzwerk aus Fachkräften sein, wo man Ihre Spezialkenntnisse sehr zu schätzen weiß. Mehr jedenfalls als hier in der Industrie.

Natürlich ist das volkswirtschaftlich auch eine Branche, die schon lange im Fokus steht. Vom Auto hängt ja heute auch eine Menge ab, ganz recht. Aber haben Sie eine Ahnung, was vom Terrorismus alles abhängt? Sicherheitsdienste, Geheimdienste, Rüstungskonzerne, Trojanerprogrammierer, die ganze Telekommunikationsbranche, Briefträger, der Innenminister, meine Güte – eigentlich alles! Wenn da einer einen Nacktscanner hinstellt, der hat doch auch Spulen und Transistoren drin und Zahnräder, und wissen Sie, wer die herstellt? Sie sind eine Schlüsselindustrie, ganz recht, das hat Zukunft! Sie sind systemrelevant, und Sie leben nicht einmal mit dem Makel, Investmentbanker zu sein!

Arbeitsschutz steht an erster Stelle. Das dürfen Sie glauben, ganz recht. Zeitweise werden wir so tun, als würden wir Sie suchen und jagen, aber das werden Sie schnell merken, dass das nur eine Art Ritual ist wie die Terrorwarnungen vor den Wahlen. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Aufgespürt? aber von wem denn? Von der Polizei? Vom Verfassungsschutz? Sie haben ja einen goldigen Humor. Ach was. Sie werden nicht aufgespürt. Schauen Sie mal, diese Schnüffelprogramme sind doch nur für Falschparker und Regierungskritiker. Wir brauchen ein bisschen Propaganda, PR meine ich, damit man uns den Rechtsstaat abnimmt, aber nach Verbrechern googeln? Das würde unseren gesamten Beamtenapparat intellektuell vollkommen überfordern. Außerdem machen wir das schon so lange – 11. September, Madrid, London, Boston, Bali, Oslo, der NSU, merken Sie was? Na also.

Werden Sie Terrorist. Das ist ein Beruf, auf dem die gesamte Sicherheitsarchitektur der westlichen Staaten ruht. Werden Sie Terrorist, denn dies Land braucht Sie. Tun Sie es für Deutschland. Oder wenigstens für diese Regierung. Oder den Bundesnachrichtendienst. Oder die Qualitätsmedien und das Staatsfernsehen. Die wissen doch sonst gar nicht, wem sie Angst einjagen sollten. Tun Sie es für die Hersteller von Videokameraattrappen. Je größer die Gefahr ist, die theoretisch von Ihnen ausgehen könnte, desto höher wird der Aufwand, den wir zu Verteidigung vor der Gefahr treiben können, und je höher der Aufwand, desto größer die dadurch erzeugte Sicherheit. Sie machen Deutschland sicher. Wirklich sicher. Todsicher.

Werden Sie Terrorist, dann sind Sie auf unserer Seite. Machen Sie mit. Entscheiden Sie sich für die gute Sache. Ihre Rüstung dient dem Frieden. Wenn Sie bitte hier unterschreiben wollen?“


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